Sie trägt ein Cape wie Rotkäppchen, wenn sie des Nachts auf die Straße geht. Doch so, wie sie an der Häuserwand oder vor einem Auto steht und lauert, könnte sie eher der Wolf sein. Denn tatsächlich sollte man ihr nicht zu nahe kommen. Die schöne junge Frau mit den schwarz geschminkten Augen und dem Picasso-Ringelshirt schweigt. Macht sie den Mund auf, blitzen die Zähne. Sie ist ein Vampir. Und bei ihrem Umhang handelt es sich nicht um ein Kleinmädchen-Accessoire, sondern um einen Tschador, wie ihn islamische Frauen tragen. Wir befinden uns in der Geisterstadt Bad City mit breiten Straßen, Schachtelhäusern und einem Palast. Am Rand steht ein Wald aus Erdölpumpen. Die Stadt soll im Iran liegen – in Wirklichkeit ist sie der Fantasie der in den USA lebenden Filmemacherin Ana Lily Amirpour entsprungen.

„A Girl Walks Home Alone at Night“ ist der seltsamste Vampirfilm, den man sich vorstellen kann. Er hat nicht den trockenen Witz von Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“, auch nicht die Verrücktheit von Jemaine Clements und Taika Waititis „5 Zimmer Küche Sarg“. Nein, er ist ernst, geheimnisvoll – und feministisch! Dabei strahlt er die kühle Spannung alter Gangsterfilme aus, nimmt in seiner düsteren Langsamkeit Anleihen beim Film Noir und verbreitet einen Zauber, dem man sich schwer entziehen kann. Diese Wirkung entsteht zunächst durch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der dünn besiedelten Gegend und schlecht beleuchteten Wohnungen. Sie wird verstärkt durch die grandiosen Schauspieler, die vor allem mit Blicken agieren und weniger mit Worten. Auch die Musik bannt den Zuschauer, bewegt sich zwischen Chansons auf Persisch, Western-Melodien und britischem Pop des 21. Jahrhunderts.

Die Regisseurin hat selbst Musik gemacht, war Frontfrau einer Indie-Rockband, bevor sie sich für den Film entschied. Amirpour debütierte 2011 auf der Berlinale mit einem Kurzfilm über zwei iranische Mädchen in den USA und nahm am Talent Campus der Filmfestspiele teil. Ihrem ersten Langfilm „A Girl Walks Home Alone at Night“ ging 2011 ein achtminütiger Kurzfilm gleichen Titels voraus.

Die Handlung dreht sich um Beziehungen voller Gewalt: Ein Dealer nimmt dem jungen Arash sein schönes, teures Auto weg, weil dessen drogenabhängiger Vater bei ihm verschuldet ist. Der Dealer besucht eine Prostituierte, erniedrigt auch sie – vor den Augen des Vampir-Mädchens. Arash will den Wagen zurück und bittet die reiche Frau, für die er als Gärtner arbeitet, um Geld, er wird jedoch von ihr verlacht. Nach einer Kostümparty, bei der er als Vampir auftritt, landet er hilflos auf der Straße.

Wie ein schwarzer Engel kommt da das Mädchen zu ihm, nicht angeschwebt oder angeflogen, sondern auf einem Skateboard gerollt. Der falsche Dracula und die echte Vampirin könnten das perfekte Paar abgeben. Jung und attraktiv sind sie beide. Doch während Arash, verletzlich wie einst James Dean, zu gut für die verkommene Gesellschaft in Bad City ist, sieht das Mädchen seine Aufgabe darin, „böse Dinge“ zu tun. Es knöpft sich den Dealer vor, Arashs drogenwilden Vater auch und rächt so die Prostituierte. Unterm Tschador verbirgt sich eine selbstbestimmte Frau. Sie nimmt Arash mit nach Hause, rührt ihn aber nicht an. Sie tanzt allein zu Musik vom Plattenspieler.

Die beste Zusammenfassung dieses Films liefert die Regisseurin selbst: „Es ist, als hätten Sergio Leone und David Lynch ein gemeinsames Baby und dafür Nosferatu als Babysitter bestellt.“ Und Ana Lily Amirpour war dabei, zeigt das in melancholischen Bildern.

A Girl Walks Home Alone at Night USA 2014. Regie und Drehbuch: Ana Lily

Amirpour; Kamera: Lyle Vincent; Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Mozhan Marnò. 99 Minuten. Schwarz-Weiß, FSK ab 12.