In den Jahren 2015 bis 2017 war der chinesische Künstler Ai Weiwei, so informiert der Pressetext, „mit einem Dutzend verschiedener Kameramänner und zahlreicher Filmcrews in 23 Ländern unterwegs“. Herausgekommen ist „Human Flow“, ein kluger, ein schöner, ein ergreifender Film über Flüchtlinge zwischen Tempelhof und Myanmar, von Lesbos bis Bangladesch. Er zeigt Aufnahmen aus dem größten Flüchtlingslager der Welt in Dadaab sowie von Flüchtlingen in Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze.

Klug ist der Film, der am 16. November in Deutschland starten soll, weil er aufrichtig ist. Er zeigt die Massen. Man sieht sie aus den Bäuchen riesiger Schiffe kommen, man sieht die endlosen Trecks, und auch der menschenfreundlichste Beobachter denkt: Wie soll das zu schaffen sein? Ai Weiwei täuscht uns nicht über die Gegebenheiten hinweg. Er zeigt sie uns, wie sie sind. Immer wieder. Überall. Er zeigt uns keine Lösung. Er nimmt uns mit auf seine Reise zur Erkundung der Lage.

Schrecken und die Schönheit im selben Augenblick

Der Film zeigt jede Menge Himmel, das Spiel der Wolken. Die Menschheit ist eingebettet in Atmosphäre, zu der man aufblickt als einem Trost, und vor der man erschrickt, weil Wohl und Wehe von ihr abhängen. Ai Weiweis Film zeigt die Flüchtlinge, den Himmel, und wir bekommen eine Ahnung davon, wie das alles zusammenhängen könnte. Das hat eine Schönheit, vor der man erschrecken kann. Etwas Erhabenes also.

Ergreifend ist Ai Weiweis Film vor allem, weil er sich nicht scheut, beides zusammen zu zeigen: Den Schrecken und die Schönheit im selben Augenblick. Aber natürlich ergreift einen auch, wenn er uns Kinder zeigt, die ausgehungert im Elend spielen und lachen. Er geht ganz nahe an sie heran, er spricht mit ihnen. Er spielt mit seinem Sohn.

Ai Weiwei kommt oft vor in dem Film. Es mischen sich die Eitelkeit des Künstlers und die politische Demonstration: Man kann hin, man kann sich kümmern. Man muss nicht sitzenbleiben im Kinosessel. Der Film sagt auch: Geh hin, mach dir selber ein Bild. Und mach mehr als nur das, sei ein Helfer. Er ergreift und versetzt einen. Den einen oder den anderen. Vielleicht. Ich jedenfalls blieb sitzen.

Zur Schönheit von „Human Flow“ gehört der Überblick. Die Kameras und wir mit ihnen steigen auf wie die Vögel und kommen herunter wie sie. Wie Kraniche gleiten wir über Lager und Städte, über leere Landschaften und leere Züge, die sich weigern, auch nur einen der Tausenden von Flüchtlingen aufzunehmen, an denen sie höhnend vorbeifahren.

Wir gleiten über das Meer, sehen winzige, mit Menschen vollgepackte Boote, wir sehen die Helfer kommen. Dann stehen wir mitten unter ihnen, sehen, wie sie den Flüchtlingen eilig blaue Alufolien überwerfen, so dass in Minutenschnelle aus sehr unterschiedlichen Individuen eine Masse entsteht.

Die Kamera zeigt das nicht nur unten im Getümmel, sondern sie steigt auch auf und verschafft uns wieder den Überblick. Ich wusste es nicht, aber ich liebe Drohnen. Ich liebe die Drohnenfotografie, die Bilder, die Filme, die von oben kommen und uns unsere Lage zeigen, wie wir sie niemals sehen könnten. Ich liebe die Farben dieses Films. Das blaue Meer, den weißen Sand, ihre Weite. Die wieder beides ist: Freiheit und Bedrohung.

„Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein“

Man wusste das, lange bevor es die Drohnen gab. „Die Furcht vor der Freiheit“ von Erich Fromm erschien 1941, und fast gleichzeitig meinte Sartre: „Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein.“ Aber jetzt sehen wir es. Die Drohnen zeigen das Drohende in der Verlockung und das Lockende in der Drohung. Wir blicken über das Tal hinweg, über den nächsten Hügel und weiter noch. Die Ferne flimmert, aber sie ist immer noch Sand, immer noch Meer. Kein Entrinnen. Oder aber doch ein Ende.

Drohnen machen Alternativen sichtbar. Sie zeigen nicht nur, was wir vor Augen haben. Sie zeigen Gegenden, zu denen wir aufbrechen, Wege, die wir gehen können. Solange wir können. Ai Weiweis Film zeigt uns die Flüchtlinge. Er zeigt uns keine Alternativen. Aber die Ästhetik seines Films, seine Kunst zeigt uns, dass es immer Alternativen gibt. Es gibt keine Ausweglosigkeit. Wir müssen nur die Perspektive wechseln.