Berlin - In der vergangenen Woche kam es zu gleich zwei kulturpolitischen Entscheidungen, die bereits jetzt als Präzedenzfälle einer neu zu justierenden internationalen Museumspolitik gelten können. Dabei ist deutlich geworden, dass sich insbesondere bei der Rückgabe von Kunstwerken die Aufmerksamkeit vom juristisch zu bewertenden Einzelfall verlagert hat zu einer Frage der gesellschaftlichen Legitimität. Was legal ist, darf deswegen noch nicht auf soziale Anerkennung hoffen.

In diesem Sinne geht aus der Entscheidung der Ratsversammlung der Stadt Düsseldorf vom Donnerstag ein spürbarer Wandel der Betrachtungsweise hervor. Diese hatte beschlossen, das auf circa 14 Millionen Euro geschätzte Gemälde „Die Füchse“ von Franz Marc an die Erben seines jüdischen Vorbesitzers Kurt Grawi zurückzugeben.

Dem Beschluss war ein jahrelanger Rechtsstreit vorausgegangen, in dem die Stadt Düsseldorf zunächst den Nachweis als nicht erbracht ansah, dass Grawi zum Verkauf des Gemäldes gezwungen gewesen sei. Diesem war 1939 die Flucht vor den Nazis nach Chile gelungen, der Verkauf der „Füchse“ erfolgte 1940 in New York. Die Rechtsauffassung aber hat sich später deutlich verschoben zu einem auch nach ethischen Maßstäben zu bewertenden Rechtsverständnis. Zuletzt hatte die Beratende Kommission für Raubkunstfälle mit einer Zweidrittelmehrheit, wenngleich nicht einstimmig, für die Rückgabe gestimmt, der sich die Stadt Düsseldorf nun angeschlossen hat.

Die Entscheidung ist insofern bedeutend, weil sich die Formulierung „verfolgungsbedingt“ hier auch auf einen Verkauf bezieht, der sich außerhalb des unmittelbaren Machtbereichs des nationalsozialistischen Regimes vollzogen hat.

Leihaktivität gegen Besitzerstolz

Von ganz anderer Dimension und nicht minder großer Tragweite ist die zweite Nachricht über ein Rückgabe-Votum, das vor knapp einer Woche von der sogenannte Benin-Dialog-Gruppe getroffen wurde, einem Gremium aus nigerianischen und deutschen Kulturpolitikern und Experten. Es ist das bislang markanteste Beispiel einer Entwicklung, die gerade auch hinsichtlich der lange vernachlässigten Kunst aus kolonialen Kontexten nach einer Neuerschließung der Bestände und Depots verlangt.

Von 2022 an werden deutsche Museen, so das Ergebnis, damit beginnen, die sogenannten Benin-Bronzen zurückzugeben, die nach dem Raub durch die Briten aus dem Königspalast in Benin Ende des 19. Jahrhunderts auf den europäischen Kunstmarkt gelangten. Allein in Deutschland befinden sich rund 1000 Objekte, von denen viele zur Ausstellung im erst kürzlich eröffneten Humboldt-Forum in Berlin vorgesehen waren. Aber bereits bei dessen digitaler Eröffnung im Dezember 2020 wurde deutlich, dass hinsichtlich des Umgangs mit Kunstwerken aus kolonialen Kontexten ein Strategiewechsel bevorsteht.

Bei der Übertragung war der Versuch, Kolonialismuskritiker mit einzubeziehen, nicht zu übersehen, hatte aber auch etwas anrührend Naives und vermochte nicht darüber hinwegzutäuschen, dass zuvor lange eher defensiv bis abweisend auf die Ansprüche zum Beispiel aus afrikanischen Ländern reagiert worden war. Dass Deutschland sich nun in einer Vorreiterrolle eines neu zu etablierenden Kulturaustausches sieht, bedarf erst noch einer akzeptierten Praxis. Wie auch immer diese aussehen mag, fällt auf, dass an die Stelle des Besitzerstolzes, der oft hartnäckig mit Rechtsmitteln verteidigt wurde, nun gesteigerte Leihaktivitäten treten sollen. An generöse Rückgabegesten könnten sich bilaterale Leihabkommen anschließen, die das Potenzial für eine neue Museumskultur bergen. Erfolgte die Präsentation von Kunst über viele Jahrhunderte nicht zuletzt aus einem mitunter sehr hässlichen imperialen Gestus heraus, so zeichnen sich Willensbekundungen ab, denen zufolge der Weltkulturkomplex im Geiste der Verständigung und gegenseitiger Anerkennung gepflegt und gelöst werden möge. Wo Macht- und Gewaltverhältnisse herrschten, sollen wechselseitige Schau-Beziehungen walten.

Ein offenes Weltkulturverständnis

Die Zweifel, ob dies gelingen kann, sind trotz der wortreichen Bemühungen nicht verringert worden. Den Verdacht, dass sich insbesondere die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) eher aus Kalkül denn aus restloser Überzeugung auf die Pfade neuer Kooperationen begeben hat, vermochte diese bislang nur bedingt zu zerstreuen. Die Entstehungsidee des Humboldt-Forums war anfangs auch gewiss nicht vom Gedanken einer umfassenden Dekolonisierung beseelt, die nun immer stärker und keineswegs nur von wild entschlossenen Aktivisten auf die Agenda gesetzt wird.

Zur holprigen Genese des Humboldt-Forums als ambitioniertes Berliner Weltkulturprojekt gehört leider auch der Hinweis, dass es der pragmatischen Überlegung hervorgegangen ist, für eine noch zu findende Zweckbestimmung des wieder zu errichtenden Berliner Schlosses bereits über das passende Inventar zu verfügen. Trotz einer sich rasant verändernden Debatte, in die die Vertreter indigener Kulturen – das sollten auch die ärgsten Kritiker anerkennen – schon vor Jahren mit einbezogen wurden, wirkt das Gesamtarrangement des Humboldt-Forums noch immer wie eine autochthone Trutzburg. Und es ist keineswegs allein den Folgen der Pandemie zuzuschreiben, dass der pompöse Kulturtempel in Berlin-Mitte bislang nicht als Anlaufstelle eines offenen und diversen Weltkulturverständnisses wahrgenommen worden ist.

Zu einer Neuorientierung, für die es nicht zu spät ist, sollte die Loslösung von der tradierten Vorstellung gehören, dass der Besitz von Kulturgütern ausschließlich als schmückendes Beiwerk gesellschaftlicher Repräsentation zu verstehen sei. Wie stark diese anthropologisch verankert ist, hat der Ethnologe Werner Muensterberger in seinem Buch „Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft“ gezeigt, in dem er auf die Wurzeln kultureller Aneignung verwiesen hat, die bereits in Bedeutung des Wortes Besitz aufscheinen. So wurden in archaischen Kulturen die Schädel getöteter Feinde in einem buchstäblichen Sinn besessen, auf dass deren Kräfte auf den Bezwinger übergehen mögen. Auch wenn im Prozess der Zivilisation später andere Formen der kulturellen Selbstdarstellung bevorzugt wurden, ist die demonstrative Bezugnahme auf die jeweils eigene Rolle in der Geschichte ein stets gegenwärtiges Motiv.

Deplatzierte Objekte

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die immer öfter erfolgenden Rückgaben von Kunstwerken, die nicht zuletzt auf den Ergebnissen einer intensivierten wissenschaftlichen Provenienz-Forschung beruhen, auf Konzepten eines ethnischen oder nationalen Kulturbesitzes beruhen, der nun selbst an seine Grenzen gerät. Wie im Ausstellungsbereich der Vorwurf des Eurozentrismus zu begegnen sei, hatte der Berliner Ethnologe Karl-Heinz Kohl bereits 2009 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Merkur erläutert. „Ethnografische Artefakte“, hieß es darin, „sind deplatzierte Objekte. Ob im Krieg geraubt oder von ihren Eigentümern gegen geringes Geld erworben – in den europäischen Sammlungen nehmen sie einen Platz ein, an den sie nicht gehören.“

Dieser verblüffend einfachen Erkenntnis zum Trotz war Kohl skeptisch, was eine nachhaltige Überwindung des Eurozentrismus angeht. Er schlug daher für das Humboldt-Forum einen weißen Kubus vor, in dem die Meisterwerke indigener Kunst kontextfrei und ohne weitschweifige didaktische Erläuterungen ausgestellt werden. Von der Haupthalle aus sollten die Besucher dann in die verschiedenen Abteilungen geführt werden, von denen jede für eine frühere Epoche der Geschichte der Beschäftigung mit außereuropäischen Kulturen stehe. Kulturgeschichte in seinen unterschiedlichen Etappen der Ent- und Aneignung.

Eine andere Art der kulturellen Aneignung

In diesem Sinne könnte das Humboldt-Forum auch die Spielstätte werden für einen Versuch, in dem sich eine Gesellschaft bemüht, seine engen Besitzvorstellungen in wissensbasierte Tauschbeziehungen zu transformieren und die Idee eines Kulturerbes zu entwickeln, das sich vom bloßen Gedanken materieller Weitergabe emanzipiert. Aber selbst dann werden die Ansprüche auf kulturelles Eigentum und die sehr unterschiedlichen Rückgabeforderungen weiterhin sehr genau zu betrachten sein, vor allem, um dem dahinter liegenden Leiden eine Geschichte zu geben.

Ein gewandeltes Verständnis von Kulturbesitz indes könnte helfen, dem umstrittenen Begriff von kultureller Aneignung, der zu einem Schlüsselbegriff der sogenannten Cancel Culture avanciert ist, einen offeneren Klang zu verleihen.