„Adam und Evelyn“ im Kino: Verfilmung des Romans von Andreas Goldstein und Jakobine Motz

Der Zeitpunkt ist ungünstig. Am Rosa-Luxemburg-Platz, wo wir mit Andreas Goldstein verabredet sind, hängt der Nebel grau bis auf die Häuser und in der Luft fliegen Nieseltröpfchen. In dem Film „Adam und Evelyn“ ist der Himmel weit, wachsen die Gräser hoch, tragen die Bäume erste Äpfel. Deswegen treffen wir uns. Es ist der erste Spielfilm von Andreas Goldstein. 2008 erschien der Roman von Ingo Schulze „Adam & Evelyn“ um ein Paar aus der ostdeutschen Provinz, das wie zufällig im Sommer 1989 über die ungarische Grenze in den Westen ausreist.

Andreas Goldstein, der jahrelang vor allem als Produzent gearbeitet hatte, sah den Roman gleich als Film vor sich. Nicht nur wegen des Stoffs, auch „weil der Schulze so filmisch schreibt“. „Adam und Evelyn“ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, eine große Filmfirma sicherte sich gleich die Rechte. Es dauerte, bis die wieder frei waren und Goldstein, der Debütant, sich darum bewerben konnte. In dieser Woche kommt die Romanverfilmung endlich ins Kino.

Bisher hat Andreas Goldstein nur Kurzfilme gemacht, seine Abschlussarbeit für die Filmhochschule Babelsberg war mit 36 Minuten bisher der längste. Der Regisseur ist 54 Jahre alt, ungewöhnlich für einen Newcomer. Nun hat er das Luxusproblem, zwei Filme kurz hintereinander herauszubringen. Denn im Frühjahr läuft auch das filmische Porträt seines Vaters, der Politikers Klaus Gysi an, der Dokumentarfilm „Der Funktionär“, der schon auf dem Dok-Filmfestival in Leipzig zu sehen war.

Alle kreativen Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen

In der Beachtung könnte der eine dem anderen Konkurrenz machen. Und es könnte noch eine weitere Tücke in der Wahrnehmung geben – bei der Autorenschaft für „Adam und Evelyn“. Andreas Goldstein ist das bewusst. Nach unserem Treffen schreibt er in einer E-Mail: „Ich habe eine Bitte, es wäre schön, wenn Jakobine Motz gebührend erwähnt würde.“ Warum nicht? Er hatte viel über sie gesprochen. In den Filmcredits taucht ihr Name dreimal auf: beim Drehbuch mit ihm zusammen, außerdem bei Kamera und Schnitt. Eine zweite E-Mail folgt, diesmal von Jakobine Motz selbst, aus dem Urlaub.

Sie schickt eine kurze Erklärung, in der sie den gemeinschaftlichen Charakter der Arbeit betont: „Vom Buch über Cast, Team bis hin zur Musik und Postproduktion wurden alle kreativen Entscheidungen gemeinsam getroffen. Am Drehort wurde nur insofern die klassische Arbeitsteilung beibehalten, als dass die Schauspielführung in den Händen von Andreas Goldstein lag und die Kameraführung und Bildgestaltung in denen von Jakobine Motz.“ Das liest sich, als müsste etwas vorgefallen sein.

Wir sprechen sie zwei Wochen nach dem Treffen mit Andreas Goldstein, an diesem Januartag fiel kurz der erste Schnee. Jakobine Motz ist als Kamerafrau und Cutterin schon viel länger im Geschäft. Dieser Spielfilm ist ihr besonders wichtig. Und sie hat daran großen Anteil, ohne als Co-Regisseurin benannt zu sein. Vor sechs Jahren haben sie angefangen mit dem Drehbuch. Beim Film dauert es sowieso oft lange, bis genug Geld zum Drehen da ist, in diesem Fall hat die Verzögerung ihr Gutes.

Das Leben in der Endphase der DDR

Denn mit „Adam und Evelyn“ gibt es gleich einen Beitrag zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Wenn der den Ton vorgibt, dann kann man das nur begrüßen. Er zeigt das Leben in der Endphase der DDR nicht in den üblichen düsteren Bildern, die sonst so ausgestellten Schwierigkeiten sind hier eingefügt in die Sommerfarben. Adam ist Schneider, er liebt die Frauen und sie lieben ihn, weil er sie mit seiner Kunst schön macht. Dass es im Laden solche Kleider nicht zu kaufen gibt, dass auch die Stoffe nur über Umwege zu bekommen sind, versteht man nebenbei. 

Adams Freundin Evelyn erwischt ihn mit einer seiner Kundinnen und fährt deshalb nicht wie geplant mit ihm in den Urlaub an den Balaton, sondern mit einer Freundin und deren Westcousin. Adam reist ihnen hinterher. Während in den Nachrichten von der Reisewelle nach Ungarn die Rede ist, schließlich im Fernsehen die Grenzöffnung verkündet wird, zeigt der Film die Wiederannäherung zwischen Adam und Evelyn, die sie schließlich nach Österreich führt.

Der Westen erscheint laut und schnell nach den ruhigen Blicken über die Landschaft, nach Dialogen, in denen lange Pausen stecken. Evelyn will endlich Kunstgeschichte studieren, was sie immer wollte. Aber braucht die Marktwirtschaft einen Schneider wie Adam? Das sind differenziertere Gedanken als in den Filmen von Florian Henckel von Donnersmarck. Der Regisseur mit West-Biografie hat viel Erfolg mit seiner Sicht auf den Osten. Für „Das Leben der Anderen“ hat er 2006 den Oscar erhalten und jetzt steht er mit „Werk ohne Autor“ wieder auf der Oscar-Shortlist.

Mehr Konflikte in der DDR als nur den Freiheitswillen

Goldstein positioniert sich dagegen: „Ich finde, man kann keine Filme über das Leben der anderen machen. Das ist immer spekulativ. Derrida sagt, man kann nicht vom anderen sprechen und ihn zum Thema machen. Man spricht immer über sich selbst.“ Er ist unzufrieden mit vielem, was er in Kino und Fernsehen über die DDR gesehen hat. Konflikte würden immer reduziert auf den Konflikt zwischen dem Freiheitswillen des Individuums und der staatlichen Repression. Der Fehler liegt für ihn bereits in der Dramatisierung: „Denn die beruht darauf, dass Protagonisten gesucht werden, in der Regel der Parteimann und der Junge, der in die Kirche geht oder was auch immer.

Das ist etwas, was ich mit meinem eigenen Erleben nicht in Verbindung bringen kann.“ Deshalb schätzt er den Schriftsteller Ingo Schulze, wegen der lakonischen Haltung der Figuren, wegen ihrer Skepsis. Andreas Goldstein sagt, seine Mutter hätte sich gewünscht, dass er auch Schriftsteller würde. Sie lebte mit Klaus Gysi zusammen, als der Chef des Aufbau-Verlags war, dann Kulturminister. 

Als er 1973 DDR-Botschafter in Italien wurde, verließ er die Familie. Andreas Goldstein hat in der Endphase der DDR Schriftsetzer gelernt in Berlin, an der Humboldt-Universität Kultur- und Theaterwissenschaften studiert und 1991 ging er zum Regiestudium nach Babelsberg. Dort traf er Jakobine Motz, sie führte bei seinem Erstjahresfilm die Kamera. Sie arbeitete mit ihm später an dem Kurzspielfilm „Detektive“, 2006, er suchte sie bewusst für „Adam und Evelyn“, auch für „Der Funktionär“ drehte sie einige Bilder. Im Vater-Film sagt eine Stimme aus dem Off: „Dass der ganze Staat verschwinden würde, dachten wir nicht. Wir kannten keinen anderen.“

„Wichtig war das Gefühl, von heute auf diese Zeit zu schauen"

Das ist zur Handlungszeit von „Adam und Evelyn“. Als würde der eine Film den anderen kommentieren. „Ich war vielleicht 15 Jahre im Niemandsland, ich musste mich erst von der DDR lösen“, sagt Andreas Goldstein über sich. „Ich glaube, ich kann erst jetzt so eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählen, weil ich ein Verhältnis zur Gegenwart habe.“ Dennoch war die Filmarbeit sehr langwierig. Goldsteins Idee, der „filmisch geschriebene“ Roman ließe sich einfach in ein Drehbuch übersetzen, funktionierte nicht. Schon, weil die Tonlage des Buches noch leichter, heiterer ist, als der Film werden sollte. „Jakobine und ich haben drei Jahre lang wie mit einer Wasserwaage an dem Drehbuch gearbeitet, hier was weg- und dort was dazu getan. Die Geschichte war so fragil. Auch kleine Änderungen hatten gleich große Auswirkungen.“

Man kann die Sätze der beiden Filmemacher aus beiden Treffen gut zusammenstecken. Jakobine Motz sagt: „Wichtig war das Gefühl, von heute auf diese Zeit zu schauen, dass also das Wissen, was passiert ist, immer mitschwingt. Wir wollten nicht eine Liebesgeschichte um der Sache willen erzählen.“ Und Andreas Goldstein sagt, die meisten anderen stellten es heute so dar, als wären die Zustände der Gegenwart damals das ersehnte Ziel gewesen. „Die verdecken völlig, dass die Leute andere Visionen hatten. So wie Evelyn am Ende des Romans sagt: Jetzt können sie die ganzen Waffen verschrotten und bald muss jeder nur noch 30 Stunden arbeiten.“ Gemeinsam seien sie herumgefahren in der ostdeutschen Provinz, sie wollten Bilder, die zu ihren Erinnerungen passten. Auch nach den Schauspielern haben sie lange gesucht.

„Ich wollte nicht die Leute, die die Ossis vom Dienst sind im Film, wie bei ,Weissensee’. Ich wollte was Unbestimmtes haben und was Gebrochenes“, sagt Goldstein. Das fand er für Adam bei dem Österreicher Florian Teichtmeister. „Der hatte nur Angst, dass er Sächsisch oder Thüringisch lernen muss.“ Goldstein wies ihn auf den Tonfall von DDR-Intellektuellen hin, Teichtmeister habe dann in den Drehpausen immer Thomas Brasch gehört. Auch mit Anne Kanis als Evelyn seien sie sehr glücklich, unter den Schauspielern die einzige mit Ost-Vergangenheit. Vielleicht hängt noch mehr miteinander zusammen: Wie auf das untergegangene Land geblickt wird und wie sich das gegenwärtige Deutschland verändert.

„Wir verstehen uns blind“

Jakobine Motz sagt, ihr sei es nie wichtig gewesen, als Frau in der Filmbranche besonders wahrgenommen zu werden. Bei „Adam und Evelyn“ waren sie „ein Doppelteam, es war dialogisch“. Doch die Fragen auf den Festivals gingen zuerst an ihn. Man hört, wie sie sich um Balance bemüht, ihren Anteil an der Arbeit zu betonen, ohne den Partner in ein schlechteres Licht zu rücken. Adam und Evelyn, Andreas und Jakobine.

„Wir verstehen uns blind“, sagt Andreas Goldstein über Jakobine Motz. „Wenn Jakobine die Auflösung macht, also die Entscheidung über die Kameraeinstellung trifft, dann stelle ich das gar nicht in Frage. Wir sichern uns gegenseitig ab. Das ist eine kollektive Arbeit, man bekommt Dinge geschenkt, von denen man nicht wusste, ob man sie bekommen wird.“ Da bezieht er auch die Schauspieler ein, die dann mit dem Ergebnis zu sehen sind und womöglich der Kritik ausgeliefert. Und den Produzenten, der dem nicht mehr jungen Anfänger die Chance auf den ersten Langfilm gab.

Goldsteins schönster Satz ist wie eine Fortsetzung der Filmszene, da sich eine Frau in Adams Hände begibt, damit er sie richtig zur Geltung bringe. Es ist ein Satz, der die Filmemacher weitertragen könnte, sie vielleicht für neue Projekte sogar noch enger aneinander bindet. Hier geht es nicht bloß um ein Kleid, den schönen Schein, es geht um die Fortwirkung eines besonderen Romans, auch um die Erzählung von einer bestimmten Zeit und letztlich um eine Freundschaft, die sich in der Arbeit beweisen musste. Er sagt: „Das ist aus Vertrauen genäht.“