Der Blogger Alaa Abdel Fattah muss 15 Jahre in Haft. Am Mittwoch wurde er von einem Richter in Kairo für unerlaubtes Protestieren und einen Angriff auf einen Polizisten verurteilt. Drei oder womöglich fünf Jahre hatten der Angeklagte und sein Anwalt befürchtet. So schlug das Urteil ein wie eine Bombe. Das war auch Sinn der Sache, denn es handelt sich offensichtlich um einen politisch motivierten Prozess.

Die Regierung will zeigen, was sie von Störenfrieden hält. Unterschiedslos hart geht sie gegen Anhänger des im vergangenen Sommer gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi und liberale Aktivisten des Aufstands von 2011 vor. Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi ist mit dem Versprechen zur Präsidentschaftswahl angetreten, Ägypten Stabilität und Sicherheit zurückzubringen. Nun löst er es mit eiserner Faust ein. Die aufregende Zeit der Proteste am Nil soll vorbei sein. In Kairo wurden viele Mauern neu gestrichen: Graffiti verschwinden unter weißer Tünche, dabei ist doch Ägypten berühmt geworden für seine bunte Revolutionskultur.

Allerdings steckt noch mehr hinter dem harten Urteil gegen den 32-jährigen Alaa Abdel Fattah: Hier geht es auch um eine ganz persönliche Rache. Er ist der wohl bekannteste Aktivist Ägyptens und stammt aus einer Familie, die seit Jahrzehnten zum Widerstand gegen die Regierung mobilisiert. Verhaftungen und Prozesse vor dem Militärgericht hat Abdel Fattah schon als Kind erlebt. Mal traf es seinen Vater, einen Menschenrechtsanwalt, mal die Tante, eine Schriftstellerin. Bereits 2005 begann Abdel Fattah, mit seiner Frau Manal einen Blog zu schreiben und wurde dafür verhaftet. Die Bewegung „Free Alaa“ gilt als Sammelbecken der Aktivisten, die 2011 den Aufstand gegen Präsident Hosni Mubarak organisierten.

Nach dem Sturz Mubaraks mobilisierte Abdel Fattah weiter. Diesmal gegen den hohen Rat des Militärs, der die Regierungsgeschäfte führte. Im Oktober 2011 wurde er wieder verhaftet. Auch damals warf man ihm vor, Gewalt gegen Polizisten angewendet zu haben. Der Prozess dazu wurde zu einer peinlichen Angelegenheit für das Militär, denn Videomaterial zeigte keineswegs gewaltbereite Aktivisten, wohl aber Militärpolizisten, die brutal gegen Demonstranten vorgingen. Noch während Abdel Fattah im Gefängnis saß, wurde sein Sohn geboren. Aus dem Blogger wurde zunehmend ein Star. Nicht nur seine Texte, auch Fotos von seinem Wiedersehen mit seiner Frau und der ersten Begegnung mit seinem Sohn Khaled wurden über Twitter und Facebook verbreitet. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Dezember 2011 wurde es zunächst ruhig um ihn. Ab und zu nur wurde er mit Kindertrage und Windeltasche bei Diskussionsrunden und Ausstellungseröffnungen gesehen.

Im vergangenen Sommer aber gehörte Alaa Abdel Fattah zu denen, die zum Aufstand gegen Mursi mobilisierten. Das hinderte ihn auch nicht daran, bald danach auch die neue Regierung zu kritisieren. Zum Bruch kam es mit der Verabschiedung des rigiden Demonstrationsgesetzes. Seine Verhaftung galt vielen Liberalen, die bis dahin die militärgeführte Regierung stützten, als Anzeichen, dass es Zeit sein könnte, wieder in die Opposition zu gehen. Seine Verurteilung wird diesen Trend verstärken.