Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist (1934 - 2020)
Foto: Imago/Sören Bidstrup

BerlinOhne dass es ihm bewusst geworden sei, „haben die Erwartungen begonnen, ihren Steinsack auf seine Schultern zu legen“, schreibt Per Olov Enquist in dem Buch „Ein anderes Leben“. Es ist seine Autobiografie, 2008 im Original und 2009 auf Deutsch bei Hanser erschienen. Er erzählt in der dritten Person, gebraucht sehr selten den Namen Enquist; nur an Scheidepunkten.

Das Leben dieses Schriftstellers hielt einige Scheidepunkte bereit. Er gehört zu den großen europäischen Autoren, er stellte sich in seinen Romanen und Theaterstücken ungelösten Fragen aus Geschichte und Gesellschaft – und sah sich auch durch seine Herkunft dazu herausgefordert. In einem Dorf 1100 Kilometer nördlich von Stockholm geboren, studierte er in Uppsala und zog bald in die Welt hinaus. Per Olov Enquist, der in Paris lebte, Los Angeles, Kopenhagen und Stockholm, diagnostizierte, dass sein Land Schweden von Europa und dem Rest der Welt oft übersehen würde. Er fuhr als Sportreporter zu Olympischen Spielen. Er erlebte den Aufbruch der Studenten und den Terror der RAF. Er tauschte sich anlässlich des einjährigen DAAD-Stipendiums in West-Berlin mit Autoren im Literarischen Colloquium aus, traf sich im Osten mit Robert Havemann in Wolf Biermanns Wohnung und aß mit Hermann Kant, von dessen Roman „Die Aula“ er angetan war, zu Mittag.

Von diesen Momenten erfährt man in seiner bewegenden Lebenserzählung. Früh heißt es da: „Er ist lieb. Das scheint der Mutter ein Problem zu bereiten.“ Denn die Katholikin ermahnte ihn, Sünden zu bekennen. Er liest manisch, holt sich jede Woche zwölf Bücher aus der Bibliothek und ist nachts von „Schreibsucht“ befallen. 500 Seiten später wird der Erwachsene als „gehorsamer Insasse“ bezeichnet. Er befindet sich nicht zum ersten Mal in einer Entzugsklinik. Doch diesmal, zum Jahreswechsel 1989/90, schafft er es. „Totalabstinenzler“ möchte er sich nennen, als „nicht eingeschriebenes Mitglied im Heer der Hoffnung“. Seine Mutter hatte einst gegen den Alkohol missioniert. Ihn rettet schließlich die Literatursucht. Per Olov Enquist schrieb im neuen Leben noch mehrere große Bücher, die Romane „Kapitän Nemos Bibliothek“, „Der Besuch des Leibarztes“, „Das Buch der Gleichnisse“ und das hinreißende witzige und weise Kinderbuch „Großvater und die Wölfe“.

Am Sonnabend ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.