Nicht viele Bilder haben die Kraft, sich aus der betäubenden Bilderflut der Moderne zu lösen, aus ihr herauszuragen. Die Aufnahmen vom Flughafen in Kabul, auf denen man winzige schwarze Punkte sieht, die von einem Flugzeug herabfallen, sind von dieser furchtbaren Qualität. Sie schließen einen Kreis, indem sie an die Bilder der vom brennenden World Trade Center herabstürzenden Menschen am 11. September 2001 erinnern, einen Zusammenhang in diesem „Krieg gegen den Terror“ herstellen. Es sind Bilder, die einen nie mehr loslassen. Aber sie erzählen einem nicht alles, was man wissen muss.

Die da in Kabul vom hellblauen Himmel fielen, sind Menschen, die eine Geschichte haben, eine Familie, Vergangenheit. Die Washington Post hat eine dieser Geschichten recherchiert, einem dieser Opfer nicht nur den Namen zugeordnet, sondern einen Vater, einen Beruf, ein Gesicht. Es ist das Gesicht eines jungen Mannes. Auf dem Bild, das die Zeitung veröffentlichte, steht er unter einem winterkahlen Baum, er trägt eine schwarze Lederjacke, deutet ein Lächeln an, während er selbstbewusst direkt in die Kamera blickt. Es ist Fada Mohammed, geboren 1996 oder 1997. Sein Vater erinnert sich nicht genau.

Fada Mohammed, 24 oder 25 Jahre alt, war der Hoffnungsträger dieser nicht sehr wohlhabenden Familie, die ihr Geld mit dem Verkauf von Kleidung verdiente. Sie kratzten das Geld zusammen, um ihn, den ältesten von zehn Kindern, zur Universität zu schicken. Er wurde Zahnarzt. Seine Praxis lag in der Nähe des Shaheed-Platzes in Kabul. 200 Dollar habe er im Monat verdient, sagte sein Vater den Journalisten.

Als die Taliban am 15. August Kabul umzingelt hatten, sagte Fada Mohammed, er habe durch Facebook erfahren, dass die USA und Kanada jeden ausfliegen würden, der das Land verlassen wolle. Dass er es selber versuchen wolle, hat er nicht erwähnt. Als er am 16. August um halb neun Uhr morgens das Haus verließ, dachten sie, er sei auf dem Weg zur Arbeit. Er klammerte sich an einem amerikanischen Militärflugzeug fest, sein Körper landete in einem Wassertank auf einem Hausdach.