Beim Kaffee lässt Ahne die Gedanken kreisen.
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BerlinIch sitze in meinem schnuckligen Büro und nippe an einer schönen Tasse Bohnenkaffee. Hmm! Das duftet. Und das schmeckt! Ein bisschen bitter, aber bitter macht lustig. Oder sauer? Bitter macht sauer? Nein, kann ich nicht bestätigen.

Ich bin erschreckend gut gelaunt. Gerade eben hat Angela Merkel angerufen und gefragt, ob ich Bundeskanzlerin werden möchte. Also kandidieren, aber wäre reine Formsache. Wenn ich möchte, würde sie das schon ritzen.

Ich habe abgelehnt. Sicher, hätte was. Hab mir ja einst geschworen, alles zumindest mal auszuprobieren. Erst mal gucken, dann mal seh’n. Anschließend könnte man immer noch sagen: „Nö, war nich mein Ding gewesen, mach ich nich noch mal.“ Außerdem hat mir das schon geschmeichelt. Der Gerhard Schröder musste damals noch an der Tür rütteln, andere extra in eine Partei eintreten und sich hochbumsen. Ich dagegen werde angerufen, obwohl ich nie ein Amt bekleidete, von Wandzeitungsredakteur der Klasse 7b mal abgesehen. Man scheint große Stücke auf mich zu halten. Oder wollte kein anderer? Sind sie sämtliche Telefonnummern durchgegangen und ich war der Letzte auf ihrer Liste? Egal.

Als Bundeskanzlerin wäre man berühmt. Ein Promi. Stünde ständig in der Zeitung. Gehörte womöglich zu den 100 wichtigsten Personen der Welt und würde die 99 anderen wichtigsten Personen kennenlernen. „Guten Abend, Herr amerikanischer Präsident.“ – „Guten Tag, Frau Queen.“ Das kann ja schon ganz interessant sein. Obwohl die sich bestimmt an irgendwelche Etikette halten müssen und sicher auch Themen vorgegeben sind, die abgearbeitet werden, Krieg hier, Pandemie da, wer kauft wem einen alten Topf ab, Handelsbeziehungen, du meine Güte. Aber zwischendurch, ich glaub, da ist schon Platz für 'nen kleinen Schnack über die wichtigen Dinge des Lebens.

Ich wollte den Dalai Lama schon immer mal fragen, ob er zu Hause auch so rumrennt, oder ob er da normale Sachen an hat. Vielleicht trägt er ja diesen roten Umhang lediglich, damit ihn in seinem Heimatort niemand erkennt. Täte mich jedenfalls interessieren.

Andererseits, ist man erst mal Bundeskanzlerin, was soll dann noch kommen? Dalai Lama wird man ja nur als Kind und auch nur alle 100 Jahre. Vielleicht findet man alles langweilig danach, unter seinem Niveau? Wobei das im Prinzip auch Quatsch ist, mit dem Niveau. Hitler zum Beispiel ... Siehste. Da erübrigt sich jeglicher Kommentar.

Ganz ehrlich, ich hätte ein wenig Angst davor, Bundeskanzlerin zu sein. Da kommt dann eine Pandemie, ja, oder ein Krieg und du musst eine Entscheidung treffen. Und triffst aber zufällig die falsche Entscheidung, oder gar keine, weil du dich nicht entscheiden kannst, weil du gerade mit den Gedanken ganz woanders bist, verliebt, oder die Mannschaftsaufstellung durchgehst, fürs Quidditch-Spiel um den Quarkspeise-Pokal in Quedlinburg und das wird dann aber in die Geschichte eingehen, das werden die Kinder noch in hunderttausend Jahren bei ihrer Geschichtsabiturprüfung auswendig herbeten, dass du damals anno 2020 die grundlegend falsche Entscheidung trafest, also gar keine, weshalb die Erde explodierte und die Menschheit für immer von der Weltbühne verschwand. Suche den logischen Fehler.

Wie gesagt, ich hab abgelehnt. War die Bundeskanzlerin etwas pikiert, so ich ihr Zittern in der Stimme richtig deutete. Verständlich. War ich nämlich wirklich der Letzte auf ihrer Liste, müsste sie die ja von vorne durch telefonieren. In solch einer Haut möchte ich wahrlich nie stecken! Also, falls das Telefon noch mal klingelt, ich geh nicht ran.