Der chinesische Künstler Ai Weiwei in Berlin.
Foto: dpa/Michael Kappeler

BerlinAm  2. Oktober um 13 Uhr steht Ai Weiwei auf der Plaza im Sony-Center. Er nimmt den Mundschutz ab und sagt: „Deutschland ist die 33. Provinz Chinas.“ Was ist passiert? 

Acht Flüchtlings-Schlauchboote wollte der chinesische Künstler an der Fassade des Imax-Kinos im Sony-Center installieren. Das Human Rights Film Festival Berlin hatte den chinesischen Künstler um ein solche Installation gebeten. Zudem sollten am 10. Oktober zwei seiner Dokumentarfilme im Imax gezeigt werden, „Coronation“ und „Vivos“. Der Aufbau hätte am 1. Oktober beginnen sollen. Am Morgen des 1. Oktober wurde das Studio Ai Weiwei vom Filmfestival darüber informiert, dass die Eigentümer des Sony-Centers, Oxford Properties, dem Projekt eine Absage erteilt haben. Aus Sicherheitsgründen, wie es in einem Statement des Unternehmens hieß. Zudem teilte das Sony-Center mit, dass die für den 10. Oktober geplanten Sondervorführungen der beiden Dokumentarfilme abgesagt wurden: aus technischen Gründen. 

Ai Weiwei schlägt an diesem Tag nicht nur auf Deutschland ein. Sein neuster Film „Coronation“ über den Corona-Lockdown in Wuhan sei von mehreren Festivals abgelehnt worden: Venedig, New York, Toronto. Und das, obwohl sie zu Beginn großes Interesse gezeigt hätten. „Die Gründe liegen auf der Hand, der Filmmarkt wird von China beherrscht. Keiner kann es sich leisten, China unglücklich zu machen.“

Jeder chinesische Film trage das Drachensiegel als Zeichen dafür, dass er im Sinne der kommunistischen Ideologie zensiert worden sei. Nur diese Filme könnten auf internationalen Festivals gezeigt werden. Die Berlinale mache da keine Ausnahme. „Jeder weiß das.“

Nach der Absage habe er sich das Unternehmen Imax näher angeschaut. „Man musste nur der Spur des Geldes folgen.“ Imax arbeite mit China zusammen, habe 100 Kinos in Peking eröffnet. „China hat Einfluss auf der ganzen Welt.“ Es nutze die Strategien des Kapitalismus, um die so genannte demokratische Welt zu zerstören. „Damit sind sie sehr erfolgreich. In China herrscht Staatskapitalismus und sie können immer dafür sorgen, dass ein bisschen Profit abfällt. Für die USA, für Deutschland.“ Diese Länder könnten nach jeder Chinareise mehr Fabriken eröffnen, die ihre eigene Wirtschaft am Laufen halten.

Aber China erwarte Gegenleistungen. Nicht nur Einfluss auf die Industrie, die Technologie, sondern auch die Kultur, die Forschung. „Wenn ich als Chinese – und ich habe immer noch die chinesische Staatsbürgerschaft –, wenn ich mir dieses Spiel angucke, erkenne ich, wie intelligent China ist. Und wie mächtig. Sie erobern ein Schloss nach dem anderen, ohne dass der Westen es richtig mitbekommt. Die deutschen Politiker sind wie Gouverneure in einer chinesischen Provinz.“

Ai Weiwei: „Ich bin sehr enttäuscht, was die deutschen Politiker angeht“

Das Argument, Deutschland wolle doch jetzt die Menschenrechtssituation in China auf dem EU-Gipfel thematisieren, wischte Ai Weiwei weg. „Ich bin sehr enttäuscht, was die deutschen Politiker angeht. Sie handeln nicht.“ Die USA und Großbritannien hätten zumindest Huawei geblockt. Das sei sehr wichtig. Huawei sei extrem gefährlich. „Deutschland weiß das sehr gut, und sie tun trotzdem nichts.“ Das gelte auch für Hongkong. Volkswagen habe Fabriken dort. „Deutschland verteidigt Chinas Werte, denn sie profitieren davon. Ich bin sicher, dass China sehr froh darüber ist.“

Auch Jaka Bizilj von Cinema for Peace  – der Mann der Alexej Nawalny nach Berlin geholt hat –  steht an diesem Tag im Sony Center. Er erinnerte daran, dass bei der Berlinale 2019 ein Film aus China im letzten Moment aus dem Programm genommen worden sei, weil er keine Genehmigung von der chinesischen Zensurbehörde bekommen habe. Einen Film von Ai Weiwei habe das Festival abgelehnt. „Das hier ist nun der letzte Beweis dafür, dass in Deutschland massiv Einfluss genommen wird. Womöglich ist es ein Fall für den Verfassungsschutz, diese Dinge zu überprüfen.“

Dann spricht der Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International Markus Beeko, er sagt: „Das ist nicht das erste Mal, dass ein kritisches Kunstwerk gecancelt wird. China unterdrückt kritische Stimmen nicht nur in China und Hongkong sondern überall. Die Meinungsfreiheit ist auf der ganzen Welt in Gefahr, aber wenn das in einer offenen Gesellschaft passiert, ist es besonders kritisch.“ Die Grünen-Politikerin Margarete Bause meldete sich per Twitter zu Wort. Sie nennt die Imax-Absage eine Schande. „Das ist nichts anderes als die rückgratlose Unterwerfung unter Pekings Zensur.“

Jan Sebastian Friedrich-Rust von der Aktion gegen den Hunger, die das Human Rights Filmfestival initiiert hat, sagte, sie hätten bezüglich der Installation am 29. September einen Vertrag von Oxford Properties bekommen, den sie unterzeichnet hätten. „Aber dann haben sie ihren eigenen Vertrag nicht unterschrieben.“ Oxford Properties teilte am Freitag mit, es habe versicherungs- und sicherheitsrelevante Gründe für die Absage gegeben.