Und am Schluss gibt’s wider Erwarten: ein Happy End, wenn auch ein ramponiertes. Anders als in George Orwells Romanvorlage kommt das einstige Liebespaar noch einmal zusammen, vereint im Schmerz. Winston und Julia begegnen einander wieder, ihre gealterten Gesichter gezeichnet von Folter und Gehirnwäsche, zwei Elendsgestalten in zeltgroßen Trenchcoats.

Geschrumpfte, die sich gegenseitig huckepack nehmen und sinnfrei im Kreis rennen. Wie greise Kinder, die ihre Nachbarn nerven. Das System und seine Algorithmen, Big Brother und der blutrünstige Peiniger O’Brien haben gewonnen − und doch verloren. Der Mensch, mag er auch beschädigt sein, er bleibt das Maß aller Dinge.

Der fremdeste Ort in Deutschland

„1984“ in der Textfassung von Armin Petras ist auch die letzte Regiearbeit des scheidenden Intendanten des Stuttgarter Schauspiels. Zum kraftvollen Schlussapplaus tritt er vor sein Publikum, einmal, zweimal, wirkt erleichtert, gar verblüfft. Als würde er selbst nicht glauben können, dass er es solange ausgehalten hat. In einer Stadt, von der der 54-Jährige zu Beginn seiner Intendanz sagte, sie sei für ihn der fremdeste Ort in Deutschland.

Fünf Jahre später ist von diesem Exotismus nur wenig zu spüren. Viele im Parkett stehen auf und spenden Beifall, der allerdings im Vergleich zu der je nach Quelle fünf- bis siebenstündigen Applausorgie bei Claus Peymanns Abschied 1979 mickrig erscheinen muss. 

Stuttgarter Peymann-Kinder

Ja, die ewig traurigen Peymann-Kinder sind nie warm geworden mit dem inszenierenden Intendanten Armin Petras und seinem schreibenden Alter Ego Fritz Kater. So wenig wie all jene, die seit Jahren gegen den neuen Bahnhofsbau demonstrieren und früh alle Hoffnungen fahren ließen, vom Ex-Chef des Berliner Maxim-Gorki-Theaters zum Dauerreizthema, dem Infrastrukturprojekt „Stuttgart 21“ etwas Unzweideutiges auf der Bühne zu sehen. Petras weigerte sich beharrlich, das Theater in eine moralische Verkehrserziehungsanstalt und einen begehbaren Kummerkasten für eine ermüdende links-ökologische Bürgerbewegung umzugestalten.

Doch als 2016 bekannt geworden war, dass die Zuschauer weniger wurden, übertönte die Kritik den Bohrlärm aus der nahen Bahnhofsbaustelle. Petras’ damaliger Entschluss, die vereinbarte Vertragsverlängerung bis 2021 doch nicht zu erfüllen, aus familiären Gründen, wie er betont, erschien vielen Enttäuschten als Eingeständnis eines künstlerischen Versagens. Da hilft auch kein Ensemble, das zu den besten in der Republik gehört.

Theater und Bahnhof

Alles sprach nun gegen den Spielplan des Intendanten: Zu selbstreferenziell sei das Theater geworden, hieß es auch in den Medien. Zu wenig weiblich (was stimmt). Und wieder: zu unpolitisch. Pech aber auch, dass die Stuttgarter Arbeiten der anderswo hoch gehandelten Regisseure Robert Borgmanns und Martin Laberenz hier tatsächlich blass blieben. Und kaum war Katze aus dem Sack, riefen schon die ersten nach der Rückkehr von Petras’ Vorgänger Hasko Weber und dem einstigen Hausregisseur Volker Lösch, einem Meister des Agitprop − und ein ausgewiesener Stuttgart-21-Gegner.

Tempi passati. Die Auslastungszahlen im Schauspiel liegen wieder bei soliden 80 Prozent, in der Spielstätte Nord noch darüber. Ruhe ist eingekehrt, bei einigen Bruddlern (schwäbisch für Nörgler oder Kritiker) macht sich Ernüchterung breit. Spätestens seitdem man weiß, dass Klaus Dörr, der scheidende Künstlerische Direktor und langjährige Weggefährte Petras’, die Berliner Volksbühne interimistisch übernehmen wird. 

Volksbühne? Nein, danke.

Für den noch amtierenden Stuttgarter Intendanten ist die Berufung seines Top-Angestellten, so viel man hört, eine Genugtuung, die Anerkennung der eigenen Arbeit. Zumal Petras’ Name ständig fällt, wenn über die künftige Intendanz an der Volksbühne medial spekuliert wird. Er winkt ab, will als freier Regisseur arbeiten. Von Berlin aus. Erst einmal. Was sonst.

Armin Petras verabschiedet sich von Stuttgart ohne zu fremdeln oder verbranntes Land zu hinterlassen, im Gegenteil. In „1984“ macht er sich noch einmal locker, schüttelt all die Vorwürfe und Selbstzweifel von den Schultern.

1948 - 2018 

Er aktualisiert Orwells Textfassung von 1948 auf charmante Weise und stattet das Terrorregime mit den uns wohl bekannten Ablenkungsangeboten aus: Für die Jüngeren, die Generation „Faceheft“, gibt es eine Mindestration an Porno und Fitness; die Älteren vertrödeln mit Handwerk und Naturrestauration ihre Zeit. Und Big Brother ist vielleicht nur ein perfider, alle Daten in sich aufsaugender Algorithmus.

Der zuweilen brachialisch klingende, aber wunderbar arrangierte Indie-Pop kommt von der Dresdner Gruppe „Woods of Birnam“, deren Sänger und Frontmann Christian Friedel auch den Erzähler gibt und die Szenen rhythmisch verbindet. Das Ensemble glänzt einmal mehr. Bis zum überraschend versöhnlichen Ende.