Zivilisten bomben, um als Soldat zu überleben? Oder dem sicheren Tod, auch der ganzen Truppe, entgegensehen? Auf moralische Dilemmata hat sich der Däne Tobias Lindholm spezialisiert.

Das macht eine TV-Serie wie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“, an dessen Drehbüchern er beteiligt war, und einen Kinofilm wie „Hijacking“, den er geschrieben und inszeniert hat, eindringlich. Die Grenzen des Ethischen einkreisen, um die Linien dann immer wieder zu verschieben – das ist ein Prinzip, das Lindholm verinnerlicht hat  und das er mit anderen Dänen teilt, nicht zuletzt Lars von Trier oder Thomas Vinterberg. Mit Letzerem hat er gemeinsam die Geschichten für „Die Kommune“, „Die Jagd“ und „Submarino“ fürs Kino entwickelt.

Von außen, also wenn die Filmerfahrung in die Ferne rückt, sind die Fäden, an denen hier gezogen wird, so offensichtlich, dass es schwer ist zu verstehen, warum die emotionale Wirkung, das Aushebeln und Neujustieren und Verstören des inneren Kompasses, aufgeht. „A War“  ist der vermutlich schwächste Film  der oben Genannten. Die Inszenierung ist „Hijacking“ nicht unähnlich, sie paart die Suche nach Unmittelbarkeit mit Nüchternheit. Ihr Wesen ist das Prozesshafte, das Zeigen der vielen kleinen Räder, die ineinander greifen. So richtig findet der Film deshalb erst im Gerichtssaal zu sich, wenn das Drama schon voll entfaltet ist, und es sich anfühlt, als hätte der Film eine stundenlange Einführung hinter sich. 

Der Kommandant Claus M. Pedersen (Pilou Asbæk) gerät in die Bredouille, weil er sich und seine Truppe retten will. Was diese Konflikte für ihn bedeuten, das bereitet „A War“ auf  und breitet es aus. Zwischen dem militärischen Alltag in Afghanistan und dem familiären in Dänemark wechselt der Regisseur Lindholm hin und her. Es fühlt sich  von Anfang an falsch an   – oder zumindest sehr schnell –, weil die Beziehungen, die in kurzen Episoden heraufbeschworen werden, sich viel zu nahtlos einfügen in die kalkulierte Konstruktion des moralischen und juristischen  Dilemmas. Claus ist ein vielleicht allzu bemühter Soldat und will das Gute für die Zivilisten, aber er muss sich auch an Regeln halten. Er ist ein liebender Vater dreier Kinder und Ehemann einer Frau, die das Alleinsein immer weniger aushält. Was bedeutet es, wenn ausgerechnet er vor einer unmöglichen Entscheidung steht? Und wird er sich den Konsequenzen stellen?

Die Kamera ruckelt, sie sucht die Gesichter der vielen aus der Fernsehserie „Borgen“ bekannten Darsteller und geht ganz nah an sie ran. Fühlen und Denken sollen, nein müssen Gegensätze sein in diesem dramatischen Aufbau. Das sorgt für einen Druck auf das Spiel, eine Erwartung von Intensität, die der Film vor allem äußerlich erfüllt. Dies ändert sich, wenn „A War“ die Metaphern und das Beispielhafte hinter sich lässt und die Klarheit des aufregend undramatisch inszenierten Gerichtssaals findet. Die Nüchternheit und die Direktheit gehen auf: Im Kleinen, in der Regung, im Blick, im Wort und im Zögern findet sich eine Wahrhaftigkeit – endlich.

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A War – Dänemark 2015. Buch & Regie: Tobias Lindholm, Kamera: Magnus Nordenhof Jønck, Darsteller: Pilou Asbæk, Tuva Novotny, Dar Salim u. a.; 120 Minuten, Farbe. FSK ab 12.