In diesem Punkt ist die Satire der Realität voraus: Am Airport Berlin-Brandenburg herrscht schon Flugbetrieb. Jedenfalls ist er ernsthaft geplant. Und Reisende sind auch schon da. Bewegen tut sich aber trotzdem nichts. Weil zwei Gates plötzlich geflutet sind – oder eine Hangar-Halle einstürzt – oder das Gepäckband streikt – oder einfach wegen Stromausfall. In der Opernbearbeitung „AIRossini“, die am Donnerstagabend an der Neuköllner Oper Premiere hatte, befinden wir uns also schon auf der zweiten Stufe des Chaos: Der Laden ist endlich eröffnet, aber es funktioniert trotzdem nichts.

Hier stranden sechs Personen, die auf dem Weg sind zu einer Konferenz der Weltmächtigen. Mächtig sind diese sechs aus unterschiedlichen Gründen: Der arabische Ölprinz (Richard Neugebauer) hat einfach nur Geld, ebenso die griechische Reederstochter (Ioanna Forti); der Hacker Timmy (Clemens Gnad) hat Macht, weil ihm kein Geheimnis der Cyberwelt verborgen bleibt, die Businessfrau Lee (Yuka Yanagihara) bestimmt mit neuen Sofwareprodukten die Gewohnheit der Massen, und die quietschpinke Sheraton (Polly Ott) ist millionenhaft angehimmelter Popstar. Ein Politiker taucht in diesem erlesenen Club wohlgemerkt nicht auf. Die Finanzwelt vertritt hingegen der Schweizer Banker Chevalier (Victor Petitjean), an dessen Revers ein eindrucksvoller Orden baumelt.

Gemeinsam warten sie auf den Weiterflug, verbringen die Zeit in einer Lounge in hygienischem Apple-Weiß, während das Boarding für den Flug mal angekündigt, mal wieder abgesagt wird. Man macht Geschäfte, der Ölprinz versucht, den rattenscharfen Popstar für seinen Harem zu rekrutieren – vor allem aber schimpft man auf die blöden Dödel da unten, die den Flughafenbetrieb nicht gebacken bekommen und die selbst ernannte Elite mit ihrer Dusseligkeit bei der Arbeit behindern.

Occupy blockiert Landebahn

Spätestens hier entpuppt sich die Berliner Flughafenmisere nur als Aufhänger, und die sozialkritische Satire tritt in den Vordergrund. Erst recht, als nach der Pause eine Person mit Anonymous-Maske zur großen Revolution aufruft gegen die Wenigen, die über die Vielen herrschen. Der Flughafen ist da schon besetzt, die Landebahn von Occupy-Leuten blockiert. An den Kragen geht es den Neureich-Mächtigen gleichwohl nicht.

„Opéra oligarchique“ ist deshalb diese Neufassung der Rossini-Oper „Il viaggio a Reims“ von 1824 untertitelt – und bleibt damit bei aller Aktualisierung nah am Original. Bei Rossini ist es eine Gruppe schicker Militärs, Dandys und Literaten nebst Frauenbegleitung, die auf dem Weg zur Krönung des französischen Königs in Reims in einem Kurort festsitzen, weil keine frischen Droschkenpferde mehr aufzutreiben sind. Kharalampos Goyós (Musikarrangement) und Librettist Dimitris Dimopoulos sehen darin die zuweilen ebenso dekadente Elite von heute, dampfen die Musik für Kammerensemble mit Klavier, Flöte, Klarinette und Marimba ein und texten muntere neue Texte auf die alte Musik. Das funktioniert ausgezeichnet, weil Rossinis Bravourarien in dieser Oper so ausschließlich der Bravour huldigen, dass man ohne weiteres auch die Gebrauchsanweisung für einen Schnellkochtopf darauf singen könnte. Und so ist es äußerst komisch, wenn die Businessfrau Lee auf die Melodie einer zwitscherigen Rossini-Arie eine neue App für Smartphones bewirbt oder im Rezitativ die Passagiere zum Boarding eingeladen werden.

Am Ende wird die Konferenz der Weltmächtigen im Internet abgehalten und über große Bildschirme kommuniziert. Unter den Teilnehmern sind neben üblichen Verdächtigen wie Kim Jong Un, Barack Obama und Angela Merkel auch Michael Schumacher, Karl Lagerfeld und Herbert von Karajan. Aha. Da wird der Begriff der Mächtigen dann doch etwas pauschal. Aber vielleicht ist das aus einer ganz spezifischen Wut auf alles Große heraus zu verstehen. „AIRossini“ ist eine Co-Produktion mit den Athener „Beggars“ Operas“.

AIRossini – Opéra oligarchique: Neuköllner Oper, nächste Vorstellungen am 8. und 9., 13. – 16., 20. – 23., 28. – 30. Juni, 20 Uhr, Karten-Tel.: 68 890 777