Wenn Kabul je sicher wäre, wäre es der schönste Ort der Welt“, sagt Faiqa Sultani in dem Dokumentarfilm „True Warriors“. Faiqa ist eine junge, zarte Frau, die erst Tänzerin, dann Sängerin werden wollte. Aber weil ihre Familie entschieden hatte, dass Muslime nicht singen, ist sie heute Malerin. Die Bühne liebt sie weiterhin, weswegen sie am 11. Dezember 2014 ins französische Kulturzentrum in Kabul ging, wo ein Stück der Theatergruppe Azdar Premiere hatte: „Herzschlag: Die Stille nach der Explosion.“ Es ging um die Überlebenden von Terroranschlägen.

Zu Beginn der Inszenierung wurden Fotos von Attentat-Opfern projiziert, wie sie weiter erzählt. Dazu Musik. Dann wurde es dunkel und man hörte eine Explosion, Schreie und Handyklingeln, bevor die Schauspieler die Bühne betraten und sich fragend umblickten. „Ich hatte Gänsehaut“, berichtet Faiqa Sutani. „So ergreifend fand ich die Szene.“ Wenige Minuten darauf explodierte im Zuschauerraum des Kulturzentrums tatsächlich eine Bombe. Ein 16-Jähriger jagte sich in die Luft. Mit ihm starb ein Deutscher, Frank Ehling, der für ein Entwicklungsprojekt gearbeitet hatte. Körperteile lagen auf der Bühne. Da die Ambulanz auf sich warten ließ, trugen das Ensemble und das Publikum die teils schwer Verletzten nach draußen. 

Fluchtpunkt Kultur

Die Filmemacher Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seidel lassen in „True Warriors“ (Wahre Krieger), Schauspieler, Musiker und Zuschauer das Erlebnis des Anschlags ganz genau rekonstruieren. Dabei entsteht auch eine Erzählung von der generellen Rolle der Kultur in einem Land wie Afghanistan. Sie ist Flucht- und Hoffnungspunkt, Zukunftsversicherung, und oft einziges Medium sich auszudrücken. Viele aus dem Azdar-Ensemble wollten nie wieder auftreten. Aber nach dem Lynchmord an der 28-jährigen Farkhunda im März 2015, einer Religionsschülerin, die eine Koran-Ausgabe verbrannt haben soll, ließen sie sich von der Schauspielerin Leena Alam überreden, ein öffentliches Reenactment dieser Hinrichtung aufzuführen. Das war ihre Rettung – künstlerisch und menschlich. Sie machten weiter!

In „True Warriors“ sind Videoaufnahmen der Performance und der tatsächlichen Verbrennung Farkhundas zu sehen. Auch Videoaufnahmen der Explosion im französischen Kulturzentrum in Kabul sowie Luftaufnahmen dieser Stadt gewordenen Felswüste zwischen den Bergen.

Die Visa wurden nicht erteilt

Im Wesentlichen aber sieht man die Zeugen sprechen, bildfüllend vor dunklem Hintergrund. Oral History, mit Originalmaterial beglaubigt. Der Film erzählt gewissermaßen eine Vorgeschichte. Ein Jahr nach dem Attentat wurde die von den Taliban bedrohte Azdar-Gruppe nach Deutschland eingeladen. Der Berliner Regisseur Robert Schuster und Julie Paucker, Dramaturgin am Nationaltheater Weimar, schlugen ihnen einen deutsch-französisch-afghanischen Austausch vor.

Auch die Ehefrauen der Schauspieler sollten Verträge für Arbeit im Theater bekommen. Doch die Visa wurden nicht erteilt. Die Produktion „Kula – nach Europa“, die im September 2016 beim Kunstfest Weimar herauskam, entstand ohne die sechs Kollegen aus Kabul. Nur ein Azdar-Mitglied, Nasir Formuli, der begonnen hatte, an der Berliner Ernst-Busch-Schule Puppenspiel zu studieren, war dabei. Aber Schuster und Paucker gaben nicht auf, luden die Gruppe zu einer Folgeproduktion zum Kunstfest Weimar 2017 erneut ein und warteten abermals auf die Einreisegenehmigungen – um irgendwann auf Nachfrage zu erfahren, dass die Visumsanträge besser ohne mitreisende Frauen gestellt werden sollten. 

Ohne private Bürgen kein Visum

Wobei es keine afghanische Behörde war, die das Problem darstellte, sondern die deutsche Botschaft. Die Schauspieler zögerten lange, ihre Partnerinnen bei den Taliban zurückzulassen, stellten dann aber ihre Anträge erneut und nur für sich. Doch wieder wurde der Zutritt verweigert. Erst private Bürgschaften durch das deutsche Team ermöglichten in letzter Minute diesen Kulturaustausch mit einem Land, in dem 13 Jahre lang und noch zum Moment des Anschlags auf das Azdar-Stück deutsche Soldaten stationiert gewesen waren.
Mit „Malalai – Die afghanische Jungfrau von Orléans“ ist im Sommer 2017 die gewünschte „transnationale“ Produktion entstanden, in der sich deutsche, französische, afghanische und jetzt auch israelische Schauspieler über den Mythos des Gottgewollten und Nationalismus austauschen, über Gefolgschaft und Widerstand, Gewalt und Angst, über Liebe auch.

Nach der Premiere beim Kunstfest Weimar wurde sie unter anderem in Bochum, Chur und Hamburg gezeigt und kommt jetzt zum Abschluss nach Berlin. Es steckt eine Menge staatliches Geld in diesen Aufführungen, von dem wie immer nur der kleinste Teil tatsächlich an die Künstler fließen wird. Aber selbst wenn es der größte wäre – die eigentliche Währung, mit der dieses Projekt bezahlt wurde, ist das Risiko der zurückgelassenen Familien, das das afghanische Ensemble auf sich genommen hat. Anders als jeder Verzweifelte, der sich selbst auf den Weg macht, können die Eingeladenen auch keine Asylanträge stellen, ohne die für sie bürgenden Kollegen zu belasten. 

Was ist der politische Wille?

Und der Fall des afghanischen Azdar-Theaters ist nur einer unter vielen. Künstler aus politisch unsicheren Ländern, die dort oft regelrechte Zielscheiben sind, werden hier nicht anders behandelt als Angehörige jeder anderen Berufsgruppe. In der Akademie der Künste, wo „Malalai“ und „True Warriors“ am Wochenende als Paket zu sehen sind, gibt es am Sonnabend eine Diskussion zur Frage des Kulturaustauschs, an der auch ein Vertreter des Auswärtigen Amtes teilnehmen wird. Da kann man vielleicht etwas über den politischen Willen in dieser Sache erfahren. 

„Das ist jetzt unser Leben in Afghanistan“, sagt einer der jugendlichen Musiker, die bei dem Selbstmordattentat mit auf der Bühne waren, gegen Ende des Dokumentarfilms. „Du läufst auf der Straße, da tut’s plötzlich einen Schlag und nachher finden die Leute nicht einmal deine Körperteile.“ Auch Faiqa Sultani sieht das nicht rosiger. Aber an Ausreise denkt sie nicht. Sie habe sich vielmehr etwas überlegt: „Ich habe die Telefonnummern meiner Eltern in meinen Geldbeutel geklebt, damit jemand sie anruft, falls ich bei einer Explosion sterbe.“

Malalai – Die afghanische Jungfrau,19. und 21.1.2018, 19 Uhr

True Warriors Berlin-Premiere 20.1.2018, 18.30 Uhr, im Anschluss: Diskussion Kulturaustausch mit politisch unsicheren Ländern Akademie der Künste, Hanseatenweg 10