Sie war das A in ABBA – Agnetha Fältskog, die blonde Sängerin der schwedischen Erfolgsband, einer der größten Popstars aller Zeiten. Doch nach der Auflösung des Quartetts 1982 und einigen Soloerfolgen zog sie sich mit ihren zwei Kindern in ein abgeschiedenes Bauerngut auf der Insel Helgö westlich von Stockholm zurück. Nur selten bekamen ihre Landsleute sie noch zu Gesicht, was ihr eine geradezu mystische Aura verlieh.

Doch nun, neun Jahre nach ihrer letzten Coversong-Platte „My Colouring Book“, hat sie ein Album mit neuen Liedern aufgenommen. Es heißt „A“ und wurde von Jörgen Elofsson produziert, der bereits mit Britney Spears zusammenarbeitete. Als wir die 63-Jährige im Stockholmer Grand Hôtel treffen, sieht sie toll aus: Ihre immer noch schlanken Beine hat sie mit hohen Schuhen verlängert, sie ist freundlich, aufgeschlossen und bezaubert mit ihrer charmanten Zurückhaltung. „A“ ist Ihr erstes Album seit neun Jahren.

Wie fühlen Sie sich, wieder auf dem Präsentierteller zu sein?

Müde! Ich merke, dass ich nicht mehr im gleichen Maße arbeiten kann, wie ich es früher getan habe. Es ist nicht dasselbe, wenn man 63 ist … Man wird schneller müde. Ich kann es in meinem Körper fühlen.

Wo genau in Ihrem Körper?

Besonders in den Beinen. Herrje, so hohe Schuhe habe ich schon lange nicht mehr getragen, da werden die Beine schnell schwer! Es sind solche kleinen Dinge.

Besitzen Sie noch die extravaganten Klamotten aus der ABBA-Zeit?

Ich habe gerade erst meinen Keller ausgemistet und sehr viel davon an das ABBA-Museum weggegeben, das am 7. Mai in Stockholm eröffnet. Ich hänge nicht an den Sachen. Ich bin nicht der nostalgische Typ.

Sie wurden schon die Greta Garbo des Pop genannt, weil Sie sich so selten in der Öffentlichkeit zeigen. Sind Sie menschenscheu?

Nein, das ist Quatsch. Ich bin nur ein naturverbundener Mensch. Ich lebe zurückgezogen mit meinen zwei Hunden auf meinem Bauernhof, nebenan wohnt meine Tochter Linda mit meinen Enkeln. Ich führe ein ganz normales Leben.

Wie kam es dann, dass Sie wieder neue Songs aufgenommen haben?

Durch eine Freundin habe ich den Produzenten Jörgen Elofsson kennengelernt. Er kam vorbei, spielte mir drei Songs vor, die er für mich geschrieben hatte, und ich konnte nicht mehr Nein sagen. Sie waren von so zeitloser Qualität.

Hat Ihnen auch jemand von einem Comeback abgeraten?

Ja, meine Tochter Linda hat mich gefragt, ob ich wirklich wieder in das Karussell des Musikgeschäfts will. Ich sagte ihr: „Ich muss es tun, weil die Songs so schön sind.“

In dem Stück „I Was A Flower ...“ singen Sie davon, dass Sie eine Blume waren, deren Farben verblassten, weil jemand Sie im Stich gelassen hat. Ist das ein biografischer Text?

Ich habe beim Singen des Liedes sehr viel über das Älterwerden nachgedacht. Du wirst älter und bist enttäuscht von der Liebe. Mir hat es die Liebe zumindest immer schwer gemacht. Aber so ist es doch für die meisten Menschen, nicht wahr? Es ist sehr kompliziert mit Beziehungen. Die Liebe kommt und geht.

Mir kommt es beim Hören so vor, als ob Sie den Song für Ihren Ex-Mann Björn Ulvaeus singen, denn er ließ Sie mit den Kindern auf gewisse Weise im Stich. Können Sie diese Interpretation nachvollziehen?

Ja, das kann ich. Er war ein großer Teil meines Lebens. Wir haben zwei Kinder zusammen. Das wird sich nie ändern, das Gefühl ist da. Es ist ein bisschen so wie bei „The Winner Takes It All“, das er geschrieben hatte. Als ich den Song damals sang, waren wir frisch getrennt. Aber das neue Lied muss nicht zwingend das meinen. Sie merken, ich versuche, meine Distanz dazu zu bewahren!

Sie waren in den Siebzigern fast schon ein Sexsymbol!

Oh, sagen Sie nicht so was!

Ist Älterwerden härter, wenn man mal so bewundert wurde wie Sie?

Ich denke schon, dass viele Frauen Probleme damit haben. Ich nicht. Ich fühle mich heute viel besser als vor meinem 50. Geburtstag.

Sie waren das Gesicht von ABBA. Hat das damals auch für Probleme innerhalb der Band gesorgt?

Ich war nicht „das“ Gesicht von ABBA. Frida war genauso wichtig – musikalisch als auch visuell. Wir ergänzten uns prima: Ich war blond, sie war rothaarig. Sie hatte viel Temperament, ich war eher ruhig. Aber es stimmt, dass es zwischen uns Eifersüchteleien gegeben hat.

Flogen da richtig die Fetzen?

Nein, und wir haben uns auch oft gegenseitig geholfen. Wenn Frida beispielsweise eine Erkältung hatte, gab ich mehr oder unterstützte sie bei ihren Gesangsparts – und andersherum. Aber über solche Dinge zu schreiben, hat ja nie jemanden interessiert.

Konnten Sie die Aufmerksamkeit genießen, die Sie damals bekamen?

Am Anfang ja. Später fühlte es sich oft übertrieben an, und ich wollte nur noch nach Hause zu meinen Kindern zurück. Denn ich war die einzige von uns Frauen, die kleine Kinder hatte. Es war schwer für mich, damit umzugehen. Manchmal haben wir auch versucht, sie mit auf Reisen zu nehmen.

Sie sollen damals auch sehr unter Flugangst gelitten haben!

Das hat sich zu Zeiten von ABBA so entwickelt. Das ging bei mir soweit, dass mein Ex-Ehemann Björn und ich getrennte Flieger nahmen, damit unsere Kinder nicht ohne Eltern aufwachsen müssten, falls die Maschine abstürzen würde. Ich bin später dann für zehn oder 15 Jahre in überhaupt kein Flugzeug mehr eingestiegen. Aber vor einiger Zeit habe ich eine Therapie gegen meine Flugangst gemacht, und nun fliege ich zumindest zwei bis drei Mal im Jahr – aber nur Kurzstrecke!

Bei der Premiere des „Mamma Mia!“-Films 2008 haben sich ABBA seit 22 Jahren erstmals wieder zu viert in der Öffentlichkeit gezeigt. War das ein komisches Gefühl?

Nein, es fühlte sich gut an. Wir haben eine wichtige Zeit miteinander verbracht, wir haben Musikgeschichte geschrieben. Das ist ein Gefühl, das dich niemals verlässt.

Wie ist denn Ihr Verhältnis heute? Sehen Sie sich noch oft?

Frida und ich haben uns im letzten Sommer getroffen, da habe ich sie in der Schweiz besucht, wo sie heute wohnt. Björn und ich sehen uns bei den Geburtstagen unserer Kinder und Enkel sowie zu Weihnachten. Da wallen keine dramatischen Emotionen auf, wenn wir aufeinander treffen.

Aber eine ABBA-Reunion schlagen Sie aus?

Natürlich, der haben wir immer widerstanden! Warum sollten wir uns das antun? Ich kann keinen sinnvollen Grund dafür sehen!

Wie sieht denn heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich gehe viel mit meinen Hunden in den angrenzenden Wäldern spazieren. Ich habe drei Enkelkinder, um die ich mich kümmere. Manchmal setze ich mich mit ihnen ans Klavier, und wir haben etwas Spaß – aber das ist es auch schon. Es ist ein eher stilles, einfaches Leben.

Wenn Sie eine Frau wie Madonna sehen, haben Sie dann Respekt oder eher Mitleid, weil sie immer noch dem Erfolg hinterherjagt?

Madonna gibt nie auf, nicht wahr? Es bedeutet ihr zu viel. Es scheint sehr anstrengend zu sein. Aber es ist bewundernswert, dass sie die Energie dazu hat. Sie muss in guter körperlicher Verfassung sein.

Aber Sie wird auch viel kritisiert, fast so, als dürfe eine Frau über 50 nicht mehr auf der Bühne stehen!

Und was soll aus mir werden, wo ich jetzt schon 63 bin?

Sie gehen doch eh nicht wieder auf die Bühne!

Nein, vermutlich nicht.

Oder ist es doch vorstellbar, dass Sie Ihr Duett mit Gary Barlow mal in einer Fernseh-Show darbieten?

Ich weiß es noch nicht, aber ich sage auch nicht pauschal nein. Wir sammeln erst mal alle Anfragen und gucken, was wir machen wollen. Aber ich fühle mich auf der Bühne nicht so wohl wie im Studio. Eigentlich fühle ich mich nur im Studio so lebendig, dass ich alle Emotionen in die Musik legen kann.

Sind Sie eigentlich Take-That-Fan?

Das ist zu viel gesagt. Ich wusste, wer Gary Barlow ist, aber ich habe ihn bisher ja noch nicht mal getroffen! Ich war auf Mallorca im Urlaub, als er seine Tonspur im Studio in Stockholm eingesungen hat. Es ist verrückt, dass es technisch überhaupt möglich ist, ein Duett zusammen zu machen, ohne zur selben Zeit am gleichen Ort zu sein.

Ist es eigentlich Zufall, dass das ABBA-Museum fast zeitgleich zum Erscheinen Ihres Albums eröffnet?

Ich denke schon. Deshalb werde ich auch nicht dabei sein, wenn es aufmacht, weil es schon lange geplant ist, dass ich Anfang Mai zwei Wochen in London Promotion für meine Platte mache. Das ist schade. Aber ich habe ein paar Sprachaufnahmen für das Museum gemacht. Meine Stimme ist also dort.

Stimmt es eigentlich, dass Sie vor Ihrer Karriere mit ABBA eine Weile in Berlin gelebt haben?

Es stimmt. Damals war ich noch blutjung! Ich war ständig in West-Berlin, weil ich in den Hansa-Studios aufgenommen habe. Ich habe wirklich oft in Deutschland gearbeitet, viele Singles dort eingesungen. Ich war sogar eine Zeit lang mit einem deutschen Schlagerkomponisten liiert.

Wie alt waren Sie damals?

18 oder 19 Jahre jung. Ich habe ja schon früh angefangen mit der Musik. Im Alter von 15 begann ich, in einem schwedischen Tanzorchester zu singen und live aufzutreten. Da merkte ich zum ersten Mal, dass ich eine Stimme habe. Ich schrieb meine ersten Texte. Damals wuchs der Traum in mir, einmal Sängerin zu werden.

Was erinnern Sie aus Ihrer Berlin-Zeit?

Dass ich anfangs ständig zwischen Stockholm und Berlin hin- und hergeflogen bin. Und irgendwann entschied ich mich, dass ich besser gleich in Berlin bleibe. Also lebte ich ein halbes Jahr dort. Ich hatte eine gute Zeit in der Stadt. Aber ich war jung und unsicher. Ich wusste nicht, wie ich mich geben sollte.

War es also eher eine irritierende Zeit für Sie?

Oh ja. Mein Freund und ich hingen viel mit einem anderen Pärchen ab. Das Mädchen war so ernst und lachte nie. Und ich dachte immer, vielleicht ist das die Art, wie ich sein sollte. Ich war auf der Suche nach meiner Identität! Wenn ich mit meinem Freund zusammen war, war alles okay. Aber wenn wir ausgingen, in die Restaurants und Bars von West-Berlin, war ich total eingeschüchtert. Es war trotzdem eine sehr besondere Zeit für mich.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.

Agnetha: A (Universal)