Der Schrecken war immer präsent. Eine Szene aus der „Lindenstraße“ mit Helga (Marie-Luise Marjan), Hans Beimer (Joachim H. Luger, l), Benny Beimer (Christian Kahrmann, hinten) und Erich Schiller (Bill Mockridge) 
Foto: WDR/ARD

Der Kuss – Deutschland ist entrüstet

Der Tag beginnt nicht gut für Else Kling. Die Lektüre des Horoskops verheißt Unbill, und prompt meldet sich die Gewerbeaufsicht bei der bärbeißigen Hausmeisterin der Lindenstraße an.

Etwas später und ein paar Stockwerke höher kommen sich der verklemmte Arztsohn Carsten Flöter und der halbseidene Schriftsteller Robert Engel näher. Nicht allzu nah, ein harmloser Kuss, der der Auftakt zu einer rauschenden Nacht sein könnte, wird jäh vom Klingeln eines Telefons mit Wählscheibe unterbrochen. Doch die Szene führt zu einem frühen Shitstorm – Deutschland ist entrüstet, sich küssende Männer im telemedialen Mainstream hatte es so noch nicht gegeben. Die Reaktionen auf die Zärtlichkeit waren martialisch. Es gab Bombendrohungen gegen das Produktionsteam und Morddrohungen gegen Georg Uecker, den Darsteller des frisch geouteten Carsten.

Auch mein Coming-out war noch nicht allzu lange her. „Der Kuss“, den ich mit meinen Eltern im heimischen Wohnzimmer sah, sorgte trotzdem oder vielleicht deswegen für eine seltsame Stimmung. Auch ich fühlte mich unwohl beim Betrachten des Kusses zwischen den beiden Männern. So wollte ich nicht sein, dachte ich damals. Irgendwie trutschig und mit einem dauerleidenden Gesichtsausdruck erschien mir Carsten Flöter als Objekt der Begierde absolut indiskutabel.

Für die Emanzipation der deutschen Schwulen und Lesben, ist diese   anrührend harmlose Szene in Folge 224 nicht oft genug als bedeutsam zu betonen.

Heute bin ich froh, dass die Macher und Schauspieler der Lindenstraße sich nicht abschrecken ließen von Drohungen, sondern sich immer aktuellen Themen annahm. So auch des schweren Doppels Homosexualität und Aids, zwei Themen also, die in der damaligen Zeit untrennbar waren. Zum einen lag nach dem Fall der Mauer ein Gefühl der Freiheit in der Luft, das sicherlich auch den Schwulen zu Gute kam. Zum anderen waren da immer noch Menschen wie der heute fast in Vergessenheit geratene CSU-Wüterich Peter Gauweiler, der für Bayern Lager für Aids-Kranke forderte. Das war 1990, und für die Emanzipation, zumindest der deutschen Schwulen und Lesben, ist diese   anrührend harmlose Szene in Folge 224 nicht oft genug als bedeutsam zu betonen.

Viel hat sich getan seitdem, jedenfalls für die Minderheiten. Ob es wieder Stimmen geben wird, die eine Virenpandemie für ihre politisch verwerflichen Zwecke zu instrumentalisieren versuchen, werden wir leider in wohl nicht allzu ferner Zukunft erfahren. (Marcus Weingärtner)

Das Treppenhaus – Else Kling und die Todeszone

Das Treppenhaus ist in der Filmgeschichte durchaus ein belebter Ort. Hier wird geküsst und gekämpft, getanzt und gestürzt. Doch zumeist spielt der Gebäudeteil, der ja eigentlich nur dazu dient, die Stockwerke eines Hauses fußläufig miteinander zu verbinden, dramaturgisch eine eher nachgeordnete Rolle. Zu den wenigen Beispielen für seine handlungstragende Rolle gehört die berühmte Tiefenschwindelszene aus Alfred Hitchcocks „Vertigo“ oder das Treppen-Kung-Fu in „The Grandmaster“ von Wong Kar-Wai. Gerade in Martial-Arts-Filmen dient das Treppenhaus dazu, die für die Spannung notwendige bedrohliche Enge zu erzeugen sowie die artistisch wie choreographisch überraschenden Prügel-Moves.

Wahrscheinlich kommt Else Klings segensreiches Wirken in der „Lindenstraße“ diesem Nahkampf-Setting am nächsten. Sie, die immer nur als Hausdrachen mehr hingenommen denn wertgeschätzt wurde – sie war die uneingeschränkte Herrscherin vor allem im Treppenhaus der Lindenstraße. Und da es hier nur ein solches Treppenhaus gab, wurde es zur sozialen Todeszone der ganzen Siedlung: An der Kling, die so wunderbar kantig von Annemarie Wendl-Kleinschmidt gespielt wurde, kam niemand vorbei, sie machte den Raum bedrohlich eng. Wer ihr unter die Augen trat, musste sich auf einen zumeist nur verbalen, mitunter aber auch tätlichen Nahkampf einlassen und durfte froh sein, ihn glimpflich überstanden zu haben.

Zu den Verdiensten der „Lindenstraße“ gehört es, das Treppenhaus zum vollwertigen Spielort erhoben zu haben.

Zu den unvergesslichen und also bleibenden Verdiensten der „Lindenstraße“ gehört gewiss, das Treppenhaus als vollwertigen Spielort auf die filmische Agenda gehoben zu haben. Dass es dazu eines starken, eben dominierenden Charakters wie Else Kling bedurfte, ist die kluge Einsicht des Erfinders der Seifenoper zu verdanken, des Regisseurs Hans W. Geißendörfer. Er schuf einen panoptischen Wunsch- und Sehnsuchtsort, den er sehr spektakulär einzusetzen wusste, etwa in Folge 1069, als Else Kling stirbt. Wir sehen die Frau im rosa Kostüm mit weißer Bluse auf ihrem Sofa in einer blitzsauberen Wohnzimmer sitzen. Ein Schal mit bunten Blumen liegt um ihre Schultern, die silbergrauen Haare sind ordentlich frisiert. Sie hat vor dem Fernseher Platz genommen …

„Else“, ruft plötzlich eine Männerstimme. Else: „Is’ scho’ soweit? I’ kimm!“ Sie steht auf, geht zur Wohnungstür, öffnet sie und tritt ins gleißende Licht des Treppenhauses, das sie verschluckt. Ins Paradies. (Christian Schlüter)

Das Tempo - Passiert da heute noch was?

Zu Beginn ein Bekenntnis: Der Suchtfaktor, mit dem Seifenopern kalkulieren, er verfängt bei mir. Und zwar auf ganzer Linie, total und vollumfänglich. Seit knapp 30 Jahren stopfe ich alles in mich rein, was die Soap-Produzenten aus aller Welt so abliefern.

Es fing schon in früher Jugend an: Neben den Hausarbeiten flimmerten – natürlich ohne Kenntnis der werktätigen Eltern – „General Hospital“, „Reich und schön“ oder „California Clan“ über den Bildschirm. Wie die Capwells und die Lockridges sich unter der Sonne von Santa Barbara hassten, liebten, küssten und ermordeten, das war neben der Matheaufgabe locker noch mitzunehmen. Und obendrein viel interessanter als Algebra.

Die langsame Erzählgeschwindigkeit passte nicht ins Konzept meiner Soapsucht.

Später, als die Nachmittage an der Uni verbracht werden mussten, stieg ich um auf das deutsche Vorabendprogramm: „Verbotene Liebe“, „Marienhof“, „Unter uns“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, überall habe ich mal reingeschaut und blieb über mindestens 100 Folgen hängen. Doch ausgerechnet bei der ersten deutschen Seifenoper, der „Lindenstraße“, bekam ich nie einen Fuß in die Tür. Ich habe mal eine Folge gesehen, in der es, so meine ich mich zu erinnern, um ein altes Familienfoto ging, von dem keiner wusste, aus welchem Jahr es eigentlich stammte. Irgendjemand wurde außerdem zu einer erneuten Schwangerschaft beglückwünscht.

Tja nun, derweil hatte Clarissa von Anstetten drüben bei „Verbotene Liebe“ schon zehn neue Intrigen angezettelt, ihre Erzfeindin Tanja bekriegt und ihren Ex-Mann Christoph dazu gezwungen, sie erneut zu heiraten, und ihn damit in den Selbstmord getrieben.

Ich war für die doch etwas betuliche, biedere Welt der „Lindenstraße“ bereits verloren. Die langsame Erzählgeschwindigkeit passte nicht ins Konzept meiner Soapsucht. „Wir sind schon ein bisschen schneller im Erzähltempo und im Schnitt geworden, aber wir versuchen immer, den Geschichten den Raum und die Zeit zu geben, die sie inhaltlich brauchen“, hat die „Lindenstraßen“-Produzentin Hana Geißendörfer vor knapp drei Jahren in einem Interview gesagt. Da war es für mich bereits zu spät: Ich musste inzwischen Geld verdienen und hatte kaum noch Zeit für meine Seifenopernliebe. Dafür, dass ich der „Lindenstraße“ nie eine Chance gegeben habe, möchte ich mich hiermit entschuldigen – und hinzufügen: Clarissa von Anstetten ist schuld! (Anne Vorbringer)

Die Normalität - Es geht der Linde an die Rinde

In einer der letzten Folgen griff Murat Dagdelen in seiner kontrollierten Verzweiflung zum Äußersten. Er kettete sich auf der Straße aus gleich zwei Gründen an. Zum einen galt sein Protest der Verdrängung seiner Shisha-Bar aus der Lindenstraße, zum anderen wehrte er sich gegen die Abholzung eines Baumes. „Niemand geht der Linde an die Rinde“, hieß es auf einem Plakat.

So ging es über 30 Jahre lang, aktuelle gesellschaftliche Themen hielten Einzug in das Seriengeschehen, die sozialen Konflikte, in diesem Fall die Gentrifizierung der Innenstädte, fegten stets stürmisch durch die handelnden Personen hindurch. Und so hat sich die oft als betulich abgetane „Lindenstraße“ als äußerst gewalttätiges Quartier erwiesen. Es wurde gemordet, geraubt und gepöbelt. Immer auch war das kleine Areal im fiktiven München ein Schauplatz individueller Selbstbehauptungskämpfe. Transsexualität spielte ebenso eine Rolle wie sexueller Missbrauch, die Flüchtlingskrise und islamistischer Terrorismus. Haupt- und Nebenfiguren waren in der „Lindenstraße“ stets auch Konflikttransporteure. Das Gesellschaftsdrama, das in der Lindenstraße erzählt wurde, hörte nie auf, und die Charaktere waren unter Beibehaltung gewisser Stereotypen gewaltigen Veränderungen ausgesetzt.

Die „Lindenstraße“ – ein Langzeitexperiment, das eigentlich nicht aufhören konnte.

Mutter Beimer aber war dazu verdammt, immer dieselbe zu bleiben – eine sorgende und besorgte Kümmerin. Ludwig Dressler, der die „Lindenstraße“ geradezu opernhaft durch einen programmatischen Suizid verließ, assistierte ihr als sanfter Patriarch bei der Beibehaltung einer demonstrativen Normalität, in der danach gestrebt wurde, Fernsehen und soziale Wirklichkeit weitgehend zur Deckung zu bringen. Die „Lindenstraße“ – ein Langzeitexperiment, das eigentlich nicht aufhören konnte.

Nun soll es aber doch passieren. In der nächsten Woche ist Schluss. Es geht der Linde an die Rinde. Im Abschied üben sich die Schauspieler und ihr Regisseur Hans W. Geißendörfer in gekonnter Selbstreferentialität. Die „Lindenstraße darf nicht sterben – und tut es natürlich doch. Der verantwortliche Sender WDR hat keine Form gefunden, der eigenen Musealität ein neues Gesicht zu geben. Am Ende ist es ein böser Zufall, dass die seit 1985 die deutsche Normalität beschreibende Serie in dem Moment abgeschaltet wird, wo der Ausnahmezustand herrscht. Wir hätten sie vielleicht noch gebrauchen können – gerade jetzt. (Harry Nutt)

Hier können Sie die Abspannmusik hören: