Der Regisseur Christian Stückl. 
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Berlin Die Oberammergauer Passionsspiele, namentlich der seit 1990 amtierende Spielleiter Christian Stückl, bekommen den Abraham-Geiger-Preis. Die mit 10000 Euro dotierte Auszeichnung würdigt „Personen, die sich für Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit einsetzen“. 

Angela Merkel hat ihn auch schon mal bekommen. Abraham Geiger (1810−1874), dessen Name auch das erste nach der Shoah auf deutschem Boden gegründete Rabbiner-Kolleg trägt, ist ein Denker des liberalen Judentums. Es ist also salopp gesagt ein jüdischer Toleranzpreis, und die Jury − geleitet von Zeit-Herausgeber Josef Joffe − wählt die herzlich bizarre christliche Traditionsveranstaltung einer bayerischen Gemeinde aus, die nach einer Pestepidemie im 17. Jahrhundert geschworen hat, alle zehn Jahre das Passionsgeschehen aufzuführen.

Paradoxe Erzählung

Hitler war 1930 auch mal da und erlebte Pilatus als einen „rassisch und intelligenzmäßig“ überlegenen Römer, der „wie ein Fels inmitten des jüdischen Geschmeißes und Gewimmels wirkte“. Schon 1900 hat der Rabbi Joseph Krauskopf die Spiele besucht und beklagt, dass das Stück Vorurteile gegen Juden bestärke und Hass schüre. Reproduziert wurde die schiefe Erzählung, nach der die Juden für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden − den Umstand unterschlagend, dass Jesus selbst ein Jude war.

Die Passionsspiele haben sich lange und standhaft gegen jegliche Reformvorschläge und Forderungen unter anderem der Anti-Defamation League gewehrt. Aber erst im Jahr 2000 nach Christi Geburt, bei der zweiten von Stückl geleiteten Passion, wurden Textänderungen vorgenommen, die das Passionsgeschehen als das erzählen, was es gewesen ist: ein innerjüdischer Konflikt − mit Jesus als jüdischem Protagonisten. Sein Andenken zu erhalten und von antijudaischen und antisemitischen Anheftungen zu bereinigen, dafür gibt es nun diese jüdische Ehrung. Eine großherzige Kulturleistung!