"African Queen": Die Löffelposition ist eine Chimäre

Er ist mit Sicherheit der witzigste und gnadenloseste Reiseschriftsteller Deutschlands, er hat nichts ausgelassen an Abenteuern und Selbsterfahrungstrips, er kennt Asien, vor allem Indien seit seligen Hippiezeiten, aber in Afrika war er war noch nie. Das ist jetzt anders. Der entschiedene Einzelgänger Helge Timmerberg hat sich nämlich verliebt, in Lisa, eine Wienerin, die halb so alt wie er ist, und die zieht es nach Afrika, genauer in eine Edel-Lodge in Malawi, bei der sie sich als Managerin verdingt hat. Zwei gefährliche Abenteuer zugleich also, und um es ganz klar vorneweg zu sagen: Timmerberg hat nur Lust auf das eine, Lisa natürlich, und auf Afrika keine. Außerdem ist der bekennende Globaltrottel und Reportagen-Junkie langsam „überreist“. Afrika ist sein Konkurrent, sein Feind im Kampf um die Gunst von Lisa. Insofern kommt ihm die eklige Mückenattacke, die das Paradies gleich an ihrem Ankunftstag heimsucht, sehr gelegen.

Kapitulation der Kreativität

Aber beim ersten Sonnenuntergang über der Savanne fallen Timmerberg nicht nur die ganzen orangeroten Schirmakazien-Buchcover –„Kapitulation der Kreativität“– der einschlägigen Frauenromane zum Thema ein, einschließlich Hardy Krüger und Mankell, angesichts der „Champions League der Reiseeindrücke“ (Schnee am Kilimandscharo!) gesteht er auch demütig seine eigene Überwältigung ein. Das kann er trotz seiner Reisemüdigkeit nämlich immer noch in umwerfender Frische: kindlich staunen über die Wunder der Welt und sich zugleich beim doofsten Kitsch – „Die Erinnerung der Gene!“ – zu ertappen.

Timmerberg kennt das ganze Klischeegewese um Mamma Africa und Wiege der Menschheit auswendig, aber er ist sich nie zu fein dafür, ihm dennoch zu erliegen. Ebenso wie seiner Höllenangst vor einem Monsterkrokodil. „Tief atmen nützt mir grad ’nen Scheiß.“ Mit weichen Knien stellt er fest, dass es einen Unterschied zwischen Fluchtreflex und Wassersport gibt, sinniert über die Nasenlöcher der Uferbestie und kommt zum Schluss: „Evolution ist faszinierend, ich würde sie gern verstehen.“

Timmerberg spielt gern den Ahnungslosen, allzeit bereit, sich auf noch einen Drink, ein Märchen , ein Abenteuer oder eine Erleuchtung einzulassen. Das ist ein prima Trick, sich die Neugierde auf die fabelhaften Merkwürdigkeiten des Fremden zu bewahren – und nebenbei die Methode des professionellen Geschichtenjägers, der zuerst mit offenen Sinnen hinsehen und hinhören können muss. Hinreißend zum Beispiel die Geschichte von Toni: Der ehemalige Tischler aus Rostock, „ein Ossi, klar,“ managt eine herrliche Nobel-Lodge. Die wird aber zusehends von Pavianen durch sanfte Übernahme „vergesellschaftet“. Weil Toni ein humanistisches Weichei ist, traut er sich nicht, die süßen Tierchen mit der Knarre zu vertreiben, was das einzig Richtige wäre. „Toni ist ein Pazifist, er ist zu weich für Afrika. Hat Moni ihn deshalb verlassen? Man weiß es nicht.“

Paviane kennen keine Scham

Paviane, das lehrt ihn die teilnehmende Beobachtung in Tonis Lodge, kennen jedenfalls keine Scham. Ob sie einen Gott haben? Und wie sähe wohl ein Pavian-Playboy aus? Und schwupps kommt Timmerberg zur simplen Erkenntnis: „Manieren sind in Afrika Quatsch“. Pointierter wurde das Phänomen der „Verbuschung“ – Weiße werfen in Afrika Zivilisation ab – selten ausgedrückt. Und wo wir schon mal beim doppelt ironischen Rassismus sind: Mit seinem lapidaren Spruch „Zeigen wir ihnen (den Afrikanern), was Unglück ist!“, steckt Timmerberg locker mehrere Regalmeter an postcolonial studies-Ethnologie samt Dialektik der Aufklärung in die Tasche.

Er springt vom Großen ins Kleine und zurück, eine haarsträubende Geschichte jagt die nächste, er stellt hanebüchene Behauptungen auf, die er einleuchtend mit einer weiteren komischen Anekdote begründet, wie ein psychedelischer Popliterat zitiert er sprudelnd aus Literatur, Popkultur, Filmen und Werbungskitsch, er praktiziert das wilde Denken so leichthändig, wie es nur durch langjähriges Kiffen gelingt. Und gerade wenn einem das Sperrfeuer aus seiner Kalauerkalaschnikow auf den Zeiger zu gehen droht, bremst er es aus mit einer Lebensweisheit von abgrundtief schlichter Schönheit. Wer würde abstreiten, dass in der Liebe gilt: „Wer Angst hat, den anderen zu verlieren, der nervt.“ Und „die Löffelposition ist eine Chimäre“.

Timmerbergs „hinterfotzig, genrephilosophisch, druckreif dahergeplapperter“ Sound aus Blasphemien, Blödeleien und Beobachtungslust reißt einen von der ersten Seite an mit und mit ihm durch halb Afrika. Im Senegal bietet man Trommelkurse, Aids und Ehen an. Dakar ist ein Labyrinth schlecht imitierter Zivilisation, eine Plastiktüten-Supernova, und der „romantische Materialist“ oder auch alte Gockel (Selbsteinschätzung) erliegt kurz mal dem Voodoo-Zauber einer schönen jungen Hexe.

Nach dem Motto „Lieber Vorschuss statt Streifschuss“ steigt Timmerberg zwar auch gern mal im Hilton von Addis Abeba ab, aber das „Afrikanische Fieber“ eines Ryszard Kapuscinski holt man sich halt leichter auf der Gasse und in der Gosse. Wenn’s der Geschichte dient, lässt Timmerberg sich immer gerne überrumpeln, übern Tisch ziehen, verarschen, ausnutzen, hereinlegen, übertölpeln oder eben überwältigen. Grenzen sind dazu da, sie zu übertreten, sonst kann man zu Hause bleiben. Weil auf Sansibar alles so märchenhaft vermischt ist, Indien, Arabien, sogar ein Hauch Thailand, erlaubt Timmerberg sich die Steigerung des unsteigerbaren Adjektivs „wunderbar“ zu „sansibar“.

Was zwanglos überleitet zu: Das „Serengeti“ darf nicht sterben! Gemeint ist damit eine der drei Biermarken Tansanias, die aber alle so „sansibar“ sind, wie Timmerbergs selbstironisch geschilderter Afrikatrip. Wie es mit Lisa weiter-ging, erzählt er nicht. Aber „unter allen Möglichkeiten, sich wortlos zu bedanken, gilt ein kühles Bier nicht als die schlechteste“.