Oldies but Goldies: Einen Tag nach dem Konzert von Black Sabbath in der Wuhlheide und einen Tag vor dem Auftritt der Rolling Stones in der Waldbühne wurde am Montagabend in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof der mittlere Teil der aktuellen Berliner Classic-Rock-Gedenkkonzerttrilogie abgehalten. Zu Gast in der mit 13.000 begeisterten Zuschauern ausverkauften Arena war das 1970 gegründete Sleaze-und-Schmuddel-Blues-Rock-Quintett Aerosmith um den charismatischen Sänger Steven Tyler und den Gitarristen Joe Perry.

Leser im reiferen Alter kennen Aerosmith wahrscheinlich von frühen Erfolgen wie „Dream On“ oder „Rag Doll“. Leser im mittleren Alter kennen Aerosmith wahrscheinlich von „Walk This Way“, ihrer Zusammenarbeit mit der HipHop-Crew Run D.M.C. aus dem Jahr 1986. Leser im jüngeren Alter kennen Aerosmith wahrscheinlich gar nicht. Doch gleich welchen Alters, wer sich für kraftvoll in die Saiten gedroschenen Männerrock und heiser-erotisiertes Männergeschrei in höheren Lagen zu begeistern vermag, wurde am Montagabend bestens bedient.

Knapp zwei Stunden lang spielten sich Aerosmith durch ihr Repertoire. Die Schwerpunkte lagen dabei einerseits auf dem ersten großen Erfolgsalbum „Toys in the Attic“ aus dem Jahr 1975 sowie andererseits auf dem Album „Permanent Vacation“ aus dem Jahr 1987, mit dem Aerosmith nach drogenbedingter Pause und internen Streitereien das erste große Comeback gelang, und auf dem Album „Get A Grip“ aus dem Jahr 1993, mit dem Aerosmith nach drogenbedingter Pause und internen Streitereien das zweite große Comeback gelang. Mit ihrem bislang letzten Album „Music From Another Dimension“ aus dem Jahr 2012 gelang Aerosmith hingegen weder ein Comeback noch sonst irgendetwas, weswegen es am Montagabend in der Mehrzweckhalle auch von eher untergeordneter Bedeutung blieb.

Hals-, Kopf- und Schnuffeltuch

Joe Perry trug einen schwarzen Hut mit einer roten Banderole sowie einen leicht knittrigen Lacklederanzug mit einem weißen Hemd und einem roten Halstuch, das bis auf den Boden fiel; am Anfang des Konzerts sorgte man sich daher noch darum, dass er beim Gitarrespielen auf das Tuch treten könnte, um dann vornüber zu fallen. Doch überstand Perry das Konzert motorisch wie musikalisch in gleichermaßen souveräner Verfassung. Steven Tyler kam in einem psychedelisch-verwirrend-umglitzerten Anzug auf die Bühne, dessen Oberteil er allerdings schon nach dem ersten Stück von sich warf. Dazu trug er ein selbstgebatiktes Halstuch in den Farben Blau, Magenta und Ocker, das er sich später am Abend um die Stirn wickelte, wodurch das Halstuch sich gewissermaßen in ein Kopftuch verwandelte; man stellte sich beim Betrachten dieser Doppelnutzung umgehend vor, wie Tyler das gleiche Gebinde des Nachts auch zum Kuscheln mit ins Bett zu nehmen pflegt. Erst Hals-, dann Kopf-, dann Schnuffeltuch. Ob er es zwischendurch auch einmal wäscht?

Außerdem trugt er eine mit morbiden Symbolen weiß bekritzelte schwarze Weste, komplex verknittelten Halsschmuck aus schwarzen Holzperlen und anderem Tand sowie scheinbar recht roh aus einem Findling gehauene Tropfenohrringe. Den rechten Ellenbogen schonte er mit einem Ellenbogenschoner, den linken schonte er hingegen nicht. Auf beide Oberarme hatte er sich ergänzend zu den großzügig angebrachten Tätowierungen mit blauer und schwarzer Farbe Augen und Blitze aufmalen lassen. Man könnte das alles dahingehend zusammenfassen, dass Steven Tyler recht unübersichtlich gestylt und bekleidet war.

Den Bühnenaufbau beherrschte ein langer Steg, der weit in den Publikumsraum hineinragte und an dessen Ende eine wild wirbelnde Windmaschine lockte, weswegen sich – es war stickig und heiß in der Halle – Steven Tyler immer gerne dorthin bewegte und seinen auch im Alter von 65 Jahren noch beneidenswert langen und festen Schopf (oder sind das Extensions?) nach hinten durchpusten ließ, wie man das auf solchen Konzerten ansonsten nur von Jennifer Lopez gewöhnt ist. Damit endeten die Gemeinsamkeiten mit Jennifer Lopez aber auch schon.

Beispielsweise würde sie niemals so häufig ins Mikrofon rülpsen, wie Steven Tyler das tat, und glücklicherweise hat sie sich, anders als er, auch keinen Oberlippenbart wachsen lassen; eine stilistische Entscheidung, die, da der Oberlippenbart den ohnehin ungeheuer breiten Mund Tylers optisch noch einmal verlängert, dazu führt, dass sein Gesicht wie ein Briefkasten wirkt. In beneidenswert sportlicher Weise wirbelte Tyler seinen Mikrofonständer umher und warf ihn in die Luft und hüpfte ihm nach, und wenn der Ständer so hoch in die Luft flog, dass man seinen Fuß von unten zu sehen bekam, dann konnte man erkennen, das Steven Tyler mit Edding die Worte „Lick Me“ darauf geschrieben hatte, was auf deutsch soviel wie „Schleck mich“ bedeutet.