In den weit verstreuten Magazinen der Berliner Staatlichen Museen lagert ein Museum, das kein Lebender je in seiner ganzen möglichen Pracht gesehen hat: Die Sammlung von Abgüssen nach altägyptischen, mesopotamischen Skulpturen und Architekturfragmenten, solchen aus Griechenland und Rom, dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock, aus Asien, Südamerika, vielleicht gar aus Afrika und Nordamerika. Man weiß es nicht genau, denn selbst ein Katalog dieser Kopien-Sammlung fehlt. Dabei galt sie schon um 1880 als die größte der Welt. Die Berliner Gipsformerei ist noch heute mit mehr als 7000 Formen die weltweit größte. Entstanden sind sie in einer Zeit, als jedes Museum mit Anspruch eine Abgusssammlung zeigte.

Zuerst einmal dienten sie der Ausbildung von Malern, Bildhauern und Architekten – die Studenten zeichneten nach den Skulpturen, um zu lernen, wie perfekte Proportionen aufgebaut werden.

Monumentale Weltkunst

Im Londoner Kristallpalast wurden dann aber ab 1857 auch Tempel und Palasthöfe mit Kopien alter Skulpturen und Reliefs nachgebaut. Jetzt sollte auch das breite, von den Berichten aus den Kolonien schon sensibilisierte Publikum begeistert werden für die Kunst der Welt. Und das ging nur mit mit Abgüssen, die sorgfältig und unter großen Kosten weltweit von den Originalen abgenommen wurden. London und Paris zeigten im Victoria & Albert Museum, in der Ecole des Beaux Arts und im grandiosen „Vergleichsmuseum“ im Trocadero Kirchenfassaden und Säulen, aber auch Skulpturen der Khmer neben romanischen und antiken Werken, Ähnlich monumentalisierten Museen in Amsterdam, Budapest. Moskau, Boston oder Pittsburgh ihre Ausstellungen.

Auch in Berlin planten die Königlichen Museen diesen Schritt – der Museumsinsel-Wettbewerb von 1883 war wesentlich der Abgusssammlung gewidmet. Diese oft fast surreal-fantastischen „Museumsvisionen“ sind bis Sonntag in einer vom Autor dieser Zeilen mitkuratierten Ausstellung in der Bauakademie-Kulisse am Schinkelplatz zu sehen.

Aber wie so oft zerschlugen sich in Berlin die Pläne der Museen. Seit den 1890er-Jahren begann der tief verankerte Hass der Moderne auf „Gipse“ Wirkung zu zeigen, ihr Kult um das originale Kunstwerk: 1911 wurden die Antikenabgüsse von den Museen an die Universität abgegeben, um 1930 gar gefordert, alle Gipse in der Spree zu versenken. 1934 schloss dann, auf Anweisung der NSDAP, auch die Abgusssammlung im Deutschen Museum, dem Nordflügel des heutigen Pergamonmuseums. Die einst so teuren Werke kamen zumeist an die Kunstgewerbeschule und die Hochschule für bildende Künste. Dort wurden sie im besten Fall zum Wanddekor, normalerweise aber nach dem Krieg zu Wandfarbe verarbeitet.

Wie derzeit eine Tagung der in den 1980ern wiederaufgebauten FU-Abgusssammlung in Charlottenburg zeigt, war solcher Vandalismus weltweit der Normalfall. Im Amsterdamer Rijksmuseum etwa wurde zum Ende der 1950er-Jahre die einzigartige Kopiensammlung niederländischer Skultur in einem regelrechten Autodafé öffentlich zerschlagen, in Schuten auf das nahe Ijsselmeer gefahren und über Bord geworfen. Überall dort aber, wo die monumentalen Abgussammlungen des 19. Jahrhunderts überlebt haben – oft aus Mangel an Geld für die Zerstörung – sind sie heute ein Besucherhit. Man will ja im Museum nicht nur staunen, sondern auch lernen, und dazu wird Vergleichsmaterial benötigt.

Berlins vertane Chance

Seit den 1990er-Jahren wurde in Berlin diskutiert, ob die noch erhaltenen Abgüsse der Museen nicht wieder gezeigt werden sollten. In alten Kirchen, Fabrikhallen oder in den Sälen des Ethnologischen Museums in Dahlem, wenn diese nach der Eröffnung des Humboldt-Forums frei werden. Aber bisher gibt es kein Konzept, nur die Suche danach. Noch wirkt das modernistische Vorurteil gegen „Gipse“: Als das Museum für Indische Kunst 2002 seine Säle neu einrichtete, fehlten die einzigartigen Abgüsse von Reliefs der Tempel in Ankor. Das sei doch Gips, hieß es aus der Direktion, wichtiger sei die „echte“ Kunst – als wenn es in Berlin originale Werke aus Ankor gäbe. Auch als 2012 Pläne für einen Erweiterung des Bode-Museums entstanden, fehlten fast selbstverständlich Räume für die Abgüsse. Dabei kann man im Pariser Trocadero erleben, dass sogar in Museen für moderne Architektur Abgüsse mittelalterlicher Skulptur gut passen. In Berlin hingegen sind selbst die Abgüsse nach Statuen Michelangelos zuletzt 1914 ausgestellt worden. Es ist hohe Zeit für ihre Renaissance.