Schöner Schluss! Haben wir schon bei der letzten Herbert-Fritsch-Premiere in der Volksbühne gesehen und sind von dem Effekt doch wieder berührt. Der Eiserne Vorhang senkt sich und lässt uns Zuschauer allein. Im Berliner Ensemble ist das wegen des Kontrastes zwischen der tonnenschweren Feuerwand und dem Plüsch und Stuck des Saales noch ein bisschen brutaler als in der Volksbühne.

Machtabgabe

Bei „Die Danksager“ im BE, der 190. und letzten Premiere der 18-jährigen Claus-Peymann-Ära, wird es auf der Bühne gerade richtig gemütlich, als sich vor den Zuschaueraugen das Tor schließt: Da sitzen zehn Bob-Dylan-Imitatoren um ein Lagerfeuer, zwei Assistenten sowie ein Dramaturg gesellen sich dazu, und dann geht auch noch, nachdem er höchstselbst den Eisernen per Knopfdruck geschlossen hat, „der General“ durch die kleine Tür nach hinten. Die Fernbedienung − „die Macht“ − lässt er zurück.

Wir hören noch eine Weile Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ − das Lied, das Patti Smith bei der Nobel-Zeremonie vorgetragen hat, mit rührendem Orchestercrescendo und noch rührenderem Patzer. Blechern und fern durchwehen die Stimmen das BE, unverdrossen schrammeln und quaken die Lagerfeuerleutchen, immer weiter, nur für sich.

Leseempfehlung

Dann wird geklatscht und auch gejubelt. Und als Sven Regener und Leander Haußmann − beide Autor und Regisseur in Personalunion − zum Verbeugen kommen, gibt es ein paar Buh-Rufe. Aber völlig hassfrei, fast freundlich und − kann das sein? − ironisch. Man könnte denken, die Zuschauer wollten Haußmann eine Freude machen, indem sie den Titel seiner Memoiren riefen: „Buh!“

Angemessener wäre es gewesen, „Na ja“ zu rufen, wenn das nicht zu viel Mühe machen würde. Denn der Abend ist bei allem Charme vor allem ermattend. Er ist dies mit Absicht und mit viel Ironie. Wie man es von Regeners Band Element of Crime kennt. So ist natürlich auch der Untertitel gemeint: „Bunter Abend“. Es geht betont unbunt zu, die Lieder werden betont kunstlos gesungen, es wird betont unterspielt − alles betont lässig. Dabei hätte man einfach so lässig sein können, weil das Stück so angelegt ist, dass nichts anbrennen und schon gar nicht Feuer fangen kann.

Alles mit Absicht

Allein indem die Bühnenpersonnage zu einem Teil aus Imitatoren und zum anderen Teil aus Theatermitarbeitern besteht, sind alle Kriterien ausgehebelt. Wenn Töne und Haltungen nicht immer sitzen, wenn die Energie verpufft, wenn die gespielte Unlust und Müdigkeit mitunter seltsam privat wirkt, könnte es gerade so gemeint sein und würde zum Stück passen.

Ein Dylan-Imitatoren-Casting ist geplant, kommt aber nicht in Gang, weil die Nachricht hereinplatzt, dass der Meister den Literaturnobelpreis bekommen hat. Die Dylan-Imitatoren, die allesamt eine eigene innere Beziehung zum Original haben mögen, sehen sich sogleich in der Verantwortung. Er selbst wird ja wohl keine Dankesrede vor der schwedischen Nobel-Akademie halten, also üben sie schon mal. Und dabei rutscht ihnen so manche Abschweifung ins Persönliche und ins Allgemeine in den Text.

Deckel zu

Es geht um die Einsamkeit des Genies, um die Unerbittlichkeit des Todes, um Dankbarkeit und Arroganz, um Protest und Romantik − darum, was man so alles umsonst getan und was man so alles verpasst hat. Wer könnte sich da nicht identifizieren? Zumal wenn sich im BE ohnehin ein schwerer Deckel schließt und dabei nostalgische Gonggeräusche macht. Seufz.

Dass nichts schief gehen kann, heißt noch lange nicht, dass mehr drin gewesen wäre. Man sieht es, wenn Martin Seifert (er kam 1978 ans BE) seiner eigentlich ziemlich billigen Dramaturgieparodie Seele einhaucht: der Unverstandene und Allwissende, wie er mit Nebelmaschine, Textbuch und runtergeschluckten Kränkungen den Abend flickt. Und wie Carmen-Maja Antoni (sie wurde 1976 BE-Mitglied) als unnahbarer Peymann-inspirierter General eigentlich schon machtsatt und resigniert mit der Fernbedienung Licht und Personal an- und ausknipst, da glimmt echte Tapferkeit durch.

Ausbaufähige Schnapsideen

Auch die anderen Spieler sind teilweise viele Jahre am BE engagiert und bekommen ihre Auftritte. Karla Sengteller darf als einzige einen Dylan-Song − „It Ain’t Me, Babe“ − nicht nur ironisch abspulen und runterschrubbeln, sondern interpretieren. Norbert Stöß ist in sein Headset, seine Rahmentrommel und halbherzig in seine Kollegin vertieft; Roman Kaminski führt einen hohen Dylan-Hut vor und klimpert sehr schön auf dem Klavier, Boris Jacoby ist irgendwie ein bisschen wütend und trägt einen Günter-Grass-Schnauz, weil es in seinen Monologen um die anderen vergleichsweise mickrigen Literaturnobelpreisträger geht.

Es gibt nicht nur Dylan-Imitatoren aus allen Schaffensphasen des Meisters, sondern auch gleich zwei Dylan-Imitatoren, die zugleich Dylan-Mütter sind (Traute Hoess und Claudia Burckhardt); es gibt einen gelähmten (Matthias Mosbach) und einen kleinwüchsigen (Peter Luppa ) Dylan-Imitator mit entsprechenden Witzveranschaulichungen. Das meiste an diesem Abend sind ausbaufähige Schnapsideen, die sich bei den sicher fröhlichen Proben und anschließenden Kantinengesprächen angesammelt haben.

Letzte Worte

Dort sind aber, wie bei dem Lagerfeuer, mit dem der Abend endet, Zuschauer nicht zugelassen und eigentlich auch nicht nötig. Was soll’s: Bitteschön!
Aber das ist nicht das letzte Wort. Peymann ruft uns Kritikern in die Redaktionsstuben für nächsten Mittwoch noch einen Pressegesprächstermin zu. Titel: Der Abschied. Thema: Die letzten 61 Tage. Nachdenken über das Theater in dieser Zeit.