Berlin - Welch ein seltsamer Gemütszustand ereilt den Theaterbesucher bei der Premiere von „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ im Deutschen Theater Berlin! Wie wird ihm? Dieses frische Kribbeln im Bauch? Was wollen die Mundwinkel da oben? Das muss gute Laune sein. Und sie hat den Theaterbesucher befallen. Was soll denn nun werden?

Es geht in dem Actionmusical von Studio Braun − den drei Hamburger Freudemachern Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger − um Selbstreflexion und Selbstjustiz. Der Abend ist eine Torte in drei Schichten, also aufgepasst! Erste Ebene: Studio Braun inszeniert eine Geschichte über ein Filmteam. Die drei Herren tragen Lackschuhe, Westen, weiße Kniestrümpfe und adrette schwarz-weiße Faltenröcke, sie führen die Schauspieler und belehren das Publikum darüber, was gemeint und warum das alles so schön ist.

Reif für Trash?

Zweite Ebene: Das Filmteam dreht die soundsovielte Fortsetzung des Charles-Bronson-Klassikers „Ein Mann sieht rot“ (1974). Bronson spielt darin den liberalen Architekten Paul Kersey, dessen Frau totgeschlagen und dessen Tochter vergewaltigt wird, woraufhin er Jagd auf Kriminelle macht. Der Film und seine Fortsetzungen sind künstlerisch nicht besonders wertvoll, moralisch indiskutabel und, was das Schlimmste ist, inzwischen erfolglos. Vielleicht fehlt es ja − hier ist Studio Braun ganz offensichtlich der Einfallsreichtum durchgegangen − an Anspruch?

Diesem Manko soll nun der deutsche Arthouse-Regisseur Ingo Sachs abhelfen, und der nimmt eine Heinrich von Kleist-Novelle zur Vorlage: Kersey heißt jetzt Michael Coolhaze. Nicht Rösser, sondern Motorräder sind der Auslöser für den zum Feuerteufel und Massenmörder werdenden Gerechtigkeitssucher − „ein ganz harter Spießer“ (Schamoni). Die dritte Ebene ist der Film selbst. Und oben auf die Torte sprüht Sebastian Hoffmann mit seinem wohlfrisierten, 16-köpfigen Orchester die herrlichste, zart bis druckvoll arrangierte Big-Band-Schlager-Filmmusik-Sahne.
Die Studio-Braun-Leute − bekannt geworden mit Telefonstreichen − wildern schon eine Weile im subventionierten Theaterbetrieb, sie haben in Zürich und Hamburg inszeniert. Nun sind sie also reif für das Deutsche Theater. Oder ist umgekehrt das Deutsche Theater reif für Studio Braun? Für Trash?