Büste Ludwig van Beethovens im Beethoven-Museum in Wien.
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BerlinDiese Rezension kommt in mehrfacher Hinsicht reichlich spät: Nicht nur, weil Hans-Joachim Hinrichsens Beethoven-Buch bereits ein Dreivierteljahr alt ist, sondern weil die Corona-bedingte Beethoven-Schonzeit dieses Jubiläumsjahres abzulaufen droht: Nun wird bald wieder hirntote Konzert-Geschäftigkeit über die geistvolle Beschäftigung mit dem Komponisten triumphieren, zu der dieses Buch nachdrücklich aufruft. Insofern mag diese Empfehlung als letzter Weckruf zur Besinnung wahrgenommen werden, etwas Vernünftiges mit dem Urlaub anzufangen.

Während die Großjubiläen Mahlers und Wagners sekundärliterarisch leer verlaufen sind, ist über Beethoven tatsächlich noch etwas Neues zu sagen, wie es dieses Buch mit dem Untertitel „Musik für eine neue Zeit“ zeigt. Wo verkauft werden muss, schleppen sich die Klischees vom „Revolutionär“ oder „Visionär“ noch immer gedankenlos fort. Von solchem Personenkult hält Hinrichsen, der emeritierte Zürcher Musikwissenschafts-Ordinarius, größten Abstand. Nicht nur hat der Beethoven-Kult im Kleinen jeden Komponisten nach diesem Format streben lassen und im Großen eine fatale nationalistische Vereinnahmung des Komponisten befördert – er verzerrt bis heute den Blick auf die Werke, die als erratische Dokumente und Bekenntnisse eines monströs-romantisch aus der Gesellschaft gefallenen Subjekts verstanden werden.

Die Musikwissenschaft hat mit ihren an Beethoven entwickelten Strukturanalysen zwar die Rationalität dieser Musik stets hervorgehoben, aber die tiefer liegende Frage nach der Ursache dieser historisch einmaligen kompositorischen Ambition nie gestellt oder sie einfach als Fortentwicklung Haydn'scher Tradition verstanden. „Musik für eine neue Zeit“ schlägt dagegen ein Verständnis Beethovens aus der Zeitgenossenschaft mit der Philosophie Immanuel Kants vor.

Wie die Ideen Kants zu Beethoven gelangt sind

„Ideelle Zeitgenossenschaft“, das betont Hinrichsen, bedeutet die Teilhabe an Gedanken, ohne dass man sie im Original gelesen haben müsste. Schon das Aufspüren jener Kanäle, durch die Kants Ideen zu Beethoven gelangt sind – eher selten im Original, eher durch Schiller, häufiger durch Zusammenfassungen, deren Quellen Zeitschriften, aber auch ein von Beethoven teilweise vertontes Lehrgedicht sein können –, ist überaus interessant zu lesen. Vollends erstaunlich sind die wechselseitigen Bezüge zwischen musikalischen Analysen und philosophischen Ideen aus den drei Kritiken. Hinrichsen postuliert den an der „Kritik der reinen Vernunft“ gebildeten Begriff der „Transzendentalmusik“ für Werke wie die 8. Symphonie, die ihre eigenen Bedingungen und Voraussetzungen reflektieren. Er erkennt in der „Pastoralen“ Argumentationen der „Kritik der Urteilskraft“ – vom „Schönen“ über das „Erhabene“ zur „Dankbarkeit“. Die Neunte wiederum bildet ihren Gottesbegriff nach dem Vorbild der Moraltheologie der „Kritik der praktischen Vernunft“.

Dies alles sind nur verkürzte Ergebnisse der souverän über das musikalische, musikgeschichtliche wie philosophische Material verfügenden Gedankengänge; sie nachzuvollziehen ist nicht leicht, aber auch, um es mit einem Begriff der damaligen Zeit zu sagen, im besten Sinne „unterhaltsam“. Auch diesen Begriff macht Hinrichsen mit Kant fruchtbar und zeigt, dass Beethoven nicht als enigmatisch-egomanischer, weil tauber, Grübler zu verstehen ist, sondern als weltzugewandter Komponist, der die kommunikativen Regeln einer intellektuellen Salonkultur beherrschte und bis an sein Lebensende befürwortete, um seine Kunst in der Gesellschaft wirken zu lassen.

Hinrichsens Buch ist wohl der bedeutendste Beitrag zu Beethoven seit dem 1987 erschienenen „Beethoven und seine Zeit“ von Carl Dahlhaus. Die kulturwissenschaftliche Kehre der Musikwissenschaft hat viele interessante Perspektiven hervorgebracht, aber zu einem dramatischen Niedergang im Niveau der Auseinandersetzung mit der Musik selbst geführt. Es ist nicht Hinrichsens geringstes Verdienst, hier die ältere – leider nicht von Notenbeispielen gestützte – analytische Tradition mit den kulturwissenschaftlichen Methoden zusammenzuführen: Dies verleiht seiner Studie wissenschaftliche Verbindlichkeit und epochalen Rang.

Hans-Joachim Hinrichsen: Ludwig van Beethoven – Musik für eine neue Zeit. 386 Seiten, Bärenreiter/Metzler, 39,99 Euro