Bis zu einem gewissen Alter – deutlich unter fünf – macht es Kindern mehr Spaß, ihre Lego-Bauten wieder abzureißen, als sie zu bauen. Nur eines ist noch schöner: die Bauwerke von anderen zu zertrümmern. Erwachsene leben diese Lust vorwiegend in der Phantasie aus; für sie ist der soeben erschienene „Abriss-Atlas Berlin“ ein wertvoller Leitfaden voll destruktiver Anregungen.

Mit kurzen Begründungen wird in dem liebevoll aufgemachten Brevier manches der Abrissbirne anempfohlen, was dem Berliner seit langem ein Dorn im Auge ist, so zum Beispiel die Rolling Horse Skulptur vor dem Hauptbahnhof: ein Gaul, der „mit seinen verdrehten Augen an ein BSE-Rind kurz vor der Keulung“ denken lasse. Aber auch Bauten, die soeben noch gefeiert wurden wie das sanierte Bikini-Haus, sollen fallen, dieses sogar ersatzlos. Es wirke „düster, traurig und verklemmt“. Besser, man hätte gleich vom Breitscheidplatz aus einen Blick auf das Gehege mit der kopulierenden Affenhorde.

Der von Stephan Becker, Stephan Burkoff und Jeanette Kunstmann herausgegebene Architekturpranger bietet Baukritik in Pillenform. Streng gegliedert (links ein Foto des Schandflecks, rechts die Kurzkritik) ergibt sich eine Fibel des missglückten Bauens, die auch für viel Liebgewonnenes nur ein Urteil kennt: Weg damit! Manches schmerzt, etwa die Abkanzelung der heimeligen Gartenstadt Neu-Tempelhof als spießig und kleinbürgerlich.

„Individualwohnen mit U-Bahn-Anschluss gehört schlicht verboten“, bellt BauNetz-Redakteur Stephan Becker im Kommisston. Oder der rüde Umgang mit den putzigen Ballerbauten an der Admiralsbrücke: Sie sollten einer 24-Stunden-Tankstelle zur Versorgung der dort feiernden Jugend weichen. Anderes ist schlicht denkfaul wie die Abrissempfehlung für das 2009 eingeweihte Ehrenmal der Bundeswehr: „Ich denke, hierfür ist keine besondere Begründung notwendig“, schreibt der Professor für Designtheorie Friedrich von Borries.

Insgesamt aber bietet der Abriss-Atlas Berlin einen witzig-despektierlichen Architekturführer durch die monumentalen Geschmacksverirrungen der Stadt, geschrieben von Liebhabern der Brache. Mittels ihrer Brachen träume eine Stadt, schreiben die Autoren. In bester Träumermanier betrifft der schönste Abrissvorschlag des Buches die sinnlosen Mauern, die in Berlin die Hinterhöfe voneinander trennen. Entfielen sie, könne man Teile der Stadt durch ihre Hinterhöfe durchqueren wie ein „Flaneur den arabischen Souk“.

Abriss-Atlas Berlin Hrg. von Stephan Becker, Stephan Burkoff, Jeanette Kunstmann, designpress 2014, 24,90 Euro