Die New Yorker hatten sich längst an den Bauzaun entlang der Greenwich Street gewöhnt, der 13 Jahre lang das Gelände des ehemaligen World Trade Center von der Stadt abschnitt. Man hatte ihn abgeschrieben, jenen Quadranten hinter dem Zaun, jenen Superblock, der seit 2001 weltweit als Ground Zero bekannt ist. Es war ein Ort, den man großräumig mied.

Nun ist der Zaun seit einigen Wochen weg. Die Wiederbebauung von Ground Zero ist beinahe abgeschlossen. Der monströse Turm des World Center Nummer Eins ragt schon seit Monaten als einsames Gegengewicht zur Midtown Skyline aus dem Südzipfel Manhattans und ist ab Juni bezugsfertig. Und an diesem Mittwoch wird im Zentrum des Geländes, 35 Meter unterhalb des Grundrisses der einstigen Zwillingstürme, das offizielle 9/11-Museum seiner Bestimmung übergeben.

Was ist angemessen?

Die Konzeption des Museums war sicherlich die schwierigste Aufgabe beim Wiederaufbau von Ground Zero. Die Frage, wie den Ereignissen von damals zu gedenken ist, war noch komplizierter als die Frage, wo auf einem schwachen Markt für Büroraum das Geld für fünf Wolkenkratzer herkommen soll. Es gab so viele Ansichten darüber, was hier angemessen ist, wie Interessengruppen, die sich um die Deutungsherrschaft über die symbolträchtige Stätte stritten: Da waren die Angehörigen der Opfer, die Politiker verschiedener Couleur, die Historiker sowie die Architekten, die sich Kraft Ihrer vermeintlichen Expertise zur Gestaltung der Gedenkstätte berufen fühlten.

Umso erstaunlicher ist es, dass das Museum auf seine Weise durchaus gelungen ist. Es umschifft überaus geschickt alle politischen und ideologischen Fallen, in die es hätte tappen können.

Die Planer haben es sorgsam vermieden, den 11. September irgendwie historisch zu deuten. Das Datum wird weder als Symbol für die Kraft der Weltmacht USA gelesen, noch als Symbol für einen Krieg der Kulturen. Das Museum beschränkt sich darauf, das Grauen jenes Tages zu erinnern, die Interpretation bleibt offen. „Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, wir leben noch mittendrin“, sagt die Chefkuratorin Alice Greenwald, die vorher am Holocaust Museum in Washington beschäftigt war.

Das Museum setzt auf Effekt anstatt auf Reflektion. Es ist unmöglich, sich der Beklemmung zu entziehen, die sich unweigerlich einstellt, wenn man die lange Rampe hinunter schreitet, die zwischen den Grundrissen der beiden Zwillingstürme sieben Stockwerke unter die Erde führt. Es ist eine Art Trauerprozession, zu welcher die finsteren Kaskaden an der Oberfläche, die an der Stelle der ehemaligen Türme seit 2011 ein Mahnmal bilden, szenisch einstimmen. Bei jedem Schritt verdichtet sich das Gefühl, in die Todesfalle hinab zu steigen, zu der damals die Zwillingstürme wurden. Der Eindruck wird verstärkt durch die Überreste der Originaltreppe, über welche Tausende dem Inferno entkamen, die Tausende jedoch niemals erreichten. Am Ende des bedrückenden Weges, in 35 Metern Tiefe, steht man vor der Betonwand, welche das Fundament des alten World Trade Center vor dem Wasser des Hudson River schützte und das entgegen jeder Plausibilität den Kollaps der Türme aushielt.

In dem mit 10.000 Quadratmetern gigantischen unterirdischen Areal des Museums, in das man von hier aus eintritt, wird in selbst auferlegter Beschränkung ausschließlich der Ereignisse jenes Tages und der Menschen gedacht, die damals umkamen. Man sieht eine Wand mit den Vermisstenanzeigen von damals, an welche die Angehörigen ihre Hoffnung geklammert haben; man sieht einen ausgebrannten, verzogenen Feuerlöschzug, ein paar Jeans, die noch mit dem Staub bedeckt ist, der damals die halbe Stadt überzog. Dazu hört man Tonaufzeichnungen von Opfern, die ihre Angehörigen an jenem Vormittag anriefen, um ihnen zu versichern, dass ihnen schon nichts passieren werde, obwohl sie genau wussten, dass das nicht stimmt. Es sind gespenstische Stimmen aus dem Jenseits, die hier durch die Katakomben hallen.

Den knapp 3000 Opfern wird je individuell mit dem Erzählen ihrer Geschichten sowie mit persönlichen Alltags-Gegenständen gedacht, die wie Reliquien aufbewahrt sind. Ihnen gegenüber steht das kleine Häuflein Bösewichter, die in einem oberflächlichen Kurzfilm über den „Aufstieg von Al-Kaida“ vorgestellt werden. Der Film vermeidet peinlich, sie als Repräsentanten des Islam oder überhaupt irgendeiner Ideologie darzustellen. Sie bleiben für den unbedarften Betrachter isolierte Kriminelle. Komplexität ist hier klar der Political Correctness geopfert worden.

Was bleibt ist ein spürbarer „Schlag in die Magengrube“, wie New York Times Kritiker Holland Cotter es ausdrückte. In das neue 9/11 Museum zu gehen, heißt, sich in den bedrückenden Gemütszustand des Schocks, der Trauer und der Wut zurück zu versetzen, der sich damals über New York und von hier aus über die gesamte anteilnehmende Welt legte.

Wer wird angesprochen?

Die große Frage ist nun jedoch, wer mit dieser Inszenierung eigentlich angesprochen werden soll. Seit die ersten Kritiken kursieren und ein ausgewähltes Publikum zu Vorschauen zugelassen wurde, sind sich die New Yorker, die damals am direktesten von all dem betroffen waren, beinahe einhellig einig, dass sie kein Interesse an dem Museum haben. „Ich meide das Gelände seit 13 Jahren, ich finde es angsterregend und deprimierend“, sagt etwa die Reporterin Caitlin Kelly. „Ich habe damals für meine Zeitung die Tonaufnahmen derjenigen angehört, die kurz danach zu Leichenteilen wurden. Ich will das nie mehr hören. Nie mehr.“

Für Steve Kandell, dessen Schwester damals in den Zwillingstürmen umkam, war der Besuch der Vorschau am vergangenen Sonntag nur die Fortsetzung dessen, was er in den vorangegangenen zwölfeinhalb Jahren erlebte. „Der schlimmste Tag meines Lebens ist nun endgültig zur Touristenattraktion geworden“, sagt er. Das politische und kommerzielle Ausschlachten der Anschläge, das praktisch am 12. September 2001 begonnen habe, finde hier seinen logischen Endpunkt. „Hier können sich Touristen aus Dänemark für 24 Dollar eine Stunde lang wohlig gruseln. Am Ende gehen sie dann in den Souvenir Shop und kaufen sich das T-Shirt dazu.“ Kendall ist das fremd, er wird nie wieder hier herkommen. Und so wird für ihn und für viele andere New Yorker Ground Zero wohl weiterhin ein Fremdkörper im Gewebe der Stadt bleiben, ein Ort, den man meidet.