Eine Birke wie die, von der Maxim Leo sich in diesem Text verabschiedet. 
Foto: dpa/Peer Grimm

Wandlitz im BarnimLetztes Wochenende stand ich mit meinem Vater in unserem Garten in Basdorf. Wir schauten auf die Birke, die mein Vater gepflanzt hatte, ein Jahr nachdem ich geboren wurde.

„An den Bäumen erkennt man, wie alt man geworden ist“, sagte mein Vater. Es klang nicht traurig oder bedauernd, es war eher eine Feststellung. Mein Blick wanderte am dicken Birkenstamm empor bis hoch hinauf zur Krone, die stolz in den blauen Himmel ragte. Dann sah ich meinen Vater an, der mit den Jahren immer kleiner und gebeugter wird. Im Schatten der mächtigen Birke wirkte er auf einmal sehr verletzlich.

Es war ein schöner, sonniger Tag, und die ganze Familie war gekommen, weil wir Abschied von Basdorf nehmen wollten. Das kleine Haus mit der holzverkleideten Veranda wird vom neuen Eigentümer abgerissen, der große Garten wird geteilt, neue Häuser und eine betonierte Zufahrt sollen gebaut werden.

Vermutlich wird nicht viel übrig bleiben von unserem Basdorf. Die verkrüppelten Haselnussbüsche, die alte Gartendusche, der Misthaufen hinter dem Schuppen, der im Winter zur Rodelpiste wurde, die Finnhütte, in der ich mal ganz still neben Peggy Sadzinsky lag, die Feuerstelle, wo wir verkohlte Wiener Würstchen aßen und russische Partisanenlieder sangen, all das wird schon bald verschwunden sein.

Die stolze Birke wohl auch.

Wobei es ja gar nicht so erstaunlich ist, dass jetzt in Basdorf eine neue Zeit beginnt. Viel erstaunlicher ist es eigentlich, dass die Zeit hier so lange still stand. Ich kenne keinen anderen Ort, der sich in einem halben Jahrhundert so wenig verändert hat.

Dieses kleine Haus mit der holzverkleideten Veranda, das meine Eltern 1970 gekauft haben, in dem mein Bruder und ich die ersten Sommer unserer Kindheit verbrachten und in dem viele Jahre später meine beiden Töchter ihre ersten Sommer erlebten, ist wie eine Familien-Museumsinsel. Wie ein verwunschenes Kindheitsmärchen, in das man zurückreist, wenn man nur die Verandatür öffnet und die muffig-feuchte Luft einatmet.

Ich finde es beruhigend, solche Orte zu haben, die immer schon da waren.

Alles verändert sich, alles beschleunigt sich, aber so ein paar Dinge bleiben, wie sie sind, und geben einem das Gefühl, der Zeit nicht wehrlos ausgeliefert zu sein. Solche Orte sind wie Paketschnüre, die das Leben zusammenhalten.

Wir sind dann noch über die große Wiese gelaufen, die hinter unserem Garten liegt und die bis hinüber zum Kiefernwald reicht. Wir sprangen über den Bach, kauerten am Wasser, die Algen tanzten in der Strömung wie früher, als wir mit Einweckgläsern Stichlinge gefangen haben.

Auf dieser Wiese fanden die großen Drachenfeste statt, Anfang Oktober, zum Geburtstag meines Vaters.

Ein paar Hundert Leute kamen, die Straße war bis zum Bahndamm mit Autos zugeparkt, und abends spielten mein Vater und sein Kumpel Stefan in der Finnhütte ein Puppentheaterstück vor, das sie „Dornmöschen“ nannten.

Der Höhepunkt unseres Nostalgie-Tages war das Familien-Fußballturnier. In der traditionellen Aufstellung hatten meine Mutter und ich immer gegen meinen Vater und meinen Bruder gespielt. Meine Mutter trug meistens Gummistiefel, was ihrer hervorragenden Passquote kaum etwas anhaben konnte.

Jetzt waren die Mannschaften größer geworden, meine Frau Catherine erwies sich als extrem talentierte Stürmerin, die leider in der Mannschaft meines Bruders spielte.

Dann war es irgendwann Zeit zu gehen, und wir hatten, glaube ich, alle ein ganz gutes, warmes Gefühl. Natürlich hätten wir diese Insel gerne noch ein bisschen bei uns behalten, aber es war okay, dass sie jetzt unterging.

Mein Bruder sagte, der eigentliche Schatz sei die Erinnerung, die uns nie verlassen wird.

Meine Töchter sagten, sie hätten gerne noch einen Sommer mehr gehabt.

Mein Vater grub ein paar Fliedertriebe aus.