Ein Filmfestival gleicht manchmal einem Nervensystem, mit Impulsen, die blitzhaft Verbindungen herstellen im unablässigen Ansturm der Bilder. Gewalt gegen Kinder, einmal in einem afrikanischen Staat im Zustand der Implosion, ein anderes Mal in einer gediegenen amerikanischen Stadt an der Ostküste, wo katholische Priester außer Rand und Band geraten. Boston ist Schauplatz einer Zeitungsrecherche – und in einem anderen Film der Ort blutiger Bandenrivalität. Vielleicht aber führt auch nur der Zufall dabei Regie, dass all diese Filme und Geschichten aufeinander prallen wie nun beim Festival in Venedig.

Das weiß man auch in Sue Brooks’ Wettbewerbsbeitrag „Looking for Grace“ nicht so genau. Ist es bloß ein schrecklich dummes Malheur, dass Denise auf dem Weg zur Autobahn-Toilette vor einen Laster läuft? Oder hat die Sache System, weil Denise und Dan eine Ehe voller Lebenslügen führen, weshalb ihre Tochter Grace aus der Bahn gerät und davonläuft – weshalb Denise schließlich so verwirrt ist, dass sie nicht mehr auf den Verkehr achtet? Die Australierin Brooks klärt diese Fragen nicht, was ihre so leichthändig daherkommende philosophische Übung nur umso eindrucksvoller wirken lässt. Ein Film, zum Weinen komisch.

Die Jury, die am Ende des Festivals über den Marcello-Mastroianni-Preis für den schauspielerischen Nachwuchs zu entscheidet, dürfte es jedenfalls nicht leicht haben. Odessa Young als Grace vermag in einem einzigen Blick allen Weltschmerz der Pubertät zu bündeln. Doch ernsthafte Konkurrenz erwächst Young durch Abraham Attah, der in Cary Joji Fukunagas Film „Beasts of no Nation“ den zunächst lebenslustigen Jungen Agu spielt, der einer Gehirnwäsche zum Kindersoldaten unterzogen wird.

Von Netflix mitproduziert

Um Fukunagas Film gab es bereits im Vorfeld des Festivals Getöse, weil ihn der Streamingdienst Netflix produziert hat – mit dem ausdrücklichen Vorsatz, „Beasts of no Nation“ parallel zum Kinostart auch auf den eigenen Kanälen zur Verfügung zu stellen. Der Boykottdrohung großer amerikanischer Kinoketten indes haftet der Ruch der Besitzstandswahrung an, denn sollte Netflix mit seiner Strategie für einen Zuwachs an Publikum sorgen, so ist dies nur zu begrüßen: Selten dürfte ein Film so schonungslos ins Innere eines postkolonialen Staats geblickt haben, der im Zerfall selbst die Schutzbedürftigsten mitreißt.

Irdis Elba spielt in Fukunagas Film einen Warlord im ekstatischen Gewaltrausch. Vor seiner Truppe ist niemand sicher: weder die Soldaten der UN noch die der Regierung noch die Zivilbevölkerung, die zwischen die Fronten gerät. Der Kriegsherr steht selber unter der Fuchtel eines noch mächtigeren Befehlshabers, und so gibt er den Druck erbarmungslos weiter – vor allem an Kindersoldaten wie Agu, dessen Prozess der inneren Verhärtung der kleine Abraham Attah mit dem bitteren Gesicht eines Greises nachvollzieht. Sollte es noch eines filmischen Kommentars zur aktuellen Flüchtlingsdebatte bedürfen, Fukunagas „Beasts of no Nation“ nach dem Roman des Nigerianers Uzodinma Iweala hat ihn geliefert.

Kriege, Verbrechen, Lügen beherrschen zumindest auf der Leinwand diese ersten Tage am Lido. Da kann dem Kinogänger schon mal melancholisch zumute werden, so wie Thomas McCarthy, der im regenverhangenen Boston einen Fall von kirchlichem Missbrauch im großen Stil rekonstruiert. Michael Keaton, Mark Ruffalo und Rachel McAdams spielen das Rechercheteam „Spotlight“ der Tageszeitung Boston Globe, das den Kirchenskandal gegen Widerstände in der Stadtgesellschaft aufdeckt. Zur Wahrhaftigkeit des Films trägt bei, dass McCarthy selbst gründlich recherchiert hat, und zwar bei den Journalisten: Vom beginnenden Einfluss des Internet auf die Presse bis hin zur Wirkung der Anschläge vom 11. September 2001 auf die Berichterstattung unterfüttert „Spotlight“ seine Geschichte mit zahlreichen Details, die sich zum tiefenscharfen Panorama verdichten.

„Nach einer wahren Geschichte“ – dieses Echtheitszertifikat ziert zahlreiche Filme in Venedig, allerdings mit unterschiedlichem Ergebnis. Seine „Marguerite“ etwa modelliert Xavier Giannoli nach dem Vorbild der Florence Foster Jenkins, die ihre Zeitgenossen auf zweierlei Art tyrannisierte: Mit dem unbedingten Willen, ihre Liebe zur Musik in Bühnenauftritten zu dokumentieren, und einem entsetzlich schiefen Gesang. – Und noch einmal ging es nach Boston. Dort ist Johnny Depp auf seiner Suche nach einer endlich wieder gelingenden Rolle bei James Bulger angekommen, einem der schlimmsten Gangster der 1970er-Jahre. Unter der schütteren Frisur bleibt Depps Gesicht so unbewegt, wie Scott Coopers „Black Mass“ insgesamt wirkt.

Bulger ist gleichbleibend böse. Das Drehbuch besteht hauptsächlich aus dem Wort „Fuck“, und davon sind auch Depps Kollegen wie Benedict Cumberbatch unterfordert. Die Fans am Lido warteten dennoch in Scharen auf die Stars von „Black Mass“.