3-D-Bild der Maya-Anlage, basierend auf Lasermessungen aus der Luft 
Foto: Takeshi Inomata 

Mexiko-StadtIm Süden von Mexiko haben Archäologen die älteste und gleichzeitig größte Monumentalanlage der Maya entdeckt. Der Zeremonialkomplex Aguada Fénix im Bundesstaat Tabasco verändert nicht nur das Bild von den frühen Maya, sondern bildet offenbar auch ein Bindeglied zur älteren Olmeken-Kultur in San Lorenzo, dem frühesten Zeremonialzentrum Mesoamerikas am Golf von Mexiko.

Mit welch ungeheurem Aufwand die Maya schon vor rund 3000 Jahren riesige Monumente errichteten, berichtet ein internationales Forscherteam um Takeshi Inormata von der University of Arizona in Tucson in der Zeitschrift Nature.

Die Maya-Kultur, die sich vom heutigen Südmexiko bis nach Honduras erstreckte, erreichte ihre Blütezeit etwa zwischen den Jahren 200 und 800 nach Christus und endete recht abrupt: Viele Zentren wurden im 9. und 10. Jahrhundert verlassen – möglicherweise wegen Klimaschwankungen. Lange dachten Maya-Experten, die ersten großen Zeremonialzentren im zentralen Tiefland – Südostmexiko, Belize und nördliches Guatemala – seien erst im späten ersten Jahrtausend vor Christus entstanden. Infrage gestellt wurde dies bereits durch die Entdeckung eines künstlich angelegten Plateaus in der Ruinenstadt Ceibal in Guatemala, das auf 950 v. Chr. datiert wurde.

Luftbild des Geländes im Süden Mexikos
Foto: Takeshi Inomata

Vor drei Jahren entdeckte das Team um Inormata mit dem sogenannten Lidar-Verfahren in Tabasco unweit der Grenze nach Guatemala eine Fülle auffälliger Bodenstrukturen. Bei der Lidar-Technologie – Lidar steht für Light Detection And Ranging – tasten Laser von Flugzeugen aus die Erdoberfläche ab, sodass auch unter üppiger Vegetation verborgene Strukturen erkennbar werden.

Insgesamt entdeckten die Forscher in der Region 21 größere und kleinere Zeremonialzentren, die fast alle räumlich ähnlich angelegt sind: Ein in Nord-Süd-Richtung verlaufendes rechteckiges Plateau mit einer Serie von Erdhügeln: Im Zentrum des Plateaus ragt auf der Westseite ein Hügel auf, während auf der Ostseite eine längliche Plattform angelegt ist. Diese E-Gruppe genannte Anordnung taucht auch in späteren Jahrhunderten bei den Maya auf.

Der mit Abstand größte der Komplex ist Aguada Fénix mit einem künstlich aufgeschütteten, rechteckigen Plateau, das mehr als 1,4 Kilometer lang und 400 Meter breit ist und das das umliegende Flachland um 10 bis 15 Meter überragt. Gesäumt wird das in Nord-Süd-Richtung verlaufende Plateau an den Rändern von niedrigen Plattformen. Auch hier steht eine E-Gruppe auf dem Zentrum des Plateaus, mit einem westlichen Hügel und einer östlichen Plattform, die gut 400 Meter lang ist.

Ausgegraben in Aguada Fénix: eine Steinskulptur aus der Zeit 1000 bis 700 Jahre v. Chr. 
Foto:  Takeshi Inomata

Manche Experten vermuten, dass diese Bauten so angelegt sind, dass ein Beobachter auf dem westlichen Hügel zur Sommer- und Wintersonnenwende den Sonnenaufgang an den beiden Ecken der östlichen Plattform sieht. Inormata widerspricht: Die meisten Zentren in der Region – darunter Aguada Fénix – seien zwar nach Osten hin orientiert, aber nicht exakt ausgerichtet. Möglicherweise seien dort Rituale in Zusammenhang mit dem Sonnenkalender gefeiert worden, vermutet er, um Sonnenobservatorien handele es sich aber wohl nicht.

Baubeginn vor 3200 Jahren

Von dem Hauptplateau dieser Anlage aus führen – teils angeschlossen über große Rampen – neun Straßen in verschiedene Himmelsrichtungen, die längste ist 6,3 Kilometer lang. Weitere Komplexe und etliche künstliche Wasserbecken sind in der Umgebung verstreut.

„Nach unserem Wissen ist dies die älteste jemals im Maya-Gebiet gefundene Monumentalkonstruktion und die größte in der gesamten prä-spanischen Geschichte dieser Region“, betonen die Forscher. Auch die erst später im Tiefland errichteten großen Pyramiden – etwa La Danta in der Maya-Stadt El Mirador – reichen nicht an dieses Volumen heran.

Die ältesten Funde sind gemäß Radiokarbon-Datierungen etwa 3200 Jahre alt. Der Bau der großen Plattform begann demnach spätestens um das Jahr 1000 v. Chr. – also noch früher als in Ceibal. Insgesamt dauerte der mehrphasige Bau der Plattform und der anderen Bauten etwa 200 Jahre. Rätselhaft ist, dass die Anlage – ebenso wie die anderen Komplexe – schon um das Jahr 750 v. Chr. wieder aufgegeben und auch in späteren Jahrhunderten nur noch zeitweilig von wenigen Menschen bewohnt wurde.

Für die Monumente bewegten die Menschen damals gewaltige Erdmassen: Anhand der Lidar-Aufnahmen berechnet das Team, dass allein zum Bau der Hauptplattform 3,2 bis 4,3 Millionen Kubikmeter Erde aufgeschüttet wurden. Die Konstruktion habe schätzungsweise 10 bis 13 Millionen Arbeitstage erfordert.

Einfluss der Olmeken-Kultur

Im Gegensatz zu den vertikalen Strukturen späterer Maya-Stätten wie insbesondere der Pyramiden ist Aguada Fénix von horizontalen Plattformen bestimmt. Darin sehen die Forscher einen Einfluss der frühen Olmeken-Kultur am Golf von Mexiko im heutigen mexikanischen Bundesstaat Veracruz, die für ihre steinernen Kolossalköpfe berühmt ist.

Das etwa 400 Kilometer westlich gelegene olmekische Zeremonialzentrum San Lorenzo, das seine Blütezeit von 1400 bis 1150 v. Chr. erlebte, enthält – im Gegensatz zum späteren Olmeken-Zentrum La Venta – noch keine Pyramiden, dafür aber ebenfalls ein aufgeschüttetes Plateau, das sogar noch größer ist als das in Aguada Fénix. Gleichzeitig stammen alle Obsidian-Funde in Aguada Fénix aus dem heutigen Guatemala, auch die geborgene Keramik weist in diese Richtung. Dies spreche für intensive interregionale Beziehungen und für Aguada Fénix als Zentrum kultureller und sozialer Innovationen zwischen 1100 und 800 v. Chr., schreiben die Forscher.

Im Gegensatz zur ausgeprägten sozialen Hierarchie der Olmeken war die Sozialstruktur in der Maya-Region damals anscheinend weniger geschichtet. Das könnte auch daran liegen, dass viele Menschen dort noch relativ mobil lebten, schreibt das Team. In der Stätte fanden die Forscher kaum Wohnviertel. Obwohl in der Region damals schon Landwirtschaft betrieben wurde, entstanden Dörfer wohl erst in jener Phase vor etwa 3000 Jahren.

Viele Bewohner hätten damals möglicherweise bei der Umgestaltung der Landschaft zu Versammlungsorten geholfen, ohne dazu von einer mächtigen Elite gezwungen worden zu sein, vermuten die Autoren. „Zu späteren Zeiten gab es mächtige Herrscher und Verwaltungssysteme, die die Menschen zur Arbeit zwangen“, sagt Inormata. „Aber diese Stätte ist viel älter, und wir sehen keine Belege für eine mächtige Elite. Dies ist eher das Resultat gemeinschaftlicher Arbeit.“

Gebaut ohne hierarchische Gesellschaftsordnung?

Die Autoren betonen, dass die großen Plateaus sehr vielen Menschen Platz boten. Im Gegensatz dazu hatten zu den später entstandenen hohen Pyramiden etwa in Nakbe oder Tikal nur wenige Privilegierte Zutritt. „Aguada Fénix zeigt keine klaren Hinweise auf eine ausgeprägte soziale Ungleichheit, wie etwa Skulpturen von Individuen hohen Rangs“, schreiben die Forscher und schließen daraus: Innovationen müssten nicht zwangsläufig von hierarchischen Gemeinwesen ausgehen.

„Dieses Verständnis hat wichtige Bedeutung für die Fähigkeit menschlicher Gruppen“, sagt Inormata. „Man braucht nicht notwendigerweise eine gut organisierte Regierung, um solche riesigen Projekte anzugehen. Menschen können durch Zusammenarbeit erstaunliche Resultate erzielen.“

Das betont auch Patricia McAnany von der University of North Carolina in Chapel Hill in einem Nature-Kommentar: Früher seien Archäologen davon ausgegangen, dass Sesshaftigkeit die Voraussetzung für gemeinschaftliche religiöse Feiern war. „Aber neue Hinweise deuten darauf hin, dass es umgekehrt war“, schreibt sie. Die Studie stütze die Sichtweise, dass öffentliche Architektur in monumentalem Ausmaß im östlichen Mittelamerika früher begann als ein ausgeprägtes Dorfleben. In Auguada Fénix seien Monumentalbauten einer hierarchischen Gesellschaftsordnung möglicherweise um Hunderte von Jahren vorausgegangen. (dpa/fwt)