Sie trägt ein Cape wie Rotkäppchen, wenn sie des Nachts auf die Straße geht. Doch so, wie sie an der Häuserwand oder vor einem Auto steht und lauert, könnte sie eher der Wolf sein. Denn tatsächlich sollte man ihr nicht zu nahe kommen. Die schöne junge Frau mit den schwarz geschminkten Augen und dem Picasso-Ringelshirt schweigt. Macht sie den Mund auf, blitzen die Zähne. Sie ist ein Vampir. Und bei ihrem Umhang handelt es sich nicht um ein Kleinmädchen-Accessoire, sondern um einen Tschador, wie ihn islamische Frauen tragen. Wir befinden uns in der Geisterstadt Bad City mit breiten Straßen, Schachtelhäusern und einem Palast. Am Rand steht ein Wald aus Erdölpumpen. Die Stadt soll im Iran liegen – in Wirklichkeit ist sie der Fantasie der in den USA lebenden Filmemacherin Ana Lily Amirpour entsprungen.

„A Girl Walks Home Alone at Night“ ist der seltsamste Vampirfilm, den man sich vorstellen kann. Er hat nicht den trockenen Witz von Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“, auch nicht die Verrücktheit von Jemaine Clements und Taika Waititis „5 Zimmer Küche Sarg“. Nein, er ist ernst, geheimnisvoll – und feministisch! Dabei strahlt er die kühle Spannung alter Gangsterfilme aus, nimmt in seiner düsteren Langsamkeit Anleihen beim Film Noir und verbreitet einen Zauber, dem man sich schwer entziehen kann. Diese Wirkung entsteht zunächst durch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der dünn besiedelten Gegend und schlecht beleuchteten Wohnungen. Sie wird verstärkt durch die grandiosen Schauspieler, die vor allem mit Blicken agieren und weniger mit Worten. Auch die Musik bannt den Zuschauer, bewegt sich zwischen Chansons auf Persisch, Western-Melodien und britischem Pop des 21. Jahrhunderts.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.