Eine kleine Ausstellung informiert über die Beziehungen von Theodor W. Adorno (1903-1969) zur Westberliner Akademie der Künste. Es geht um zehn Auftritte des westdeutschen Meisterdenkers in den zehn Jahren zwischen 1957 und 1967. Die Vorträge sind natürlich alle nachzulesen. Wozu also die Ausstellung? Fragt der kritische Zeitgenosse, der aber womöglich die Vorträge nicht gelesen hat.

Aber er wird einen Blick auf die Handschriften werfen und entdecken, wie sehr Adorno die Redemanuskripte überarbeitete, wie sehr er in die vorgeblich nur ums „Nötigste“ korrigierte Vorlage eingriff. Der Besucher steht vor den Vitrinen und denkt nach über das vertrackte Verhältnis von Narzissmus und Selbstkritik. Wie viel Selbstliebe ist nötig, um sich so intensiv mit dem eigenen Text auseinander zu setzen? Wie viel Abstand zu ihm aber auch, um so vorbehaltlos in ihn einzugreifen? Wer jeden Tag schreibt, weiß, dass er, wenn er selbst Korrektur liest, außerstande ist zu sehen, was er geschrieben hat. Er sieht fast nur, was er hatte schreiben wollen. Er entdeckt kaum Fehler. Und am wenigsten die großen. Der Text ist ihm noch viel zu präsent, um von ihm auch nur halbwegs vernünftig korrigiert werden zu können.

Adorno half sich auf eine sehr einfache, freilich kostenaufwendige Weise. Er diktierte seine Texte. Wer das nicht wusste, kann es hier sehen. Man entdeckt in einem der Typoskripte statt „avanciert“ – es war eine seiner Lieblingswendungen – „avanziert“. Sofort sieht man die ganze Situation vor sich. Die aufgeregte Aushilfssekretärin und Adorno, wie er in seinem Zimmer im Institut für Sozialforschung auf und ab geht und mit nichts als einem Zettel, auf dem er sich ein paar Stichworte notiert hat, der Schreibkraft mal eben einen Vortrag über zum Beispiel „Wagners Aktualität“ in den Block diktiert. Mit jener hohen, sorgfältig artikulierenden, aber immer ein wenig erregt wirkenden Stimme, die seine Zuhörer mindestens ebenso faszinierte wie das, was er sagte. Der Ausstellungsbesucher kann sie an einem Computer-Terminal hören.

Michael Schwarz hat die Ausstellung gemacht. Sie ist ihm wichtig, weil er so das Augenmerk auf den Redner Adorno lenken kann. Der war ungleich einflussreicher als der Autor. Über öffentliche Vorträge und vor allem über das Radio erreichte der prominenteste Intellektuelle der Bundesrepublik ein Publikum, das um ein Vielfaches größer war als das seiner Bücher. Für die 1950er- und 1960er-Jahre, schreibt Schwarz, „lassen sich fast 300 Rundfunkbeiträge ermitteln. Hinzu kommen mehr als 300 Auftritte vor Publikum“. Wer sich über die Vitrinen der Ausstellung beugt, wer Adornos Stimme hört, wer auch nur die Titel seiner Vorträge liest, den wird Melancholie befallen. Das alles war damals möglich! Sicher, wir haben keinen Adorno mehr. Aber diese damals offenbar faszinierende Verbindung von Narzissmus und gedanklicher, sprachlicher Präzision würde doch heute schon an den Vorzimmern der Rundfunkanstalten abgewiesen. Adorno hätte heute keine Chance. Wir haben dafür Harald Schmidt. Dass wir das für unser Glück halten, gehört zu unserem Unglück.

Theodor W. Adorno Ausstellung in der Akademie der Künste, Pariser Platz, Brücke, 10..Januar bis 6. Mai, 10 - 22 Uhr.