So, das war’s. Gegen halb elf hieß es ein letztes Mal „Rock ’n’ Roll All Nite“, und mit einem letzten Konfettiregen, ein paar letzten zischenden Feuersäulen, wirbelnden Feuerwerksspiralen und Shock-and-Awe-Böllern rauschte die erfolgreichste Theater-Rockband der Geschichte aus ihrer Zugabe: Am Dienstag spielte Kiss als Teil ihrer „End of the Road“-Tour in der ziemlich ausverkauften Berliner Waldbühne ein rasantes, lautes Konzert, mit dem sie sich angeblich nach 46 Jahren verabschieden.

Schwer wiegender Erfolg

Sie haben ein gutes Argument. Sie hören weder auf, weil sie keine Lust oder mit weit über 100 Millionen verkauften Alben zu viel Geld hätten. Auch kann nach Jahrzehnten des musikalischen Stillstands fehlende Inspiration nicht plötzlich ausschlaggebend sein. Der Grund ihres Abschieds liegt vielmehr im eigentlichen Geheimnis ihres Erfolgs. Das nämlich wiegt rund 20 Kilogramm: Brustpanzer, Stahlaccessoires und Gürtelschnallen. Zwei Stunden schminken klingt auch lästig, und für einen alten Rücken sind die 17-Zentimeter-Plateaustiefel natürlich eine arge Schinderei. So erklären es jedenfalls die beiden verbliebenen Bandgründer Paul Stanley, der 67-jährige Sänger und Gitarrist, sowie sein züngelnder Basspartner Gene Simmons, Jahrgang 1949.

Und so werden die New Yorker zu Beginn der Show vom Himmel herab auf die Bühne gelassen zum unterhaltsam vorwärts preschenden Rock’n’Roll ihres ersten Top-Ten-Erfolgs „Detroit Rock City“ von 1976. Zwei Stunden immerhin stelzen sie hernach über die Bühne, und Stanley lässt sich später noch am Seilzug hängend übers Volk zu einer zweiten kleinen Bühne befördern.

Sympathischer Hau-Ruck-Sound

Nicht mehr in den Zwanzigern befindet sich auch naturgemäß das Publikum. Nicht wenige davon haben sich nach Bandvorgaben geschminkt, alle sind von dem Greatest-Hits-Programm angemessen hingerissen und bejubelten jeden Kanonenschlag. Aber stand man, wie ich gelegentlich, ganz oben an einer der fies steilen Amphitheatertreppen, sah man doch etliche Fans mit Pfandbechern japsend und schwer an ihren Körpern tragend aus der Tiefe auftauchen.

Sympathisch aus der Zeit gefallen ist wiederum der Hau-Ruck-Sound. Vom früh gesetzten „I Love It Loud“ zur Zugabe „Crazy Crazy Nights“ handelt es sich um hyperschlichten Hardrock, mal mit bluesigem Drall, mal hooliganhymnisch im Stil von Brit-Glamrockern wie Slade zugespitzt. Metal-Erweiterungen werden als Soli an die praktisch geschnittenen Nummern drangehängt − ein wenig vokuhilamäßig.

Drahtige Muskeln, bewegliche Zunge

Es geht aber ohnehin um die theatralische und (meist) freiwillig komische Inszenierung aus Marvel-Held, Rocky Horror und Gruselclown. Unter der Schminke wirkten die Musiker interessant alterslos; Stanleys auch sprechend heiseres Fisteln wirkt wie die drahtige Muskulatur gut in Schuss. Simmons’ ständiges Wedeln mit der berühmten Zunge schien mir überstrapaziert. Manchmal leckt er in Richtung Stanley, der sich solche homoerotischen Annäherungen fuchtelnd verbittet. Sie sind ja, soweit geht der Glam-Einfluss nicht, schon den Damen vorbehalten, die er einst, sagt er, zu Tausenden konsumierte (wobei ihm angeblich seine Frau Shannon die Polaroid-Buchhaltung verbrannt hat). Dafür ist er seit je ein politisch exzentrischer Abstinenzler und hat sich daher auch mit der Drugs-Fraktion der Ur-Besetzung verkracht. Thayer spielt seit 2002; schon 10 Jahre länger sitzt, mit Unterbrechungen, Eric Singer an den Drums.

Beiläufig interessant immerhin − man hat im Mittelteil viel Gelegenheit, gedanklich abzuschweifen − wie diese stolz unwürdigen Figuren mit stumpfen Nazi-Anmutungen spielen. Neben der Bühne hängen zwei Banner, mit denen die Band ihre Fans als „Kiss Army“ grüßt, wobei die stilisierten Blitze im Logo seit 1980 abgeschliffen sind, weil sie, fanden deutsche Gerichte, wie SS-Runen aussahen.

Verlustarmes Ende

Man sollte dazu wissen, dass Stanleys Großeltern und Mutter 1933 vor den Nazis aus Berlin geflohen sind und Simmons’ Mutter − er wurde in Haifa, Israel, geboren − zwei KZs überlebt hat. Von solchem Ballast ist die Aufführung natürlich frei. Allerdings gibt es auch rockhistorisch jenseits des energischen Schrillfaktors nicht viel zu gewinnen. Das Bandende wird ganz offensichtlich viele Fans enttäuschen. Aber darüber hinaus verliert man nicht so viel.