Dies ist ein waschechtes Corona-Album, schon der Titel erfüllt die stets vorläufigen Nüchternheitsstandards unserer Tage: „Songs and Instrumentals“ hat Adrianne Lenker ihr drittes Solowerk genannt, ein Doppelalbum aus Gesangsstücken und improvisierten Jams. Ungeplant ist es auch entstanden. Im März hatte Lenker die Europatour mit ihrer Band Big Thief abbrechen müssen, vorletzte Station war im März das Berliner Astra. Statt sich nach der Rückkehr in New York einzuschließen, isolierte sie sich mit dem Studiotechniker Philip Weinrobe in einer Hütte mit Außenklo in den Berkshire Mountains von Massachusetts, als Ausrüstung nur eine akustische Gitarre, ein Mikrofon und eine Achtspurbandmaschine.

Man hört die Abgeschiedenheit dieses Ortes, sie ist Teil des ästhetischen Programms und trägt zur kargen Schönheit des Albums bei, im Hintergrund zwitschern Vögel, die Finger der Griffhand rutschen über die Saiten, man spürt den Raum um den Sound.

Für die Hörer fühlt sich diese Intimität wiederum an, als seien sie dabei – aber mit Abstand, folkige Kuschligkeit gibt es bei Lenker nicht. Das liegt an der etwas kehligen Stimme der 29-Jährigen, die so klingt, wie ein Gesicht aussieht, das viel Wind und Wetter ausgesetzt war, zum Beispiel im Midwest-Staat Minnesota, wo sie aufwuchs, als Kind junger Eltern, denen sie eine halbe Kindheit in einer christlichen Spinnersekte verdankt.

Mit Big Thief wurde diese Stimme im letzten Jahr auch über Indiefolkrock hinaus bekannt, als die 2015 gegründete Band mit gleich zwei Alben in den Kritikercharts landete: „Two Hands“ und „U.F.O.F.“. Das zweite F stand dabei für Friend, und es meint die freundliche Begegnung mit dem Unbekannten. Um eine solche handelt es sich bei der verhuschten Musik von Big Thief, die sie mit ihrem seit 2018 Ex-Ehemann Buck Meek erschafft - die Sounds ballen sich schon mal zu geräuschigem Grummeln, aber vor allem halten sie eine ungewöhnliche Balance aus leiser Transparenz und hallverwischter Entrückung.

Dazu trägt nicht zuletzt Lenkers spinnennetziges, ausgezeichnetes Fingerpicking bei (sie hat am renommierten Berklee-Konservatorium studiert), das die archaische Grundstimmung auch solo ganz ohne elektronische Effekte in freundliche, spitzfingrige Distanz bringt. Die wirkt auch in den Texten, wo Lenker, oft von Naturbildern angeschoben, gern ins Überzeitliche und Vergängliche zielt.

Die Songs seien, schrieb sie auf Instagram, in einer „Zeit der Trauer entstanden, der persönlichen wie unserer ganzen Spezies“ entstanden. Aber sie präsentiert die schmerzvollen lyrischen und musikalischen Themen - das 21-minütige Instrumental „Music for Indigo“ ist ihrer Ex-Freundin, der Künstlerin Indigo Sparke gewidmet - als abgeklärten, stillen Trost. „Ich hoffe“, sagt sie, „dass euch diese Songs auf eine bescheidene Weise Freunde sein können.“

Adrianne Lenker – Songs & Instrumentals (4AD/Beggars/Indigo)