(Fast) echte Diva: Nina Janke spielt in der Berlin-Revue Marlene Dietrich. 
Foto: Volkmar Otto

BerlinIn Film und Literatur gibt es sie schon seit Jahren, die neue Lust an der Sünde – die Serie „Babylon Berlin“ hat zuletzt bewiesen, dass der Tanz auf dem Vulkan, der in den 20er-Jahren vor allem in Berlin getanzt wurde, die Massen noch heute fasziniert. 

Nun haben auch Theatermacher das sündige Jahrzehnt für sich entdeckt: Der Veranstalter BB Promotion bringt eine Show nach Berlin, die die Besucher in die vergangene Welt der Goldenen Zwanziger entführen soll. Noch dazu am alten Tatort: „Berlin Berlin“ feiert am 19. Dezember im Admiralspalast in Mitte Premiere, einst und jetzt bekanntes Vergnügungshaus, in den 20er-Jahren eines von drei großen Revuetheatern der Hauptstadt.

Freiheit und Aufbruchstimmung

„Die 20er-Jahre sind fast hundert Jahre her, aber überall lodert die Begeisterung für die Mode, die Tänze, die Musik und die Stars“, sagt Martin Flohr, der das Konzept für die Show entwickelte. Noch heute fasziniere die Menschen an der damaligen Zeit vor allem das Lebensgefühl und die besondere Aufbruchstimmung.

Die 20er seien auch das Jahrzehnt der Entdecker und Erfinder gewesen. „Alles scheint möglich und Freiheit ist ein großes Thema. Ich finde es interessant, dass wir 100 Jahre später wieder mit den gleichen Themen konfrontiert werden. Welche Antworten finden wir heute darauf?“

Auf der Bühne des Admiralspalasts wurde am Freitag das Konzept der Show vorgestellt – die Besucher erwartet kein Musical, sondern eine Revue im Stil der damaligen Zeit. Erzählt werden die Geschichten der Menschen, die zu Berühmtheiten wurden, „die Stilikonen, Stars und Sternchen“, sagt Regisseur Christoph Biermeier. „Wir haben die Comedian Harmonists als erste Boyband der Welt, Marlene Dietrich, aber auch die legendären Tänzerinnen Anita Berber und Josephine Baker.“

Erste Kostproben versprechen eine authentische Reise in vergangene Zeiten: Bagdsar Khachikyan, Florian Peters, Jendrik Sigwart, Emanuel Jessel und Jacoub Eisa trällern als „Comedian Harmonists“ den Gassenhauer „Mein kleiner grüner Kaktus“ – und die Schauspielerin und Sängerin Nina Janke überzeugt als Marlene Dietrich mit „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“.

Elf Darsteller wirken an der Produktion mit, außerdem stehen acht Tänzer auf der Bühne. Zusätzlich gibt es eine achtköpfige Band, die die neu arrangierte Musik von Richard Morris in Szene setzt. „Da es eine Revue ist, wird es mit 150 Kostümen natürlich auch jede Menge rasante Kostümwechsel geben“, sagt Christoph Biermeier. „Ich habe mir das bei den Proben in der Schneiderei schon mal angeschaut – und es erinnert an die Formel 1.“

Besonders freue sich das Team darüber, die Premiere im Admiralspalast feiern zu können, sagt Ralf Kokemüller, CEO der Produktionsfirma Mehr-BB Entertainment. „Die Friedrichstraße war in den Zwanzigern der Sündenpfuhl – und der Palast der Tempel der Lust.“

Mythos wirkt bis heute

„Berlin Berlin“ ist nicht die einzige Show, die sich mit dem sündigen Jahrzehnt befasst. Neben der neuen Staffel der Serie „Babylon Berlin“, die bald beginnt, ist auch das Musical „Cabaret“ ein Dauerbrenner, das Varieté Wintergarten in der Potsdamer Straße setzt ab Februar auf die Show „2020“.

Hanno Hochmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam kann erklären, warum der Mythos bis heute zieht. Seit vier Jahrzehnten gebe es ein starkes Interesse an der Vergangenheit. „Damit ist nicht nur Nostalgie gemeint, sondern auch das kritische Erinnern, das Aufarbeiten von Vergangenheit.“ Berlin als Hauptstadt und Metropole war zum einen die Stadt der Freiheit und zum anderem ab 1933 die Stadt der zerstörten Freiheit. „Das Bild vom ,Tanz auf dem Vulkan‘ drückt beide Dimensionen aus.“

Fraglich ist, ob „Berlin Berlin“ außerhalb der Hauptstadt funktioniert. Die Macher zweifeln nicht daran, dass sie auch bei ihrer Tour durch München, Köln, Düsseldorf, Hamburg und Stuttgart Erfolge feiern. „Obwohl Berlin die Stadt des Lasters war, gab es den Tanz auf dem Vulkan auch in anderen Städten“, sagt Martin Flohr. „Und Josephine Baker hatte in München Auftrittsverbot. 100 Jahre später können wir sie nun doch dort auf die Bühne bringen.“

Infos, Tickets unter www.berlinberlin-show.com