Menu de luxe.
Foto: Jens Hartmann

BerlinIch habe Heißhunger auf Bockwurst. Darum schlage ich die Bettdecke zurück, schlüpfe in meine Kleider und werfe hinter mir die Tür ins Schloss.

Erst mal strecken. Und jetzt eine Bockwurst! Aber wo gibt es eine? Beim Bäcker? Der erste Bäcker, den ich betrete, schickt mich wieder raus. Hab vergessen, den Mundschutz aufzusetzen. Beim zweiten Versuch klappt es. „Haben Sie Bockwurst?“ „Nein.“ Na, das hat sich ja gelohnt.

Vor der Schule stehen Kinder. Alle bekifft. Die Schule ist ein Gymnasium. Wäre sie eine Realschule, wären alle besoffen. Gibt es überhaupt noch Realschulen? Wahrscheinlich nennen sie Realschulen mittlerweile anders, um ein Stigma zu vermeiden. Schlechter Ruf? Namen ändern, ist billiger. Billiger als was? Egal.

Wenn ich Heißhunger habe, kann ich nicht nachdenken. Außerdem nervt das Geknatter vom Hubschrauber, der über mir seine Runden dreht. Hält unter Garantie Ausschau nach schönen Frauen. Gerade kommt mir eine entgegen. „Schöne Frau, wissen Sie wo es Bockwurst gibt?“ frage ich nicht. Pfeife ihr lediglich anerkennend hinterher. Nein. Das gehört sich nicht. Das habe ich noch nie gemacht, selbst dann nicht, als sich das noch so gehörte, in Bauarbeiterkreisen. Ich kann gar nicht pfeifen. Also nicht laut, und leise pfeift man lediglich Melodien. Zum Beispiel: „Mitropa-Meeting“ von Goyko Schmidt, wo ein Chor dann singt: „Und alle, und alle, und alle-he-he, und alle, und alle, essen Bockwurst.“ Ob es in der Ackerhalle Bockwurst gibt?

Zur Ackerhalle muss ich durch den Park. Menschen machen Gymnastik. Also, es heißt bestimmt anders, was die da machen, weil Gymnastik, ähnlich wie Realschule, einen schlechten Ruf hat. Vielleicht nennt sich Gymnastik jetzt Realschule? Sieht bescheuert aus. Ist aber gesund. Die werden sicher 100 Jahre alt. Alle! Oder 200. Und wenn sie 200 sind, sehen sie 100 Jahre jünger aus.

In der Ackerhalle haben sie auch keine Bockwurst, nur Leberkäse, zwischen zwei Schrippenhälften, mit Senf. Kostenpunkt: eine Mark. Nehm ick. Das Tier soll nicht umsonst gestorben sein. Ich setze mich mit dem Ding an einen Tisch, der für die vorgesehen ist, die beim Asia-Imbiss bestellen, der jetzt Asia-Bowl heißt. Als ich herzhaft in die Fleischbemme beiße, sehe ich schräg gegenüber meinen Neffen sitzen. Ein Gymnasiast. Peinlich. Hab ihm erzählt, dass ich Vegetarier geworden bin. Vorvorletzte Stufe erklommen. Vorletzte ist vegan. Ganz oben gibt's nur noch Lichtnahrung. Kann es jedoch erklären. Ich habe nämlich Höhenangst. Musste wieder runter von der Leiter.

Mein Neffe hat auch so'n Ding in seinen Krallen. „Hallo Edgar.“ – „Hallo Onkel Ahne.“ –„Du sollst mich doch nicht Onkel nennen, Edgar.“ –„Du hast dich mit Senf bekleckert, Onkel Ahne.“ –„Oh.“ –„Kann ich dich mal was fragen?“ –„Nur zu, mein Sohn.“ – „Ich bin nicht dein Sohn.“ –„Das war keine Frage.“

Wieder auf der Invalidenstraße bin ich satt und zufrieden. Geld konnte ich ihm zwar keines borgen, würde er sowieso nur in Drogen investieren, kenn doch meine Pappenheimer, immerhin aber hatte ich ein interessantes Gespräch geführt und die Welt gesehen, zumindest den Park.

Unser Autor Ahne liest jeden Sonntag 20 Uhr bei der Reformbühne Heim & Welt in der Schankwirtschaft Baiz (Schönhauser Allee 26a).