Ernst-Georg Schwill im Jahr 2011 als "Tatort"-Kommissar Lutz Weber.
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BerlinEr wohnte, wo seine schönsten Filme spielten: mitten in Berlin. Da sah man ihn einkaufen, mit Nachbarn schwatzen, lachen und sich aufregen über dies und jenes. Ernst-Georg Schwill, von allen nur „Schwilli“ genannt, war einer von vielen, einer von uns. Der Junge von nebenan, auch noch mit 81 Jahren. 

Das Geheimnis seiner schier ewig währenden Jugendlichkeit lag vielleicht in dem freundlich staunenden Blick begründet, mit dem er auf sich und die Welt schaute. Er blieb bodenständig, burschikos, voller Humor. Sorgen schob er mit kessen Berliner Sprüchen zur Seite: Det jibt’s ja jar nich. Oder, wie der Titel einer seiner Memoirenbände hieß: „Is doch keene Frage nich“. Er verwandelte sich auch nicht in irgendwelche Filmfiguren, nein, die Figuren wurden zu Schwill, in Gestus, Tonfall, menschlicher Haltung. Er war in weit über 200 Kino- und Fernsehfilmen zu sehen, einige sind unvergesslich.

Aus 800 Jungs für "Alarm im Zirkus" ausgewählt

Entdeckt wurde er von Regisseur Gerhard Klein, der ihn unter 800 Jungen für den Max in „Alarm im Zirkus“ (1954) auswählte: ein Kinderschicksal in der geteilten Stadt. Der damals 14-jährige Schwill fand so viel Gefallen am Metier, dass er seinen ursprünglichen Berufswunsch Autoschlosser aufgab und sich entschloss, Kameramann zu werden. 1954 begann er eine Lehre als Filmfotograf und Kameraassistent in den Defa-Kopierwerken Johannisthal und Köpenick und legte drei Jahre später das Facharbeiterzeugnis ab.

Schon während der Ausbildung hatte er, ebenfalls bei Gerhard Klein und dessen Autor Wolfgang Kohlhaase, einen West-Berliner Bauarbeiter in „Eine Berliner Romanze“ gespielt. Und 1958 übertrugen ihm beide die Rolle des Kohle in „Berlin, Ecke Schönhauser ...“: die Geschichte eines sinnlosen Todes in einem West-Berliner Flüchtlingslager, eine Mahnung. Der große Erfolg dieses Films bestätigte Schwill in seiner Entscheidung, statt Kameramann nun doch Schauspieler zu werden. Während seines Studiums an der Babelsberger Filmhochschule verpflichtete ihn Heiner Carow für die Titelrolle in „Sie nannten ihn Amigo“: Ein Arbeitersohn versteckt einen geflohenen KZ-Häftling und kommt dafür selbst ins Lager. Wichtig wurde auch sein Interbrigadist Willi in Frank Beyers „Fünf Patronenhülsen“ (1960): auch dies eine Studie über Humanität und Mut im Angesicht eines übermächtigen Feindes.

Ernst-Georg Schwill in seiner Wohnung in der Berliner Torstraße
Foro: Manja Elsässer/Imago

Ernst-Georg Schwill, dessen Eltern früh gestorben waren und der in der Nachkriegszeit durch mehrere Kinderheime gereicht wurde, gehörte zum Schauspielerensemble der Defa und später des DDR-Fernsehens. Aus dem Ensemble der Nationalen Volksarmee, dem er während seines Wehrdienstes in den frühen 60er-Jahren auch angehörte, wurde er wegen Disziplinlosigkeit und „unsoldatischem Verhalten“ entlassen – er hatte unter anderem den West-Berliner Sender Rias gehört. Vorwürfe, als IM-der Staatssicherheit tätig gewesen zu sein, hat er stets bestritten.

In Jahren, in denen Film- und Fernsehaufgaben weitgehend ausblieben, arbeitete er zeitweilig in der Paketstelle des Berliner Ostbahnhofs und half, wie es in einem Porträt hieß, „als Mitverkäufer und Seelentröster im Seifenladen seiner Frau“. Mag sein, dass er hier, im Berliner Alltag, den Blick auf die Welt, die Menschen seiner Umgebung schärfte. Seine Kunst, Charaktere zu formen, leuchte beispielsweise noch einmal auf, als er den buckligen Mechanikergehilfen und Schwarzmarkthändler Max Kniebein in der 1989 ausgestrahlten zweiten Staffel von Hubert Hoelzkes Fernsehserie „Märkische Chronik“ spielte.

Als "Tatort"-Kommissar ein fleißig-launisches Faktotum

Neben den gar nicht so vielen großen Rollen trat Schwill in zahllosen kleinen auf, viele nur einen Drehtag lang. Sein Motto dabei: Wenn ich sie nicht übernehme, spielt sie ein anderer, und der ist vielleicht schlechter ... – In „Good Bye, Lenin!“ (2003) war er Taxifahrer, in „Der Turm“ (2012) Chefarzt, zwischendurch Bauer und Klempner, Bäckermeister und Erpresser, Wanderer und Weihnachtsbaumverkäufer, einmal sogar Petrus im Himmel. In den 90er-Jahren hatte sich Heiner Carow noch einmal an seinen Amigo erinnert und ihn als Staunke in der Fernsehreihe „Kanzlei Bürger“ besetzt. Viele Folgen lang war Schwill auch Kommissar Weber im Berliner „Tatort“: fleißig-launisches Faktotum seiner Hauptkommissare Ritter und Stark.

Am 9. April erlag Ernst-Georg Schwill, fast sieben Jahrzehnte ein treuer Wegbegleiter seines Publikums, einem Herzinfarkt.