Mit der Sechsten Symphonie von Gustav Mahler schlösse sich ein Kreis, sagte Simon Rattle über die Wahl dieses Werks für sein letztes Konzert als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am Mittwochabend in der Philharmonie. Die Zuhörer erhoben sich sodann nach dem Konzert von ihren Plätzen in der Philharmonie und spendeten dem Briten minutenlange Ovationen. Rattle bedankte sich bei seinem „wunderbaren Orchester“ und an das Publikum gerichtet sagte er: „Sie sind wundervoll und tief mit meinem Herz verbunden.“  

Wir haben schon gesagt, dass Rattle seinen Abschied von diesem Orchester mit einer großen Runde Gedächtniskonzerte an die letzten 16 Jahre begeht. Mit Mahlers Sechster jedoch erinnert er an sein Philharmoniker-Debüt vor fast doppelt so langer Zeit. Am 14. November 1987 war Rattle hier zum ersten Mal zu Gast, ein schlanker, nervöser junger Mann mit schwarzen Locken, und sein Debüt-Stück war eben diese von Mahler wohl selbst so genannte „Tragische“ Symphonie. Der Autor dieser Zeilen war damals dabei, als Gymnasiast; eine genauere Erinnerung als Begeisterung und Erstaunen ist ihm leider nicht geblieben.

Rattles Zeit als Chef der Philharmoniker ist weit mehr durch die Musik Strawinskys geprägt als durch die Mahlers. Und das ist in mehr als einer Hinsicht bedeutsam. Rattles Debüt fiel in eine Zeit, in der Mahler noch der interessanteste Komponist der Vergangenheit war. Selbst der damalige Chefdirigent Herbert von Karajan befasste sich mit einigen Werken, Bernard Haitink erarbeitete mit den Philharmonikern seine zweite Gesamtaufnahme der Symphonien, Karajans Nachfolger Claudio Abbado tat desgleichen und dirigierte die Neunte, bis sie dem Orchester zu den Ohren herauskam.

Viele Konzerte, aber kein kompaktes Bild

Dieses Repertoire war also „durch“ – nicht zuletzt, weil es keine kulturellen Impulse mehr aussandte, denn die Zeit des komfortablen westlichen Weltschmerzes war mit der Wiederkehr der Geschichte spätestens am 11. September 2001 erstmal vorbei, Welt, Mensch und Kultur sind seitdem ernsthaft in Gefahr geraten. Die Berliner Philharmoniker und von ihnen angeregt alle weiteren Orchester machten sich unter Rattle auf, ihre soziale Verantwortung zu entdecken – und sie zum eigenen Vorteil zu nutzen. Der Film „Rhythm is it!“ dokumentiert nicht nur die Arbeit mit hochkultur-fernen Jugendlichen an Strawinsky „Sacre du printemps“, sondern dürfte zugleich ein einträgliches Geschäft gewesen sein. Die Philharmoniker nahmen in der Folge die mediale Verwertung ihrer Arbeit vollständig in die eigene Hand.

Strawinsky steht nun aufgrund seiner Stilwandlungen von Romantik über Impressionismus, Folklore, Bruitismus, Neoklassizismus bis zur seriellen Musik wie kein anderer Komponist für Wandelbarkeit, ja geradezu „Flexibilität“. Strawinskys Definition des Komponierens als Lösen eines Problems könnte der musikalischen Bekenntniskultur deutscher Musik von Beethoven bis Rihm, in der die Kunst erst jenseits von Problem und Lösung beginnt, nicht krasser entgegengesetzt sein. Damit vergleichbar verstand Rattle das Interpretieren als Lösen eines stilistischen Problems. Anders als seine Vorgänger schwor er das Orchester nicht auf einen Tonfall ein, sei es Furtwänglers Tragik, Karajans Politur oder Abbados Abgabe von Autorität. Rattle erarbeitete Haydn, Beethoven, Wagner, Brahms, Debussy oder die verschiedenen Phasen Strawinskys als tendenziell monadische, also untereinander unverbundene Stile – und während sich bei seinen Vorgängern das personal geprägte Musizieren vielleicht nicht mit jedem Werk gleich gut vertrug, gelang Rattle die Lösung der Probleme unterschiedlich gut. Die vielen herausragenden Konzerte ergeben am Ende kein kompaktes Bild.

Die Größe des Dirigenten zeigt sich in der Aufführung von Mahlers Sechster

Das zeigt sich nicht zuletzt am Umgang mit neuer Musik: Stand Karajan ihr weitgehend hilflos gegenüber und hielt sich ans Bewährte, hatte Abbado seine von Luigi Nono geprägten ästhetischen Maßstäbe, so bewegte sich Rattle von englischer Effekthascherei bis Pierre Boulez und Helmut Lachenmann und wieder zurück zu Jörg Widmann durch alle möglichen Richtungen – und man weiß nicht, ob diese Inklusion nun für Offenheit steht oder für den Mangel an Überzeugung. Das lässt einen zögern, Rattles Zeit bei den Philharmonikern aus künstlerischen Gründen eine „Ära“ zu nennen.

Problematik und Größe dieses Dirigenten zeigen sich auch in der Aufführung von Mahlers Sechster. Als er sie 1987 einstudierte, hatte er noch Karajans Orchester vor sich, das zu den klanglichen Extremen Mahlers ein eher gespaltenes Verhältnis hatte. Heute spielen die Philharmoniker die Grellheiten und Exzentrizitäten locker weg und folgen Mahlers Anweisung „Schalltrichter in die Höhe“ knapp und ohne Murren. Mahlers Instrumentation profiliert sich nicht mehr als kritische Bezugnahme auf überlieferte orchestrale Praxis, sondern als in sich ausgeformter Personalstil. Im Ergebnis klingt dann alles ziemlich schön. Das zweite Thema des Kopfsatzes, unter dessen zitiert klingenden Schwung Mahler einen eher eckigen Begleitsatz geschrieben hat, erklingt hier ausgeglichen und rund.

„Sie bleiben tief in meinem Herzen.“

Indes ist ähnliches mit Beethovens Symphonien längst geschehen. Dass deren oder Mahlers Sperrigkeit kaum noch zum Erlebnis werden, verändert ihre Wirkung, aber bringt sie nicht zum Verschwinden. Rattles energetisches Dirigat vermag vieles zu kompensieren, was an Reibung des instrumentalen Materials verlorengegangen ist – unglaubliche Wirkung erzielen die Coda des Kopfsatzes, die Temposchnitte des enorm grotesk verstandenen Scherzos und am Ende auch das gesamte Finale: Dessen Hunger nach Leben enthüllt sich in Rattles Darstellung als Flucht vor dem hammerschlagenden Schicksal, und selten hat man so überzeugend die Erschöpfung dieses Elans am Ende gehört, bis die Musik mit einem letzten Atmen von Celli und Bassklarinette erstirbt und dem dreinfahrenden Schlussakkord gleichsam den Nacken hinhält.

Schwierig bleibt die Reihenfolge der Mittelsätze. Mag das Andante an zweiter statt an dritter Stelle auch als Mahlers Absicht abgesichert sein, einen künstlerischen Grund erführe man dennoch gern. Das Scherzo würde sich als verdichtete Reprise des Kopfsatzes besser Gehör gegen dessen ekstatischen Schluss verschaffen als das leise anhebende Andante, in das Rattle und das Orchester nicht richtig hineinfinden. Dennoch: Diese „tragische“ Symphonie war ein letzter Triumph Simon Rattles.