Wolf Biermann, der Dichter und Liedermacher, dessen Leben durch die Politik in Deutschland geprägt wurde, der aber selbst auch die deutschen Geschicke mitbestimmte, feiert am Dienstag seinen 80. Geburtstag. Dieses Jubiläum und zugleich der unrühmliche Jahrestag seiner Ausbürgerung aus der DDR vor 40 Jahren waren Anlass für ihn, sein Leben zu erzählen – in der Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“.

Mit langem Atem, in einer deutlichen, zuspitzenden Sprache, oft sarkastisch, doch auch in zuweilen poetischen Worten schildert Wolf Biermann seinen Weg als jüdischer Kommunistensohn, der immer die Welt verbessern wollte und doch stets aneckte (Propyläen, 576 S., 28 Euro). Es ist zugleich eine Art Begleitband erschienen, ein Buch, das viele berühmt gewordene Lieder und Gedichte enthält und auch zahlreiche wenig bekannte: „Im Bernstein der Balladen“ (240 S., 24 Euro). Wir veröffentlichen nun ein Gedicht, das in diesem Jahr entstanden ist:

Bilanzballade im achtzigsten Jahr

Nun werde ich keine Bäume mehr
Ausreißen: die Knochen knirschen
Doch Bäumchen pflanzen kann ich noch
Am liebsten paar Äppel und Kirschen

Ich lebte mein Leben nie dumpf dahin
Ich trieb es ! – Und wurde getrieben
Im Freiheitskriege der Menschheit bin
Ich wunderbar lebengeblieben

Sah manchen armen geprügelten Hund
Kaputtgeschlagen, begraben
Viel Freunde gingen an Schlägen zugrund
Die sie leider nicht ausgeteilt haben

Ich warf mich in Menschheitsretterei’n
Meinen jungen Vater zu rächen
Doch nun will ich Glückskind auch tapfer sein
Im Kampf mit den Altersgebrechen

Der tiefere Sinn unsres Lebens ist
Das Leben selbst. Deinem Leben
Gib dich grad krumm hin, wie du bist!
– so kannst du ihm Würde geben

Dies irdische Höllen-Paradies
Ist schön! Und hässlich wird’s bleiben:
Schön bunt und blutig ungerecht
Der Mensch wird sich selbst vertreiben

Von Mutter Erde! Im Letzten Krieg
Hilft keine Vernunft mehr, kein Beten –
Ein toter Stern wird der Erdball sein
Planetchen, nackt unter Planeten

Paar Wahrheiten hab ich zusammengereimt
Gespottet, geküsst, gejammert, geflucht
Gespuckt und gekotzt, doch niemals geschleimt
Dich hab ich gefunden, mich hab ich gesucht.
Ich staunte die Welt an, seit eh und je
   – mit Kinderaugen, uralten
Begreif immer weniger was ich noch seh
Wenn mir nun verfinstert die Sonne lacht
Mag sein, ich hab zu viele Worte gemacht
Im Nichts, wo ich bald meiner Wege geh
Im Ewigen Frieden, in ewiger Nacht
   – wird Biermann die Schnauze halten.