Rosa von Praunheim mit Lieblingshut und seiner Kuschelziege Ilse 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDer 1942 geborene Filmregisseur, Autor und Maler Rosa von Praunheim empfängt den Interviewer zu Hause in Wilmersdorf. Es soll um sein neues Theaterstück gehen, das die Autorentheatertage am Deutschen Theater eröffnet. Der Titel lautet „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ und verspricht nicht zu wenig. Es geht in beschwingter Weise und mit viel Musik um verwirrende sexuelle Praktiken, Massenmord, Political Correctness und eine ergreifende Liebesgeschichte zwischen Adonis und einer alten Ziege. Um einen Skandal sei es ihm aber nicht zu tun, sagt der Vater der  westdeutschen homosexuellen Emanzipationsbewegung. 

Herr von Praunheim, vielleicht kennen noch nicht alle die Anekdote mit der Ziege und dem neunjährigen Hitler. Was hat es damit auf sich?

Das ist doch eigentlich ein alter Hut. Ein junger Soldat im Zweiten Weltkrieg hat das erzählt, dass er und ein paar Jungen, darunter Adolf, mit neun Jahren eine Mutprobe machen und einer Ziege in den Mund pinkeln wollten. Dann ist der Knebel verrutscht, und die Ziege biss zu, sodass Hitler Teile seines Schwanzes einbüßte. Der junge Soldat wurde festgenommen und sollte die Geschichte widerrufen, ist aber bis zum Schluss dabei geblieben und dann erschossen worden.

Hat diese Anekdote Ihnen Hitler nähergebracht?

Zuerst einmal die Ziege. Ich bin auch mit einer Ziege aufgewachsen. Ich wuchs auf einem Hof auf, und wir haben die Hungersnot mit Ziegenmilch überlebt. Man musste die Ziege gut beschützen und behüten, damit sie nicht geklaut oder heimlich gemolken wurde.

Hatte die Ziege einen Namen?

Ja, die hieß Ilse. Und dann hatte ich mal einen Freund, einen Griechen, der hieß Adonis. Und der hatte vor mir eine Ziege, mit der er ein Verhältnis hatte.

Sie sagen das, ohne zu lächeln…

Ja. Das war eine ergreifende Jugendliebe. Die Ziege ist von ein paar Jugendlichen vergewaltigt worden und weggelaufen, und als sie wiederkam, hat sich Adonis in sie verliebt. Und sie hatten ein glückliches Leben, bis ich dann kam.

Glauben Sie, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn die Ziege Hitler nicht den Schwanz verstümmelt hätte?

Ob Hitler dann eine andere Entwicklung genommen hätte? Es ist nicht belegt, dass Hitler überhaupt Sex hatte. Für ihn war es wichtig, Macht auszuüben über Menschen, über Frauen und Männer. Kann sein, dass daran die Ziege schuld ist. Meine Frage ist grundsätzlicher. Sowohl Hitler als auch Friedrich der Große hatten homoerotische Neigungen und waren musisch begabt. Ich will in meinem geplanten Film „Der einzige Freund“ von dem Jugendfreund Hitlers erzählen, dem Musiker August Kubizek. Er war mit Hitler im Alter zwischen 15 und 18 Jahren befreundet und ließ in den Fünfzigern seine Memoiren schreiben. Die waren zusammen kreativ, haben Stücke geschrieben, an einer Oper gearbeitet und alles. Und Friedrich der Große war auch musisch, dabei noch sehr liberal bei diesem strengen Vater. Dass Schwule eine gewisse Sensibilität und als Außenseiter eine friedlichere Auffassung von der Welt haben, das ist eine Mär, wie man an diesen beiden Gestalten der Weltgeschichte, aber auch an anderen Massenmördern wie Cäsar, Alexander dem Großen oder Prinz Eugen sieht.

Ein aktuelles Werk von Rosa von Praunheim
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Hat Sie das überrascht, dass Homosexuelle nicht die besseren Menschen sind?

Nein, das nicht, aber es hat mich schon ein bisschen traurig gemacht. Bei Hitler muss ich noch mal sagen, dass da nichts belegt ist hinsichtlich sexueller Aktivität. Fünf von sieben Frauen, mit denen er ein Verhältnis hatte, haben sich oder wurden umgebracht. Aber ob er tatsächlich Sex hatte und sexuelle Wünsche erfüllen konnte? Es gibt ja diese amerikanischen Forschungen über die Psyche von Hitler, und die haben Gerüchte gesammelt, dass er dazu neigte, sich bescheißen und bepissen zu lassen zum Beispiel von seiner Nichte Geli Raubal. Man spricht von Coprophilie und Urinophilie.

Suchen Sie mit dem Stück eigentlich den Skandal?

Nein, darum geht es mir nicht. Mich interessiert das Authentische an all diesen Gerüchten und Kolportagen über den jugendlichen Hitler. Seine musische Produktivität, sein Schulabbruch, sein Scheitern bei der Kunstakademie in Wien, der mangels Abitur geplatzte Traum, Architekt zu werden.  Da war ja noch gar nichts von dem späteren Hitler angelegt.

Und was wollen Sie dabei herauskriegen? Was wollen Sie den Leuten mitgeben?

Ich will die Leute unterhalten. Ja, sie sollen sich unterhalten und ein paar Denkanstöße mitnehmen. Nichts weiter. Ich bin wahrlich nicht der einzige, der sich mit der Homosexualität von Hitler auseinandersetzt. Es gibt die Bücher von Lothar Machtan, Volker Elis Pilgrim und anderen. Und es ist ja auch unangenehm. Will man das wissen, dass so ein grauenhafter Mensch schwul war? Aber heute ist die Schwulenemanzipation so weit fortgeschritten, dass man auch negative Figuren in den Blick nehmen kann. Böse Schwule darf es heute in der Kunst auch geben, so wie in meinem letzten Film „Darkroom – tödliche Tropfen“ über einen schwulen Mörder. Früher hätte man sich das dreimal überlegt, weil man mit solchen Figuren die Schwulen als Gruppe diskreditiert hätte.

Haben Sie das Stück auch für AfDler geschrieben?

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Der Unerschöpfliche

Rosa von Praunheim wurde 1942 als Holger Radtke während der deutschen Besatzung im Zentralgefängnis in Riga geboren. Seine leibliche Mutter Edith Radtke verhungerte 1946. Von seiner Adoption erfuhr Rosa von Praunheim erst im Jahr 2000. 

Seit den Sechzigern dreht Rosa von Praunheim Filme und Fernsehbeiträge, vor allem experimenteller und avantgardistischer Art. Mit seinem Dokumentarfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) erlangte er seinen Durchbruch. Sein Oevre umfasst ungefähr 150 Kurz- und Langfilme. 

Viele Verdienste und Skandale sind ihm als Aktivist der deutschen Homosexuellen- und LGTB-Szene zu verdanken. 

Darüber hinaus dozierte der in Berlin lebende Künstler an Filmhochschulen, er malt, schreibt Gedichte, Romane und Theaterstücke. Sein biographisches Stück „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ kam 2018 im Deutschen Theater auf die Bühne. Am 2. Oktober wird dort zur Eröffnung der Autorentheatertage sein neues Werk „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ präsentiert. 

Ich weiß gar nicht, ob die sich überhaupt mit seriöser Kultur beschäftigen. Das ist ja jetzt die Gefahr, dass die mit ihrem Volkslied-Kulturbegriff Einfluss nehmen auf die Kulturförderung.

Wenn die dann hören oder vielleicht hier lesen, was da im Deutschen Theater wieder stattfindet, werden sie sich vielleicht bestätigt fühlen.

Das ist dann eben so ein Anreger für die.

Ein Skandal kann ja auch was bewirken...

Mir kommt es nicht auf den Skandal an. Ich habe mich mit der Jugend von Hitler beschäftigt, um die Psyche zu verstehen, Muster zu erkennen und vielleicht auch solche Phänomene wie Trump einzuordnen. Ich schreibe gerade einen Roman, der heißt „Hasenpupsiloch“, und da geht es um vier alte Frauen, die im Stile der Oma-gegen-Rechts-Bewegung durch die Welt ziehen und versuchen, Diktatoren umzunieten. Trump, Erdogan, Orban und Putin. Das wäre doch vielleicht eine Lösung. Bevor man einfach so an Corona stirbt, nimmt man noch einen Diktator mit auf die Reise. Der Kampf gegen Rechts ist wichtig bei diesem Auftrieb, den die gerade haben. Und natürlich ist es gut, die Psyche von Rechten zu ergründen, auch wenn das vielleicht eklig ist.

Was sagen Sie denn zu den jüngsten Tabubrüchen von Lisa Eckhart oder Serdar Somuncu?

Ich bin da gespalten. Wenn diese Lisa Eckhart da ihre Witze über Juden macht, die Frauen sexuell belästigen. Ich weiß nicht… Auch das Gedicht von Böhmermann über Erdogan und die Ziegenfickerei fand ich nicht sehr geschmackvoll. Das war kein gutes Gedicht.

Da ist sie wieder, die Ziege. Eine Ziege tritt ja wie gesagt auch in Ihrem Stück auf. Was unterscheidet Ihre Kunst von der Böhmermanns?

Mein Stück ist besser, qualitätsvoller, intelligenter und poetischer. Mein Stück hat ein hohes künstlerisches Niveau. Damit wird man sich anders auseinandersetzen und sich nicht nur aufregen. Ich habe das mit der Ziege ja nicht erfunden. Ob es wahr ist, ist eine andere Frage. Diese Spekulationen sind schon deshalb interessant, weil Hitler alles getan hat, um seine Geschichte zu verfälschen. Mich interessieren auch diese Lügen, diese Deckgeschichten von Menschen, die auf keinen Fall homoerotisch sein wollten. 

Gibt es sinnvolle Tabus?

Auf jeden Fall ist es sinnvoll, Tabus zu brechen. Wenn wir an den Missbrauch in der katholischen Kirche denken, die Tuntenparties im Vatikan. Gucken Sie die Whistleblower an, der Irak-Krieg wurde mit einer Lüge begründet. Das ist die Regel, hat Hitler auch so gemacht. Die Lügen, die Trump in die Welt setzt… Da muss man Licht hineinbringen. Ob das jetzt im Privaten auch so ist, ob man seinem Partner immer auf die Nase binden muss, dass man mit jemand anderem Sex hatte, will ich den Leuten überlassen. Ich finde ja, dass jeder das Recht auf Privatleben hat auch in der Ehe oder in der Partnerschaft. Man muss nicht alles teilen. Die Träume und Wünsche gehören einem, darauf hat man ein Recht. Ich finde es albern, sich zu trennen, weil der andere fremdgeht, wie es so schön heißt. Eine sexuelle Offenheit sollte kein Tabu sein. 

Was hält so jemand wie Rosa von Praunheim, der so viele Tabus gebrochen hat, von politischer Korrektheit. Ich zum Beispiel will lieber keine Worte benutzen, die andere Leute verletzen. Kennen Sie solche Bedenken?

Na ja, zum Beispiel das Wort schwul. Das war ja so ein verletzendes Schimpfwort. Und ich habe versucht, es in meinem berühmten Film von 1971, „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ [Ausschnitt weiter unten] so oft wie möglich zu verwenden, um es umzudrehen zu einem Wort des Stolzes. Meine Strategie ist: Wie immer dich deine Feinde nennen, klau ihnen die Worte, wandle sie um zu stolzen Wörtern und gehe nach vorn. Wenn jemand Arschficker sagt, dann meint er das als Schimpfwort, aber du musst es nicht so verstehen. Analverkehr ist etwas Wunderbares. Anale Freuden sind ja nicht von der Hand zu weisen, davon können auch Heterosexuelle ein Liedchen singen. Das Empfinden im Anus, eine stimulierte Prostata – das ist etwas Tolles. Deswegen wird es ja gemacht. Wenn mich jemand Arschficker nennt, sage ich: Ja, es ist was Wunderbares, probier es mal!

Sie haben einfach keine Lust auf die Opferrolle.

Genau. Aber es ist mir auch zu akademisch, sich über Begriffe zu streiten. Ich bin ein alter weißer Mann, vielleicht kann ich da gar nicht mehr mitreden. Klar haben wir diese Tabus, was Juden und unsere Schuld angeht. Die haben wir nicht von ungefähr. Aber es ist auch logisch, dass diese Tabus jemanden reizen. Deswegen sind das nicht gleich Antisemiten oder Massenmörder… Was ich schade finde, ist, dass wir so wenige arabische oder islamische oder anders fremde Freunde haben, dass wir alle so unter unseresgleichen und unter Gleichgesinnten bleiben. Das geht mir auch so. Ich wünsche mir mehr Nähe zu Fremdheit. Dann bekommt man viel mehr mit und eine ganz andere Toleranz. Mit diesen Wortdebatten scheint man sich eher voreinander zu verschanzen.

Hat es Freude gemacht, dieses Stück zu schreiben?

Ja. Wobei ich ja nicht selbst schreibe. Es schreibt mich. So male ich auch und schreibe Gedichte. Da zieht dann jemand in mich ein und diktiert oder führt mir die Hand.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe ungefähr 15 Projekte, die noch nicht finanziert sind. Als nächstes mache ich ein Dokudrama über Rex Gildo. Dann bereite ich einen großen Film über eine Domina vor, die hier im Haus wohnt. Die hat ein Buch geschrieben „Zwanzig Jahre an der Peitsche“. Ich sehe, Sie lächeln, die hätte Sie sicher gern behandelt.

Ich lächle, weil ich mich über Ihre Produktivität freue. Sie gehen auf die 80 zu.

Ich bin erst 78. Meine Astrologin hat gesagt, dass ich mit achtzigeinhalb sterben werde. Friedlich. Davon bin ich ganz begeistert.

Da könnten Sie doch was anderes machen als arbeiten.

Nein. Erstens brauche ich das Geld, und dann liebe ich meinen Beruf. Ich habe immer gearbeitet. Ich habe 150 Filme gemacht und sehr viele interessante Menschen kennengelernt. Wieso soll ich meine Zeit verplempern, indem ich mich erhole.