Da drüben, das große Bild dort, das ist Neo Rauch.“ Achim Freyer steht im Flur seiner Villa. Alle Wände sind proppevoll mit Bildern, kleinen, riesigen, bunten, blassen. Auf den Stufen und den Fenstersimsen stehen Skulpturen. Ein ausgestopfter Hase zum Beispiel. „Nein“, sagt Achim Freyer, „das ist nicht der Beuys-Hase, das ist von mir, den habe ich noch vor Beuys gemacht.“ Aber Beuys hat er auch, und wenn man vor dem Beuys-Bild steht, wundert man sich schon nicht mehr. Natürlich gibt es in seiner Sammlung einen Beuys. Es gibt ja fast alles, was die Bildende Kunst im 20. Jahrhundert geprägt hat, zumindest, was für Freyer wichtig und wertvoll ist.

Achim Freyer wohnt in Lichterfelde, in einer kleinen, von Gründerzeitvillen gesäumten Straße. Er hat in seiner Villa jüngst das Dachgeschoss ausgebaut, helle Räume, warme Farben, tiefe Sofas. Man hat einen herrlichen Blick dort oben, über Bäume hinweg, im Hintergrund, weit weg, beinahe in einer anderen Welt, Hochhäuser, hässliches Zeug. Freyer ist gern in seinem Atelier in der Toskana, aber nur in Berlin steigt er, um in seine Wohnung zu gelangen, an gut 2 000 Bildern vorbei. Das ist die Achim-Freyer-Sammlung, sie ist seltsamerweise noch immer kaum bekannt. Dabei ist es eine der eigenwilligsten und eigensinnigsten privaten Kunstsammlungen, die sich in der Stadt finden lässt. Und sie ist öffentlich.

Achim Freyer, 1934 in Berlin geboren, hat Grafik studiert und als Maler begonnen. Er war Meisterschüler bei Bert Brecht, doch die Malerei ist seine künstlerische Herkunft und seine Heimat bis heute. Berühmt wurde er vor allem als Bühnenbildner, er hat den Raum geschaffen für Claus Peymanns Stuttgarter „Faust“ (1977), von dem die damaligen Augenzeugen noch immer schwärmen. Er hat Bühnen und oft auch die Kostüme für Adolf Dresen, Ruth Berghaus und Benno Besson entworfen, er arbeitet auch immer wieder mit Claus Peymann zusammen.

Gerade ist er dabei, die Bühne für eine Peymann-Inszenierung von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ zu erfinden. Seit den Siebzigerjahren, nach seinem Weggang aus der DDR, begann er auch zu inszenieren, oft Opern. Auch das tut er bis heute. Im Februar wird er in Basel die Oper „Schneewittchen“ von Heinz Holliger herausbringen, nach einem Text von Robert Walser. In allem blieb er jedoch Maler. Auch als Sammler.

Sein eigenes Werk ist von dichter Emotionalität geprägt. Es gibt keinen Freyer-Stil, nicht für den Maler und nicht für den Theatermann. Vor sechs Jahren erschien ein dicker, schwerer, einschüchternder Schuber mit drei Bänden, die das Bühnenschaffen Freyers dokumentieren. Man staunt, wie farben- und assoziationsfroh, wie bildmächtig seine Arbeiten stets waren, ohne sich dabei auf eine scharf umrissene Handschrift verkleinern zu lassen.

Für seine Malerei gilt das erst recht. Jüngst hat er viel mit Schwarz und Weiß gearbeitet, der Mannheimer Kunstverein versammelte diese Werke in diesem Herbst in der Ausstellung „Schwarz ist auch weiß“. Ein großformatiges, drückendes Bild trägt in weißer Schrift das traurige Wort „Requiem“, eingeschrieben in einen Schwarzwald, in wild wimmelnde Schwarzschatten. Ein anderes, auch 2013 entstanden, heißt „Horizonte“ und zeigt dicke, schwarze Balken vor weißem Hintergrund, als wäre der Himmel mit stumpfen Brettern verhauen. Oft hat er assoziativ gearbeitet, fast immer wirken seine Bilder wie Schluchten, in die man als Betrachter hineinzufallen droht. Wenn man mit ihm gemeinsam vor seinen Bildern steht, ist es, als würde er selbst mitunter erschrecken. Die Wirkung seiner Kunst ist unberechenbar, auch für ihren Schöpfer.

Jetzt hat Achim Freyer in seiner Villa, die er zum Kunsthaus umgewidmet hat, in drei Räumen eine Zusammenschau einiger seiner Werke unter dem Titel „Mauer Fall“ eingerichtet. Es geht in ihr nicht nur um den Mauerfall, auch wenn er eine Wand errichtete und sie wieder zerstörte, sodass auf dem Boden jetzt Mauerstücke liegen, die durchaus an die einst trennende Stadtmauer erinnern. Mauern aber gibt es für ihn überall. Das „Requiem“-Bild gehört genauso zur Ausstellung wie eine dicke rote Linie, die durch die Räume führt, oder ein „Schlüsselbild“, das in Gips und Grautönen gefasste Schlüssel zeigt. Daneben auffallend viele Horizont-Bilder, Striche, anonyme Köpfe. Die Kraft dieser Ausstellung entsteht aber durch die Komposition der Hängung: Es gibt kein Zentrum, keinen Fluchtpunkt. Ein Bild stützt das andere, eine Assoziation wird von der nächsten aufgegriffen.

So ist auch Freyers Sammlung aufgebaut, die er kürzlich in eine von ihm gegründete Stiftung überführt hat. Man stößt dort auf sehr wertvolle Bilder, eben jene von Neo Rauch und Joseph Beuys oder auch Sigmar Polke, trifft auf Originale von Hans Arp, Max Klinger oder Liebermann. Entdeckt herrliche Arbeiten von Carlfriedrich Claus und ein sonderbar suggestives Bild des Theatermanns Fritz Marquardt, sieht Werke von Freyers verstorbener Frau und seinen Töchtern. Daneben jedoch immer wieder: Bilder von Laien, von Naiven, von Unbekannten und zu wenig Bekannten wie Dieter Goltzsche oder Friedrich Schröder Sonnenstern. Zu fast jedem Bild kann Freyer eine eigene Geschichte erzählen. Über einen Dalí, den er 2006 für 40 Dollar von einem Ahnungslosen kaufte, über die Grafik eines Unbekannten, die er in Belgien auf der Straße fand. Über eingetauschte, verkannte und überschätzte Werke.

Keines der Bilder ist übrigens beschriftet – wer hier einbrechen wollte, müsste ein famoser Kenner der Kunstgeschichte sein, um die geldträchtigen Werke zu erwischen. Und würde damit das Gleichgewicht einer großartigen Komposition zerstören. Denn nichts ist hier zufällig an seinem Platz, die Bilder nehmen stets Bezug zueinander – und bringen die gewöhnlichen Kategorien der Wertschätzung in Bewegung. Entscheidend sind in dieser Sammlung nicht die einzelnen Werke, sondern die Korrespondenzen, die sie untereinander eingehen.

Achim Freyer sammelt, wie er malt, Bühnenbilder schafft und inszeniert: Er vertraut auf seine Intuition, die Kraft seiner Einfälle. Sein Kunsthaus ist so zu einem eigensinnigen Universum geworden, gleichermaßen Kommentar zur Geschichte wie Gegenentwurf zur Gegenwart. „Ich habe immer versucht“, sagt Freyer, „so frei zu bleiben, dass ich nie zu einem Markenzeichen werden musste.“ Das ist sein Kunsthaus auch: der Ort einer Freiheit. Man könnte Wochen darin verbringen und würde stets andere, neue Entdeckungen machen.