Das gegenwärtige politische Chaos in Ägypten wird zu vielen katastrophalen Resultaten führen. Wovor sich aber jeder Muslim fürchten muss und was zu den schlimmsten Konsequenzen in der weiteren arabischen und islamischen Welt führen wird, ist die zunehmende Verbreitung von Sektierertum und Intoleranz. Sie sprießen jetzt aus dem wichtigsten Staat der arabischen Welt, der jahrhunderte alten islamischen Bastion des Denkens, Lernens und der Toleranz.

Während die muslimische Bruderschaft und die ägyptische Armee ihren Streit in Kairos Straßen weiter ausfechten, werden Ägyptens verwundbare Kopten beschuldigt – dass sie auf der Seite des Militärs oder der USA stehen, oder einfach, dass sie anders sind. Zehn Prozent von Ägyptens 85 Millionen Einwohnern sind Christen; sie mussten zusehen, wie Dutzende ihrer Kirchen und andere religiöse Symbole in den letzten zwei Jahren niedergebrannt wurden.

In Syrien, wo acht Prozent der 23-Millionen-Bevölkerung christlich sind, geschieht dasselbe – die Christen werden beschuldigt und von beiden Seiten abgeschlachtet. Im Irak, wo allein im Juli tausend Menschen, meist Schiiten, starben, versucht Al-Kaida, es zu etwas ganz Normalem zu machen, dass nichtmuslimische Minderheiten alle ausgemerzt werden, und sogar die schiitischen Mehrheiten, die der intoleranten Interpretation des sunnitischen Islams durch das Terrornetzwerk nicht folgen.

Über den Nahen Osten hinaus hat das Sektierertum auch Pakistan erfasst wie nie zuvor. Sunnitische Extremisten schossen auf Christen, Schiiten, Ahmedi und jüngst auch auf die Ismailiten, die gewaltloseste und verantwortlichste unter den Schiitensekten, die fast allein Pakistans Schulwesen aufgebaut haben. Pakistans 700.000 Mann starke Armee und seine schwache schwankende Regierung scheint unfähig oder unwillig, die Gewalt zu bremsen und den Absturz in einen von Terroristen geformten Terrorstaat aufzuhalten.

Die Wahrheit ist: In der Geschichte hat kein Muslim je in einem Staat gelebt, der zu 100 Prozent nur einer Glaubensrichtung folgte, auch nicht in einem nur orthodox-sunnitisch regierten Staat. Der Prophet Mohammed lebte gemeinsam mit Juden und mit Völkern vieler Religionen, eingeschlossen solche, die damals Götzenanbeter oder Heiden genannt wurden. Der Koran gibt genaue und wiederholte Anweisungen, wie Muslime nicht-muslimische Minderheiten zu behandeln haben: dass sie sie beschützen müssen.

Dafür wurde der Islam in vielen Teilen der Alten Welt, wo ethnische Minderheiten unter Repressionen der einen oder anderen Art litten, willkommen geheißen. Es war die muslimische Welt, die die Juden aufnahm, als sie vom katholischen Spanien im 15. Jahrhundert vertrieben wurden.

Muslimische Reiche der Vergangenheit blühten dann auf, wenn sie verschiedensten islamischen Sekten und Nicht-Muslimen unter ihrem Schutz zu leben gestatteten. Gescheitert sind muslimische Reiche und Herrscher immer dann, wenn sie stattdessen danach trachteten, einen einzigen sektiererischen Staat zu errichten. Die Lehren der Geschichte sind alles andere als hinfällig, weil die Muslime das Ausmaß des Sektierertums in dieser modernen Welt nie gekannt haben, das jetzt die Muslime ins Abseits drängt.

In der heutigen Zeit sind alle Seiten dafür verantwortlich zu machen, weil der Extremismus die muslimsche Politik weltweit ergriffen hat – etwa der schiitische Extremismus, der aus der iranischen Revolution hervorging und vielen Gesellschaften und gerade auch den Schiiten zwangsverabreicht wurde; der sunnitische Extremismus war nicht bloß dem Entstehen von Al-Kaida geschuldet, sondern geht zurück auf die frühere massive Förderung des Wahabismus und anderer formen extremistischen Denkens durch die neureichen Öl-Imperien am Golf.

Wenn das Geld, das Saudi-Arabien und andere Golfstaaten seit den 1970er-Jahren zur Verbreitung des Wahhabismus ausgegeben haben, stattdessen dafür verwandt worden wäre, dass jedes muslimische Kind lesen lernt, hätte die muslimische Welt heute Nobelpreisträger und wäre nicht das Zentrum des Analphabetismus und der Unwissenheit. Saudi-Arabien erlaubt Christen oder Andersgläubigen in seinem Land nicht einmal, zu ihrem Gott zu beten – ein völliger Gegensatz zu dem, was der Prophet predigte.

Das soll nicht heißen, dass ein Sektierertum, seit die islamische Welt in Mehrheits-Sunniten und Minderheits-Schiiten geteilt ist, nie existiert hätte. Es blieb aber konstant unter der Oberfläche, bis es durch politische Kräfte und Herrscher geschürt wurde mit dem Ziel, den Staat oder die Religionsgemeinschaft zu beherrschen. Wir müssen nur auf die christliche Welt blicken und haben schon das beste Beispiel. Jahrhundertelang ließen die Kriege zwischen Protestanten und Katholiken – als der destruktive Wunsch, nach den Regeln einer religiösen Sekte zu herrschen – Europa ausbluten und halfen letztlich bei der Gründung Amerikas.

In der heutigen Welt ist solcher Wahnsinn mit Methode bei so vielen Muslimführern, mit dem sie das Aufblühen des Sektierertums zulassen, jedoch weniger verständlich. Als 1947 Pakistan gegründet wurde, waren dem Gelehrten Farahnaz Ispahani zufolge 23 Prozent der Bevölkerung Nicht-Muslime. Heute sind es eher drei Prozent. Als Pakistani aus der Generation der Mitternachtskinder habe ich einer ständigen Prozession von abwandernden Minderheiten zugeschaut. Zuerst wurden von intoleranten Regimen und extremistischen sunnitischen Gläubigen die Anglo-Inder herausgeworfen, gefolgt von den Hindus und Sikhs, die kurz danach gingen. Dann waren die Christen an der Reihe, und dann ein Haufen muslimischer Sekten, die jetzt alle einen ausländischen Pass wollen: Ismailiten, Ahmedi, Schiiten, Bohras und Memonen.

Die Drahtzieher des Sektierertums waren nicht nur Extremisten, sondern Politiker, Generäle und Bürokraten. Jetzt ist niemand mit Macht darauf vorbereitet, Minderheiten zu schützen.

Ägpyten wird bald seinen Minderheiten gegenüber intolerant werden, nicht nur weil plötzlich Extremisten das Ruder in der Hand haben, sondern weil die regierenden Eliten es richtig finden, intolerant zu sein; Intoleranz ist ein politischer Akt der Vergeltung, der Rache und der Eroberung. Mit Religion hat sie nichts zu tun, denn tatsächlich stellt sie sich dem, was der Islam lehrt, entgegen.

Wenn Muslime je dazu gezwungen werden, unter einheitlichen Ein-Sekten-Staaten zu leben, werden sie keine Muslime mehr. Denn der Islam gestattet dies nicht. Aber wer denkt schon an die wahre Religion, während das Feuer des Extremismus eine Sekte nach der anderen ausmerzt?

Ahmed Rashid, geboren 1948 in Pakistan, wuchs in Großbritannien auf und lebt wieder in Lahore. Das Magazin Foreign Policy hat den Journalisten und Schriftsteller zu einem der hundert weltweit wichtigsten globalen Denker gewählt. Er ist Gast des Internationalen Literaturfestivals Berlin.