Abbas Maroufi in seiner Buchhandlung "Hedayat" in Charlottenburg.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin „Kommen Sie, ich koche Tee“, sagt Abbas Maroufi, auf die Frage, ob wir mit ihm über die Lage im Iran sprechen können. Abbas Maroufi, 62 Jahre alt, ist einer der bedeutendsten iranischen Schriftsteller. Seit 2004 lebt er in Berlin. Viele seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, zuletzt „Ferydun hatte drei Söhne“. Er empfängt uns in seiner Buchhandlung „Hedayat“ am westlichen Ende der Kantstraße, ein langgezogener Raum, in dem die Regale auf beiden Seiten bis zur Decke reichen. Hier findet man vor allem persische Literatur und internationale Literatur in persischer Übersetzung. Es ist wahrscheinlich die größte derartige Buchhandlung auf der Welt. 

In dem mit Teppichen ausgelegten Hinterzimmer steht Abbas Maroufis Schreibtisch. Er sitzt dort drei Mal in der Woche von abends um sechs bis Mitternacht und erteilt online Unterricht in literarischem Schreiben. Seine Studenten leben im Iran, aber auch in den USA, Kanada, Holland, Frankreich, Deutschland. Die iranische Exilgemeinde ist groß und lebt verstreut. Der Bildschirm ist für ihn auch ein Fenster in das Land, aus dem er 1996 nach Deutschland floh. Die Mullahs hatten Abbas Maroufi zu Gefängnis und Peitschenhieben verurteilt, ihm Schreibverbot erteilt. Dabei hatte er nur eine Literaturzeitschrift herausgegeben.

Keine Hoffnung auf Veränderung

Abbas Maroufi ruft seine Facebookseite auf, zeigt auf die Aufnahme   einer Frau mit langen dunklen Haaren und das Mädchen neben ihr. „Sie war Schriftstellerin, ihre Tochter erst neun oder zehn.“ Sie hätten in Kanada gelebt, seien auf dem Rückweg dorthin gewesen. Ihr Mann, ebenfalls Schriftsteller und ein Freund von Abbas Maroufi, habe sie erwartet. Frau und Kind saßen in dem ukrainischen Passagierflugzeug, das kurz nach seinem Start vom Teheraner Flughafen von iranischen Raketen abgeschossen wurde. „Alles vorbei.“ Er habe nicht einen Moment lang geglaubt, dass das Flugzeug wegen eines technischen Versagens abgestürzt sei, wie Irans Regierung anfangs behauptete. „Sie lügen.“

Das Unglück ist nun fast zwei Wochen her, seitdem kommen die Menschen im Iran nicht zur Ruhe, demonstrieren vor allem Studenten gegen das Regime. Doch dass die Zeit des Umsturzes gekommen ist, so wie der Sohn des einstigen Schahs Reza Pahlavi es jetzt verkündet, glaubt Abbas Maroufi nicht, auch wenn es nun die Intellektuellen sind, die demonstrieren, nicht die  Armen und Hungrigen wie im November, als die Benzinpreise verdreifacht wurden. Damals wurden Hunderte getötet. Abbas Maroufi glaubt nicht, dass große Veränderungen bevorstehen, auch wenn die Parolen dieser Tage „scharf wie Pfeffer“ seien und Demonstranten zum ersten Mal forderten, Ajatollah Chamenei müsse gehen. Auch wenn Künstler das im Februar stattfindende Filmfestival boykottieren, so dass es abgesagt werden musste. Abbas Maroufi setzt auch keine Hoffnungen auf die Wahlen im Februar, selbst wenn Irans Präsident Hassan Rohani angekündigt hat, man werde alle Kandidaten zulassen, man wolle Vielfalt. „Die Wahlen sind nicht frei, die Presse ist nicht frei“, sagt Abbas Maroufi. „Das ist eine Show.“ Rohani nennt er einen rechten Mullah. Und über das Land sagt er: „Iran ist in einem dunklen Tunnel.“

"Das sind keine Iraner"

Abbas Maroufi reicht den Tee. Er duftet nach Zimt. Er spricht weiter. „Das sind keine Iraner“, sagt er über die Mullahs. Es gehe ihnen nicht um die Nation. Die Lage der Menschen im Land  beschreibt er mit einem Bild. Sie befänden sich wie zwischen einer Schere. Das eine Messer ist die iranische Regierung, das andere die USA mit ihrem Präsidenten, den Wirtschaftssanktionen. Man könnte sagen, dass sich diese Schere seit Jahren beständig öffnet und schließt. Abbas Maroufi erzählt, dass die USA zehn seiner Studenten nach dem Abschuss deportiert haben, andere seien auf der Rückreise in den USA nicht mehr hineingelassen worden.  

Maroufi ist ein Nachtmensch, nach dem Unterricht schreibt er, aber am Freitag ist er so früh aufgestanden, dass er die Übertragung des Freitagsgebets auf dem Mosalla-Platz in Teheran am Computer verfolgen kann. „Iran International“ heißt der Sender mit Sitz in London. Hinter der Moderatorin hängen lauter Schwarz-Weiß-Fotos, die die beim Flugzeugabschuss Umgekommenen zeigen.

Es ist ein besonderes Freitagsgebet, denn es wird von Ayatollah Chamenei selbst geleitet. Zuletzt war das vor acht Jahren der Fall, damals war der Anlass feierlich: der 33. Jahrestag der islamischen Revolution. Abbas Maroufi ist extra früher aufgestanden, aber im Grunde erwartet er nicht viel von dieser Predigt. Der Ayatollah steht vor einem leuchtend blauen Vorhang und sagt, die Demonstrationen gegen die Regierung seien westliche Propaganda, die Regimegegner nennt er Feinde.

"So ein Leben verdienen die Iraner nicht"

Es trifft sich, dass sich später an diesem Tag einige von Abbas Maroufis in Deutschland lebenden Studentinnen angesagt haben. Sie reisen aus Essen und Hamburg an, zwei leben in Berlin. Eine arbeitet als Pädagogin, eine als Architektin, eine als Dolmetscherin an der Charité. Sie repräsentieren die gut ausgebildete, auch westlich geprägte Mittelschicht im Iran. Abbas Maroufi hat gekocht, Adas Polo heißt das persische Gericht, Reis mit Linsen, dazu Spiegeleier. Käse, eingelegte Gurken, Oliven. Mitten in der Buchhandlung ist der Tisch mit blauen Zwiebelmuster-Tellern gedeckt.

Ob sie die Nachrichten verfolgen? „Jede Sekunde“, sagt Atlas A.B. Ihre Eltern leben im Iran. „Wir sind hier, aber wir leiden mit“, ergänzt Shima Amirabbas. „So ein Leben verdienen die Iraner nicht.“ Samaneh Rashidi ist erst vor vier Monaten nach Deutschland gekommen, sie kennt sich am besten mit den Alltagsbedingungen im Iran aus und erzählt von der verheerenden Inflation. Der Mindestlohn betrage 172 Euro, ein Kilo Fleisch koste zehn Euro. Angesichts dieses Missverhältnisses erschrecken die, die schon länger hier sind.  „Meine Eltern waren Universitätsprofessoren“, erzählt Atlas A.B., „aber von der Rente könnten sie nicht leben“. Der Vater habe ein Import-Export-Geschäft. Doch manches sei im Iran auch dann kaum zu bekommen, wenn man es bezahlen könnte. Medikamente zum Beispiel. „Meine Mutter hatte vor vier Jahren Brustkrebs“, erzählt Shima Amirabbas. Damals sei das mit den Sanktionen noch nicht so schlimm gewesen. „Würde sie jetzt krank, müsste ich die Mittel für die Chemotherapie selber im Koffer in den Iran bringen.“ Sie erzählen von verzweifelten Twitternachrichten, mit denen Menschen jemanden in Europa suchen, der ihnen Chemotherapiemedikamente bringen kann.

Sanktionen treffen die Menschen

„Trump will die Regierung treffen, aber er trifft die Menschen“, sagt Negin Wazii. „Am meisten die Armen und die Kranken.“ Was die Chance auf Veränderung angeht, schätzen sie die Lage ähnlich skeptisch ein wie ihr Lehrer. „Nicht so bald“, sagt Shima Arrabas. Dabei sind sie überzeugt, dass die Mehrheit der Iraner gegen die Regierung ist. „Auf alle Fälle, aber wer es offen sagt, wird geprügelt und geschlagen“, sagt Negin Wazii. Sie können verstehen, dass die meisten Andersdenkenden zu Hause bleiben, statt auf die Straße zu gehen. „Ich hoffe, ich erlebe es noch, dass sich etwas ändert“, sagt Atlas A.B. Dann wird die Tafel aufgehoben, Bücher kommen auf den Tisch. Es ist Zeit, über Literatur zu sprechen. Abbas Maroufis 16 Bücher, die er im Exil geschrieben hat, durften im Iran nicht erscheinen. Er hat sie kostenlos ins Internet gestellt für seine Leser dort. Für einen anderen Iran.