Die Kostümbildnerin Aino Laberenz verwaltet das Erbe von Christoph Schlingensief.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinVor zehn Jahren ist der Filmemacher, Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit nur 49 Jahren gestorben – ein paar Wochen zuvor hat er seine Frau, die Kostüm- und Bühnenbildnerin Aino Laberenz, geheiratet. Feuchte Augen hat, wer von diesem Fest erzählt. Die 39-Jährige ist nun für einen umfangreichen Nachlass zuständig: eine Herkulesaufgabe. Zum zehnten Todestag bringt sie nun ein Buch mit Gesprächen heraus und feiert mit einem von ihr ins Leben gerufenen Filmporträt Kinostart. Aber ihr Leben soll der Nachlass nicht bestimmen.

Berliner Zeitung: Frau Laberenz, Sie kommen gerade von der Probe. Woran arbeiten Sie?­­­­

Aino Laberenz: Ich arbeite gerade mit Meg Stuart an einer Produktion, die eigentlich zur Ruhrtriennale herauskommen sollte, daraus wurde ja nun nichts. Die Premiere wird nun im Herbst in Paris sein. Aber natürlich ist jetzt viel zu tun mit dem bevorstehenden Todestag von Christoph.

Aber Sie können neben Ihrer Aufgabe als Erbin und Nachlassverwalterin Ihres Mannes auch Ihre eigenen Projekte verfolgen?

Mein Geld verdiene ich nach wie vor als Kostüm- und Bühnenbildnerin. Das Operndorf Afrika leite ich unentgeltlich. Und in den zehn Jahren habe ich mich daran gewöhnt, dass ich mich um das Operndorf und die Nachlassverwaltung parallel kümmere. Das ist nicht immer leicht. 

Und dann haben Sie noch ein Buch mit Interviews zusammengestellt.

Dafür habe ich mir Zeit genommen, damit bin ich jetzt seit fast zwei Jahren beschäftigt. Das Archiv von Christoph liegt in der Akademie der Künste. Er hat wirklich viele Printinterviews aufgehoben, teilweise aus Magazinen, die es schon lange nicht mehr gibt und an die man auch nicht über Online-Datenbanken rankommt. Das kann man ganz gut parallel machen, was aber nicht heißt nebenbei.

In diesem Jahr ist das Pensum sicher noch größer gewesen.

Also, es war nicht so, dass ich mir im letzten Dezember gedacht habe, hoppala, jetzt ist ja das Zehnjährige. Das habe ich mir schon alles überlegt. Mir ist wichtig, dass Christoph in allen Bereichen vorkommt. Mit Frieder Schlaich von der Filmgalerie 451, wo der filmische Nachlass von Christoph liegt, habe ich schon vor zwei Jahren beschlossen, aktiv zu werden, weil es kein Kinoporträt von Christoph gibt. Ich will nicht auf dem Nachlass sitzen, sondern die Schätze zugänglich halten.

Haben Sie da etwas Unbekanntes entdeckt? Gibt es noch ungesehene Filme?

Ich habe natürlich auch seine Arbeit ganz anders entdeckt nach seinem Tod. Christoph kannte sein ganzes Material und ihm war immer daran gelegen, dass es veröffentlicht wird. Wenn er sich dafür entschieden hat, etwas nicht zu zeigen, dann möchte ich das auch nicht. Es ist ja sein Material. Ich respektiere ihn zu sehr als Künstler. Auch wenn er mit dem Chaos arbeitete – er war sehr genau, klar und nicht willkürlich.

Wird man dem Ganzen nicht irgendwann mal überdrüssig?

Es ist eine Riesenverantwortung. Es liegt da viel auf meinen Schultern. Ich werde unruhig, wenn ich merke, dass Christoph weniger vorkommt in der Öffentlichkeit, und denke, dass ich dagegen etwas tun muss. Das ist ein Druck, ohne Frage. Der Nachlass, ich nehme das Operndorf als etwas Eigenständiges mal raus, bestimmt nicht mein Leben. Ich bin auch nicht abhängig von dem Nachlass. Ich könnte davon ohnehin nicht leben, sondern muss eher hineinstecken. Ich freue mich, wenn ich merke, dass er in den Köpfen vorkommt. Dass man sich mit ihm und seinem Werk beschäftigt. Das ist eine schöne Aufgabe. Und deswegen auch dieser Kinofilm.

War es Ihre Idee, in diesem Film nicht die vielen Schlingensief-Experten, sondern Schlingensief selbst sprechen zu lassen?

Es gibt so viele Wegbegleiter und Schauspieler, aber auch anteilnehmende Beobachter, die ihn und sein Werk aus großer Nähe beschreiben könnten. Aber es war mir und uns wichtig, dass er selbst über seine Arbeiten redet. Und da wir so viel Material haben, wo das der Fall ist, konnte diese Idee auch funktionieren. Als wir die Filmeditorin Bettina Böhler angefragt haben, hatte sie unabhängig den gleichen Ansatz. 

Es gehörte immer zum Werk, wenn Schlingensief hineinsprang und seine Kunst erklärte oder auch widerrief – immer sehr direkt bezogen auf die Gegenwart. Das geht nun leider nicht mehr. Sehen Sie sich irgendwie in der Pflicht, in seinem Namen zu sprechen?

Um Gottes willen, nein! Ich darf nicht ansatzweise der Versuchung nachkommen, gerade in meiner Verantwortung für sein Erbe, zu behaupten, das hätte er jetzt gesagt oder so hätte er das gestaltet. Hat er nicht. Es wäre eine Anmaßung, ihn spielen zu wollen. Wir wissen, dass er auf die Zeit reagiert hätte, aber man kann ihn nicht ausrechnen. Wir wissen nicht, wie er auf den Rechtsruck, die Flüchtlingskrise oder Corona reagiert hätte. Er war direkt in seinem Zugriff, aber immer überraschend. Er war einfach viel zu schnell und ist schon drei Ecken weiter gewesen, wenn man dachte, man hätte sein Prinzip verstanden.

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall
Nicht nur Witwe

Aino Laberenz ist 1981 in Turku (Finnland) geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und arbeitete als Kostüm- und Bühnenbildnerin unter anderem in Bochum, am Wiener Burgtheater und in Berlin an der Volksbühne und im Deutschen Theater. 

Seit dem Tod ihres Mannes Christoph Schlingensief hält sie die meisten Urheberrechte an dessen Werk. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit verwaltet sie seinen Nachlass, kuratiert Ausstellungen, gibt Bücher heraus und ist Geschäftsführerin des von Schlingensief gegründeten Operndorfs Afrika in Burkina Faso.   

Heute würde er mit seiner Kunst vielleicht ganz anders anecken und kritisiert werden als damals. Was damals provoziert hat, würde ihm heute vielleicht Kritik mangelnder Sensibilität für die Verletzbarkeit Betroffener einbringen, zumal seine Sprecherposition als weißer Mann thematisiert werden würde.

Das hat er ja selbst immer getan, vielleicht nicht in den heutigen Begrifflichkeiten. Es wäre falsch, seine Werke aus der Zeit, in der sie entstanden sind, zu reißen und mit dem heutigen Stand der Debatte zu beurteilen. Klar macht das Spaß, sich vorzustellen, wie Christoph sich zu unserer Zeit verhalten würde. Ich wüsste zum Beispiel gern, wie er ganz praktisch mit dem gestiegenen Bewusstsein für gerechte Arbeitsbedingungen am Theater umgegangen wäre.

Es gab auch zu seiner Zeit Momente, die nervten und wehtaten, in denen man nicht nur die Schauspieler und das Publikum, sondern auch Schlingensief vor sich selbst beschützen wollte.

So sehr er einen auch genervt, geärgert oder vielleicht auch verletzt hat, das hat er ja nicht gemacht, weil er sich darstellen wollte. Seine Patentante Trude, die in diesem Jahr hundert Jahre alt wird, hat ihn gefragt, ob es immer so extrem sein muss. Sie war ihm sehr nah, hat ihn verstanden und immer unterstützt, wollte aber auch, dass er sich ein bisschen schont. Und da antwortete Christoph: „Irgendjemand muss es ja machen.“ Das ist ein Satz, mit dem ich mich daran erinnere, wie und was er gearbeitet hat. Diese Vehemenz kam aus einem echten Drang, ein Thema in den Griff zu nehmen. Zum Beispiel der Umgang mit Behinderten in unserer Gesellschaft. Natürlich hat er das auch überspitzt, er war ein Künstler und kein Politiker. Er war nicht diplomatisch oder korrekt. Er hat eben geschrien, wenn er gemerkt hat, dass die Arbeitslosen nicht gehört werden. Damit stößt man auf Widerstände, aber Widerstände weisen ja auf etwas hin. Und er hat seinen Kopf immer mit hingelegt und hat sich nicht verdrückt. 

Wie ist der Stand im Operndorf?

Es stehen die Grundschule, eine kleine Bühne, ein Tonstudio, insgesamt 25 Häuser. 300 Kinder gehen zur Schule, die Hälfte Mädchen. Im Landesdurchschnitt sind es nur zwanzig Prozent. Wir sind eine öffentliche Schule, was die Leistungen angeht eine der besten in ganz Burkina. Das liegt sicher auch an dem Kunstansatz. Normalerweise gibt es an einer öffentlichen Schule dort keinen Kunstlehrer, es gibt Workshops, wir versuchen, Künstler mit den Kindern zu vernetzen. Wir haben 2014 eine Krankenstation eröffnet, wo schon einige Kinder geboren wurden. In Burkina verlassen die Kinder im Durchschnitt die Schule nach zwei Jahren, weil sie dann arbeiten. Bei uns bleiben die Kinder fast alle bis zum Schluss, bis zur sechsten Klasse. Das sind andere Realitäten.

Haben Sie nie daran gedacht, das Projekt sich selbst zu überlassen?

Es ist kein Entwicklungshilfeprojekt, das sich nur auf Bildung und Soziales bezieht. Mir war es wichtig, dass man sich auf die Vision vom Anfang besinnt. Deshalb haben wir Künstlerresidenzen eingerichtet: nichtafrikanische Künstler sind zwei, drei Monate im Dorf und kommen mit afrikanischen Künstlern zusammen. Wir sind stolz auf diese Basis, das Ziel war ja auch, einen besseren Blick auf den Kontinent zu bekommen.

Schlingensief hat den postkolonialen Diskurs eröffnet, als der noch gar nicht so hieß und nur wenige das Problem gesehen haben. Heute würde das Operndorf von manchen selbst als postkolonialer Akt angesehen werden.

Also das komplette Team in Burkina Faso ist aus dem Land.  Alle Lehrer, das Organisationsteam, Krankenpersonal sind Burkinabes. Der Staat zahlt die Lehrer, die sind mittlerweile verbeamtet. Wir sitzen hier in Deutschland als GmbH und Stiftung, sammeln Geld, stellen Anträge, suchen Kooperationspartner, um zum Beispiel künstlerische Weiterbildungen zu bezahlen, Workshops zu machen oder in Kooperation die Krankenstation möglich zu machen. Den Vorwurf, dass wir Afrikaner mit unserer Hilfe daran hindern, sich selbst rauszuhelfen, den gab es schon bei Christoph und den musste ich mir auch anhören. Aber da kann ich ganz für mich sprechen: Tut mir leid, wir können uns da nicht raushalten. Natürlich helfe ich. Wir kommen hier besser an die Wohlständigen heran. Und diesen Wohlstand haben wir ein Stück weit denen zu verdanken, denen wir jetzt helfen müssen.

Steckt nicht schon in dem Titel „Operndorf“ etwas Kolonialistisch-Missionarisches?

Ja, natürlich. Das benennt das Problem, denn natürlich geht es nicht darum, Richard Wagner nach Afrika zu bringen. Sondern dieses Missverhältnis sichtbar zu machen. Und Christoph hat sofort gesagt, die schönste Arie ist, wenn da ein Kind schreit, das auf die Welt kommt. Ich habe dort in den Nächten einige Geburtsschreie gehört. Der Titel ist ein Spiegel. Christoph ist ein Weißer, der nach Afrika gegangen ist. Das ist ein kolonialistisches Bild und dessen war er sich bewusst. Wie auch seiner Privilegien.

Ist es denn noch das Operndorf von Christoph Schlingensief?

Ich bin ein anderer Mensch, und ich mache das sicher ganz anders als Christoph das machen würde. Aber darum geht es nicht. Es ist kein Christoph-Mausoleum.

Hätte er Ihre Geduld aufgebracht, oder hätte er das Operndorf mit einer neuen Idee gecrasht?

Kann gut sein. Aber es gibt einen Unterschied: Für ihn war es kein Theaterstück. Ich weiß, dass er da ganz anders die Verantwortung übernommen hat. In dem Dokufilm „Knistern der Zeit“ über die Entstehung des Operndorfs sieht man, wie viel Druck er gemacht hat, weil er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Er wollte das so aufstellen, dass es bleibt und die Kinder zur Schule gehen können, auch wenn er nicht mehr auf der Welt ist. Das ist mehr als eine soziale Plastik. Ihm wurde vorgeworfen, dass er nur seine Marke setzen und dann verschwinden wolle, aber das stimmt so nicht. Vielleicht war er zu schnell und hat zu viel auf einmal erzählt. Oder man hat sich nicht genug Mühe gegeben, ihm zuzuhören.

Hat er selbst verstanden, was er tat?

Christoph ist nicht davon ausgegangen, dass er in allem richtig lag. Er hat sich im Tun hinterfragt. Er war jemand, der seine unziemlichen Gedanken und Wertungen, die wir gemeinhin verstecken, aussprach und sich dabei oft ertappte. Natürlich hat er sich damit entblößt und angreifbar gemacht. Aber wie kommt man sonst aus seiner Perspektive heraus? Wie gesagt: „Irgendjemand muss es ja machen.“

Buch: Christoph Schlingensief: Kein falsches Wort jetzt, Gespräche. Hg.: Aino Laberenz Mitarbeit: Brigitte Landes Mit einem Nachwort von Diedrich Diederichsen, 320 Seiten

Dokumentarfilm: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien, Buch und Regie: Bettina Böhler, 124 Minuten