Bei „Writing in Migration“ (WiM) bekam Berlin den Kopf gewaschen. Die Stadt, die sich leidenschaftlich als Hafen der Freigeister, Speerspitze der Innovationen und Magnet der Vielfalt inszeniert, hat dieses Festival für afrikanische Literatur bitter nötig. Denn, so stellte Kuratorin Olumide Popoola bei der Eröffnung charmant fest: „Ihr habt ganz offensichtlich keinen Plan.“

Von Donnerstag bis Samstag debattierten führende afrikanische Schriftsteller und Schriftstellerinnen ihr Schaffen im Kino Babylon. Wer sie zu Beginn der Gesprächsrunden vorstellte, kam nicht umhin, eine Reihe von Buchpreisen, Nominierungen und Stipendien aufzuzählen. Doch während Namen wie Chris Abani, Ayòbámi Adébáyò oder Sarah Ladipo Manyika in Großbritannien für wissende Vorfreude sorgten, traf die deutsch-nigerianische Schriftstellerin Popoola hierzulande im Vorfeld auf fragende Ratlosigkeit. Das Symbolbild, dass das RBB-Magazin zibb zum WiM-Bericht wählte, zeigte dann auch einen Baum vor einem Sonnenuntergang – Kalahari-Kitsch statt Postmoderne.

„Wir fordern heute Dinge, die damals die Norm waren“

Dabei sei nicht weniger als das in afrikanischen Traditionen angelegt – auch wenn die ehemaligen Kolonialmächte für sich in Anspruch nahmen, den afrikanischen Kontinent zivilisiert zu haben. „Es gibt keinen Westen ohne Afrika“, stellte Chris Abani in seiner Ansprache zum Festivalauftakt klar und verwies auf die Sprache der westafrikanischen Igbo und der Yoruba, die gänzlich ohne Geschlechter auskommt sowie auf uralte Schriften aus Timbuktu und die koptische Kirche in Äthiopien; Orte, an denen Afrikaner Queerness, Differenz, Vertreibung und Gleichzeitigkeit verhandelten.

An anderer Stelle erzählte Ayòbámi Adébáyò von den gesellschaftlichen Räumen, die Frauen in Südwest-Nigeria vor der Kolonialisierung zugestanden wurden: „Wir fordern heute Dinge, die damals die Norm waren. Im Rückblick sehen wir, dass wir schon mal weiter waren.“ In drei ausgewählten Panels beschäftigten sich die Gäste mit der Frage nach afrikanischer Identität, afrikanischem Schreiben, dem kolonialen Erbe und – in Anlehnung an das gleichnamige Werk des kenianischen Intellektuellen Ngugiĩ wa Thiong’o – mit der Dekolonialisierung des Denkens. Mögen sich die geladenen Autorinnen und Autoren auch darin einig gewesen sein, dass sie „Schriftsteller unter Schriftstellern“ sind und statt ihrer Herkunft die Geschichten im Vordergrund stehen sollten, solche Fragen bestimmen doch den Diskurs.

Aus Nigeria etwa, wo viele der Geladenen ihre Wurzeln haben, kam im Vorfeld die Kritik, dass das WiM keine „echte“ afrikanische Literatur abbilde, sondern „bloß“ Diaspora-Lektüre. Bibi Bakare-Yusuf, nigerianische Genderforscherin und Verlagsleiterin von Cassava Republic Press, sah das anders: „Afrikanisches Schreiben umfasst für mich die ganze Bandbreite des Afrikanischen, sie stand schon immer in Wechselbeziehung mit dem, was sich in der Karibik abspielte und den Amerikas.“ Mit ihrem Verlag zielt Bakare-Yusuf auf den Ausbau dieses Dialoges, um gängigen Fremdzuschreibungen etwas Diverses und Starkes entgegenzusetzen.

Die Auseinandersetzung findet längst statt

Nichtsdestotrotz geriet der Blick auf diese interkontinentale Szene bei WiM schon mal eurozentristisch. In der Runde zum Thema Feminismus in Nigeria fragte man nach den Auswirkungen der MeeToo-Debatte, nur um zu erfahren, dass schon Jahre davor feministische Kampagnen stattfanden, etwa unter dem Hashtag FemaleInNigeria. Im Panel zur Dekolonialisierung des Geistes wiederum sprach Andreas Bohne, Referent für Südliches Afrika der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die RhodesMustFall-Protestbewegung an, die sich 2015 an einer Statue des Imperialherren Cecil Rhodes entzündete, und wollte wissen, wie man das „schluckauf“-artige Reflektieren der Kolonialvergangenheit denn verstetigen könne.

Seine Gesprächspartner, die finnisch-nigerianische Journalistin Minna Salami und der kenianische Schriftsteller Mukoma wa Ngugi, korrigierten diese Draufsicht gerne: Die Auseinandersetzung fände längst statt. Nur eben nicht vor aller Augen und im Kleinen.

Solange das westliche Interesse ans Spektakel gebunden ist, bleibt es „Pflicht“ und „Freude“ afrikanischer Literaturschaffender, wahrhaftige Geschichten zu erzählen: übers Heranwachsen inmitten religiöser Extremisten. Über lesbische Liebe in Zeiten des (nigerianischen) Bürgerkrieges, den Wert einer (nigerianischen) Ehe, wenn sie keine Kinder hervorbringt. Allianzen von Sexarbeiterinnen in Antwerpen. Begehren im Alter. Und so vieles mehr.

Infotippwww.afrikaroman.de