Auf gewisse Weise ist natürlich die Location der Star. Zwar gaben sich am vergangenen Wochenende mit den Ärzten und den Toten Hosen die beiden zugkräftigsten und ältesten Rockbands Deutschlands die Ehre, das Tempelhofer Flugfeld dem Stadionrock zu eröffnen. Aber es sieht einfach ziemlich eindrucksvoll und glamourös aus, wie sich angeblich fünfzigtausend Leute bei den Hosen am Freitag und jeweils vierzigtausend bei den Ärzten an Sonnabend und Sonntag auf dem weiten Gelände mitten in der Stadt vor der großen Bühne drängen. Dahinter starrt das Halbrund der sturen Flughafengebäude, rechts davon geht über Kreuzberg die Sonne unter und nach hinten erstrecken sich die Rasenflächen, bis irgendwo Neukölln am Horizont auftaucht.

Wenn man am späteren Freitagabend wiederum den Blick ein bisschen unkonzentriert über die jubelnden Leute zur Bühne schweifen lässt, würde man sich nicht wundern, einen aufblasbaren Riesenpenis oder wenigstens die rausgestreckte Zunge der Rolling Stones zu sehen. Campino, der 51-jährige Sänger der Toten Hosen, hat sich des Schlabber-T-Shirts entledigt und rennt mit bloßem, gut erhaltenem Oberkörper über die weite Bühne, wippt vorgebeugt mit einem Fuß auf einer Monitorbox und schreit über sein Publikum hinweg in den offenen Himmel nach Neukölln. Dahinter rockt die Band einen in Fels gehauenen, dynamisch gehackten, umstandslosen No-Nonsense-Rock. Statt ihre Bühne mit Lumpierotik zu dekorieren, schießen sie später effektvoll Konfetti und Luftschlangen in den buntbeleuchteten Nachthimmel, und was die Leidenschaften angeht, wäre vermutlich ein überdimensionaler Fußball angemessen. Wo sich die Stones vor 50 Jahren am Blues abarbeiteten, basiert der Hosen-Sound seit 30 Jahren auf dem unbluesigen Dreiakkord-Britpunk der Siebziger, der nicht nur in den hooliganhymnischen Refrains, sondern auch im lauthalsen Gesang Campinos stadionnah wirkt.

#image1

Immer wieder spricht Campino von seinem wieder abgestiegenen und bandgeförderten Verein Fortuna Düsseldorf, es gibt ein paar freundliche Seitenhiebe gegen Hertha und am Ende verabschiedet sich die Band mit dem Fußballied „You’ll Never Walk Alone“. Zwischendrin hämt Campino noch ein bisschen gegen Bayern-Chef Uli Hoeneß: „Sechs kleine Jägermeister wollten Steuern sparen, Hoeneß wurde eingelocht, fünf durften nachbezahlen“, variiert er den Abzählpunksong „Zehn kleine Jägermeister“, mit dem die Toten Hosen 1996 an den Funpunk ihrer Bandkindheit erinnerten.

Diese spezielle Spaß-Interpretation von Punk als Startpunkt der Karrieren verbindet wiederum Ärzte und Hosen. Den Fun als Kernästhetik haben die Bands, beide Jahrgang 1982, ebenso abgelegt wie die frühere Rivalität, die sich rock’n’roll-angemessen auch in handfesten Streitereien um Frauen und Wodka und blaue Augen äußerte. Geblieben sind ein beiderseits höchst überzeugendes, jederzeit grifffestes und souveränes Rock-Entertainment und ein paar wechselseitige freundliche Sticheleien in sicherem, durch die Nacht getrennten Abstand. Die Hosen covern sogar „Schrei nach Liebe“, den prima barschen Anti-Nazi-Song der Ärzte.

Diese Wahl weist andererseits auch auf einen entscheidenden Unterschied der beiden Bands. Campino hat eine Message. Gleich im eröffnenden „Ballast der Republik“ geht es ungefähr um den Sozialverfall zwischen Politik und Konsum. Und in den beiden Alexander-Hits, dem sehr abholenden „Hier kommt Alex“ und dem hauruckenden „Sascha“ singt Campino über dumpfe Gewalt, Wertverlust und Nationalismus.

Er setzt dabei einerseits ganz auf ein jaggersches Frontmanncharisma und lehnt sich schon mal mit erhobenen Armen ans Meer des Publikums. Andererseits nimmt er sich zwischendurch Zeit, um über Asylpolitik zu reden, den arbeitenden Menschen und die graueren Zeiten jenseits eines rockigen Wochenendes. Dass man über die Punkjahre erwachsen geworden ist, zeigt sich in einem versöhnlichen Song über seinen Vater und auch am 17-jährigen Jez, dem Sohn des Drummers Vom, der mit seiner Freundin Meg zwei kurze Songs spielen darf. Väterlich, die Hand auf dem Herz, lobt Campino immer wieder das Publikum, das trotz enormem Gedränges vor der Bühne rücksichtsvoll miteinander umgehe – eine Aufmerksamkeit, die von einem Auftritt herrührt, als eine junge Frau bei einer Großveranstaltung ums Leben kam.

#image2

Der Vergleich mit Mick Jagger und den Rolling Stones mag ein bisschen wohlfeil erscheinen, aber praktisch ist er schon. Nicht zuletzt erklärt er den Unterschied zu den Ärzten, denen bei ihrem Heimspiel naturgemäß die vielen Zehntausende ebenso zu Füßen lagen wie freitags den Toten Hosen. Sänger und Gitarrist Farin Urlaub steht nicht nur meist recht verwurzelt auf der Bühne, er hat auch mit dem Stehdrummer Bela B einen gleichwertigen Publikumsliebling an der Seite, mit dem er amüsant bis albern blödelnd die Performance auflockert. Ziemlich beiläufig tritt Urlaub kurz aus der Rolle, um zu erklären, dass man mit dem Pfand der Becher die Trinkwasseraktion der Welthungerhilfe unterstützen kann. Aber ansonsten feiern B. und Urlaub eher lokalpolitische Ereignisse wie die Versöhnung ihrer beiden Bezirke Spandau und Frohnau, scherzen übers Alter und bedenken Tempelhof mit launigen Erinnerungen an die Nazibauherren.

Wo Campino den verantwortlichen Performer gibt, erinnert das lose, selbst- wie publikumsironische Ärztegeplänkel eher an Kurt Krömer. Nicht so allerdings die Musik, die zwar leicht und gewitzt von der Liebe zum Tamagotchi, eher pubertären Erst-Rendezvous und selbstgeschnitzten Göttern berichtet, aber sich höchst seriös, laut und druckvoll ans Volk wendet, das zum Dank auf Kommando auch mal einen Song lang mit den T-Shirts wedelt. Die Ärzte haben viel Sinn für eingängige Melodien, die wiederum kleine Schlageranwandlungen sofort harmonisch raffinieren. Man hört schicke Surferchöre, hübsche Melodien und auch mal einen pumpenden Motown-Rhythmus, kurze Metal-Motive wechseln sich mit viel sixtiesartigem Klingeln ab.

Ob es noch Punkrock sei, fragten die Ärzte in einem Song ihres letztjährigen Albums „auch“, wenn man plötzlich erwachsene Bedürfnisse erfülle. Vermutlich nicht. Aber wie sich diese beiden Bands über die Jahre selbst institutionalisiert haben, recht unverbogen, nach ihren eigenen Regeln und augenscheinlich familiendienlich von sechs bis sechzig, das ist schon einiger Ehren wert. Und nicht zuletzt jener, am Ende sogar noch die machtvolle Location lässig zu meistern.