Um zehn Minuten nach acht schlägt Adele die Augen auf, so pünktlich geht es sonst in dieser Kategorie von Konzert selten los, auf Rihanna oder Madonna darf auch gern mal eine Stunde gewartet werden. Bis dahin ist nur der charakteristische dicke schwarze, an der Außenseite wie ein Vogelflügel geschwungene Lidstrich rechts und links als großflächige Leinwandprojektion in der Mercedes-Benz-Arena zu sehen. Nun blickt das Berliner Publikum ihr per Video ins Gesicht, als sie ihr berühmtes erstes Wort singt: „Hello“, mit dieser Stimme, in der Rauch und Rotwein mitzuschwingen scheinen, in der das wohlig weiche Volumen immer von jenem kleinen klugen Kratzen flankiert wird, das den schmusigen Wohlklang dieser Altstimme erst unverwechselbar macht, ihr Tiefe und die lebensweise Melancholie einer altgedienten Soul-Diva verleiht.

„Hallo, ich bin’s“, mit diesen Worten eröffnet die allerdings gerade erst 28-jährige Sängerin ihr Stück. Und dazu beginnen Tausende von Smartphone-Displays zu leuchten und aufzuzeichnen – die kühle, moderne Version des Feuerzeug-Flackerns, die allerdings trotzdem, und das in einem so nüchternen Zweckbau, heimelige Gefühle beim Zuschauer hervorruft.

Mit welchem Titel auch sonst sollte Adele am Samstag den Abend beginnen, einen von zweien in Berlin, auf einer globusumspannenden Tournee mit mehr als hundert Shows, die meisten davon binnen Minuten ausverkauft, die Tickets auf dem Schwarzmarkt für bis zu tausend Euro gehandelt?

Nostalgie im Wuschelmantel

„Hello“ ist generell prima als Begrüßung in jeder Situation und außerdem ein  Welthit, den es sogar schon als Xylofon-Version fürs Kinderzimmer gibt. Die erste Single des dritten Adele-Albums, veröffentlicht im Oktober 2015, wurde bis Jahresende mehr als zwölf Millionen Mal verkauft – nicht etwa nur gestreamt, wie das heute so üblich ist. Das Video dazu, mit dem die Sängerin, gewandet in einen wuscheligen Mantel, diese Geschichte in f-Moll über das Bedauern um eine verlorene Liebe illustriert, kam anfangs auf mehr als eine Million Views pro Stunde.

Gefilmt wurde es in Sepia, was – ergänzt noch durch die Verwendung eines ollen Klapphandys – die Nostalgie des Themas unterstreicht, denn es geht um das, was vorüber ist, um verpasste Chancen, um den Wunsch nach Versöhnung. Das ist natürlich grundsätzlich ein typisches Frauending – Männer wollen bekanntermaßen lieber vergessen als ausgiebig daran herumkauen, wenn eine Beziehung im Eimer ist –, und das hört man auch an den Chören in der Mercedes-Benz-Arena. Adele weiß, was Frauen wollen: darüber reden. Oder eben: singen.

Im bodenlangen schwarzen Glitzerkleid, moderat hochgeschlossen und funkelnd in allen Farben der Scheinwerfer, steht sie anfangs auf einem kleinen Podest mitten im Zuschauerraum. Zur großen Bühne mit der monumentalen Leinwand heraufsteigen wird sie erst danach, unter Händeschütteln, Winken und Feixen. Denn so anstandsdamenhaft der Look auch sein mag und so  erwachsen temperiert auch die meisten Songs sind: Adeles herrlich brachialer Witz, ihre Situationskomik entfalten sich im Laufe des Konzerts umso unkonventioneller, inklusive dreckigem Bierkutscher-Lachen und heiserem Quietschen. Dafür lieben ihre Fans sie vielleicht sogar noch mehr als für ihre Lieder: für dieses ungehemmte, bodenständige Drauflosplauschen, das keiner Choreographie zu folgen scheint, sondern sich aus dem Moment ergibt.

Ein Star musste früher einmal völlig entrückt von seinen Fans sein, gottgleich distanziert. Heute werden die Erfolgreichsten im Business nicht müde, ihre Normalität zu preisen – nur wirkt das fast immer aufgesetzt, aus Strategiegründen als Information platziert. Adele hingegen muss da gar nichts behaupten.

Es reicht, ihr dabei zuzusehen, wie sie beim Gehen ihr Kleid mit dem weit ausschwingenden Rock über die Knöchel hinaufzieht. Und ihr dabei zuzuhören, wie sie darlegt, dass das so sein muss, weil sie sich beim Tourauftakt nämlich fürchterlich auf die Nase gelegt habe. Da das Rockraffen ohnehin nicht eben zierlich ladylike aussieht, mimt sie dazu noch einige rustikale Volkstanz-Schritte. Ach, Sarkasmus und Selbstironie! Kann es etwas Entwaffnenderes geben?

Beim sich anschließenden Händeschütteln von der Bühne herab mahnt sie die Zuschauer, sie aber bitte nicht runterzuziehen, sie käme dann nicht wieder hoch. Und zielsicher spürt sie nach einigen Selfies den Gast mit dem Lionel-Richie-Shirt auf, um ihn ein wenig zu quälen. Ach ja, „amazing“ sei der? Richie ist bekanntermaßen der andere große „Hello“-Sänger mit seinem „Hello, is it me you’re looking for?“, während es bei Adele ein nicht minder sehnsüchtiges „Hello from the other side“ ist.

Ähnlichkeiten in der Instrumentalisierung des Schmachtens gibt es durchaus – auch wenn die Britin als ihre Allzeitfavoritin die Blues- und Jazzsängerin Etta James angibt, als weitere Inspirationsquelle dann auch noch Beyoncé, die ihrerseits ebenfalls erklärt, von Etta James beeinflusst zu sein. Adele schwärmt nach eigenem Bekunden aber auch sehr für die Spice Girls, zu hoheitsvoll sendungsbewusst muss es ja nicht  werden.

Das Publikum springt beim ersten „Hello“ geschlossen auf, nimmt zwischendurch immer nur kurz wieder Platz und erweist sich den Abend über als recht textsicher, wie sich auch bei anderen Hits wie „Rumour Has It“, „Chasing Pavements“, „Rolling In The Deep“ (der letzten von drei Zugaben) und „Make You Feel My Love“, dem Bob-Dylan-Cover, herausstellen wird.

Rund zwanzig Musiker sind live dabei, ein Drittel entfällt, für das richtige Wohlgefühl, auf die säuselnden Streicher. Inhaltlich geht es mit insgesamt 18 Titeln durch alle drei Adele-Alben, „19“, „21“ und „25“, der James-Bond-Titelsong „Skyfall“ darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Dazu erreichen die ansonsten meistens schwarz-weißen, edel minimalistischen Video-Projektionen einen ersten psychedelischen Höhepunkt.

Gekonnt bricht Adele immer wieder das Pathos, zu dem viele ihrer Songs sich musikalisch auftürmen. Da berichtet sie, die sich selbst zu Recht für schwatzhaft hält,  beispielsweise von ihrem Geburtstag. Sie hat ihn – weswegen das Publikum mehrfach in ein „Happy Birthday“ ausbricht – am 5. Mai in Berlin gefeiert, im Volkspark Friedrichshain übrigens, in Gestalt eines Picknicks und Spielplatzbesuchs mit ihrem Sohn auf der grünen Wiese, im einem etwas zirkuszeltartigen Kleid und mit samtenem Fedora-Hut. Ganz ohne Entourage, dafür aber mit viel Vergnügen am Augenblick.

Denn auch das vermittelt Adele und zwar das ganze Konzert über mit einer sehr nahbaren Liebenswürdigkeit: Sie ist mit einer sehr authentischen Freude bei der Sache – wie charmant, wie unverstellt, wie unwiderstehlich. Ihr Hände deuten, gestikulieren, formen sich dazu immer wieder neu, sie haben eine eigene Choreographie, und immer wieder richtet sich ein Zeigefinger auf jemandem im Publikum. Wie um zu zeigen, dass sie – was logischerweise unmöglich ist – jeden einzelnen wahrnehmen will, als Replik darauf, dass sich in ihrer Musik so viele höchstpersönlich getroffen und verstanden fühlen.

Ihr Debütalbum, „19“, veröffentlicht im Jahr 2008, hatte das Leitmotiv des Liebeskummers, der Nachfolger „21“, erschienen 2011, war ganz der Trennungs-Verarbeitung gewidmet, auf „25“ schließlich geht es um Versöhnung, um Wiedergutmachung – was dann doch des Öfteren in eine melancholische Betrachtung dessen, was vorüber ist, mündet.  Es passt zum souligen Retro-Sound dieser Musik, die vielleicht vor der Zeit erwachsen sein will. Denn auch mit dieser Alben-Trilogie wird man ja nicht klüger in Gefühlsdingen, beim nächsten Mal ist alles wieder anders schwierig.

Aber kaum einer tröstet die Massen wohl so wohlig wie Adele. In Echtzeit ist sie nicht vom Sentiment geplagt. Adele schwärmt vom Wetter in Berlin und vom Zoo, dem besten Zoo ever. So schnell, so pointiert und amüsiert feuert sie ihre Episoden ab, wie sie nie singt, denn die meisten ihrer Lieder sind getragen und, wie sie selbst sagt in Berlin, eigentlich auch nur selten heiteren Inhalts. Mit dem leicht spöttischen Kratzen im Ton ist sie dem Publikum beim Reden wohl leider zumeist auch näher als beim Singen – die Halle hat einen ziemlichen Hall, etwas distanziert Hohles, ein recht blechernes Scheppern, das hat diese fabelhafte Stimme nicht verdient, die näher am Ohr der Tausenden sein müsste.

Wenn die Wimpern flattern

„Hello“ war, wie könnte es anders sein, auch das erste Wort, das sie an die Zuschauer gerichtet hat, nach den ersten drei Liedern – „Hello“, „Hometown Glory“ und „One And Only“: „Hello Berlin, how are you?“ Brausender Jubel ist die Antwort. Ein bisschen geschmeichelt fühlt sich das Publikum zudem, denn die Visuals zu „Hometown Glory“ zeigen nicht nur Schwarz-Weiß-Material aus Adeles Heimatstadt London, sondern auch Sequenzen aus Berlin, mit dem Fernsehturm, dem Reichstag und dem Brandenburger Tor. Die Kamera hat bei letzterem vom Großen Stern aus Fahrt aufgenommen, von ganz weit oben, sodass die in der Mitte stehende Adele in der Position der goldenen Viktoria im Bild zu schweben scheint.

Das darf, abgesehen von ein wenig Hin- und Hergehen, als mimisches Element im Programm gewertet werden. Denn natürlich gibt es bei Adele nicht die Art von Liveshow, an der sich Stars sonst in dieser Manege abarbeiten, in der sie sich körperlich derart abarbeiten, dass ihre Stimme zumindest mit einer  Teilzeit-Hilfe aus der Konserve unterstützt werden muss. Adele jedoch lässt nur die Wimpern flattern, winkt unglaublich tantig mit einer Art Finger-Klimpern, rollt beim Erzählen mit den Augen und flicht das eine oder andere donnernde „Fuck!“ dazu ein.

Adele muss gar nicht tanzen. Sie muss einfach nur da sein. „You had me at hello“ ist so ein hübscher britischer Ausdruck für das, was ihr auf der Bühne gelingt. Sie ist derart entwaffnend, dass es um ihr gesamtes Publikum sofort geschehen ist. Beim ersten „Hello“ eben. Und das hält. Zwei Stunden lang. Und weit darüber hinaus.