Walter Womackas Mosaik auf der Rückseite des Staatsratsgebäudes.
Foto: Berliner Verlag/Mike Fröhling

Berlin-MitteKürzlich wurden zum ersten Mal nach fast dreißig Jahren wieder Teile des großen Mosaikbands „Die Presse als Organisator“ von Willi Neubert sichtbar. Einst strahlte es vom Pressecafé des Berliner Verlags weit zum Alexanderplatz, wurde aber in den 90ern hinter einer Werbung für ein Steakhouse verschalt.

Immerhin, jetzt können wir, wenn die Investoren sich klug dazu entscheiden, also dieses Kunstwerk freizulegen, wieder debattieren über den scharfen Kontrast zwischen der hier sichtbaren Begeisterung für Medien als Treibriemen eines straff parteilich gesteuerten Sozialismus bei gleichzeitigem Einsatz lustiger Flower-Power-Formen und heiterer Farben.

Raus aus dem Schatten

Werke wie dieses standen im Zentrum der ersten großen Tagung, die sich mit „Kunst am Bau“ in der DDR beschäftigte. Zwar wurde seit den 90ern heftig über Malerei und Skulptur in der DDR und über die Bedeutung ihrer Architektur debattiert. Doch die direkt an Architektur und Städtebau gebundene Kunst stand bisher im Schatten der Forschung.

Kaum verwunderlich: Architekten und Ingenieure fürchten bei solchen Projekten immer den Übergriff der Künstler auf ihre Raumerfindungen und Konstruktionen. Dabei hat die Landeskonservatorin von Sachsen-Anhalt, Ulrike Wendland, auf der Tagung darauf hingewiesen, dass viele dieser Werke vom breiten Publikum regelrecht geliebt würden. Davon zeugten nicht zuletzt die vielen Fotoserien etwa bei Flickr oder lokale Denkmalpflege-Initiativen für Brunnen, Wandbilder, Skulpturen oder Wandschmuck.

10.000 Kunst-am-Bau-Projekte

Nach aktuellen, jedoch äußerst ungenauen Schätzungen gibt es etwa 10.000 Kunst-am-Bau-Projekte in Deutschland. Der Bundestag beschloss schon 1950 ein Gesetz, nach dem die Bundesregierung bei allen öffentlichen Projekten ein bis 1,5 Prozent der Investitionssumme der Bildenden Kunst widmen solle. Damit wurde eine 1919 begründete Tradition der Weimarer Republik weitergeführt, die ihrerseits die staatliche Kunstförderung von Monarchen und Kirchen aufgenommen hatte.

1952 zog die DDR auch offiziell nach, Verwaltungsbauprojekte sollten nun ein bis zwei Prozent der Planungskosten für die Kunst aufwenden. Ausdrücklich wurde hier nun auch das Kunstgewerbe mitbedacht. Öffentliche Kunst galt der SED nämlich als eines der wesentlichen Mittel, um die Bevölkerung seit 1945 davon zu überzeugen, dass der Sozialismus gelingen könne, wie der einstige Berliner Kultursenator Tomas Flierl an vielen Beispielen zeigte.

Einbindung in Parteiapparat immer wichtiger

Die straffe Durchorganisation von Bau- und Entscheidungsprozessen sorgte dabei dafür, so der Kunsthistoriker Roman Hillmann, dass die Kontrolle von Partei, Staat, Bezirks- und Kommunalverwaltungen, Kombinatsdirektoren und Firmenleitungen gewahrt blieb. In den 40ern und frühen 50ern wurden zwar noch oft – Silke Wagler von den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden machte das deutlich – Künstler berufen, die als Antifaschisten galten. Doch seit den 50ern war neben der künstlerischen Erfahrung auch die Einbindung in den Staats- und Parteiapparat immer wichtiger, um Aufträge zu erhalten.

1959 wurde in der DDR die Verordnung über die Kunst am Bau auf Wohnbauten ausgedehnt, allerdings nur mit 0,2 bis 0,5 Prozent der Planbaukosten, mit sinkender Tendenz: Zuletzt gab es pro Wohneinheit noch 45 Mark der DDR für die Kunst am Bau.

Die Verdienstmöglichkeiten waren groß

Dennoch kamen, wie der Historiker Paul Kaiser aus Dresden auf der Tagung berichtete – und damit im Nebenher die herausragende Bedeutung auch der Sozial- und Wirtschaftsforschung für die Kunstgeschichtsforschung belegte – erhebliche Summen zusammen: Manche Bezirke gaben bis zu 25 Millionen DDR-Mark pro Jahr für öffentliche Kunst aus.

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Diejenigen Künstler, denen es gelang, einen der Aufträge für große Wandgemälde mit erzählendem Charakter zu erhalten, konnten gut verdienen: 1200 DDR-Mark pro Quadratmeter waren üblich, das Einkommen vieler Ärzte lag weit darunter. Ganz zu schweigen von Werner Tübke, der mit dem gigantischen Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen zum DDR-Mark-Millionär wurde.

Städtische Räume wurden künstlerischer

Allerdings mussten sich die Künstler dafür auf die stilistischen und ideologischen Vorgaben des Staates einlassen. Erst in der Endphase der DDR konnten ironische Werke wie der abstrakte Demonstrationsmarsch auf einer Bauzaunbemalung von Trak Wendisch und Kostas Sissis entstehen. Ob gigantische Lenin-Gemälde in Halle nun das ästhetisierende Korrektiv öder Platten-Rasterachitektur und deren für die Gesamtwirkung notwendige Ergänzung bieten, blieb heftig umstritten.

Dekorative Hintergrundfolie zur realsozialistischen Privatisierung des Lebens: die Giebelwände in Rostock-Lichtenhagen.
Foto: imago images/BildFunkMV

Die bunten Sonnenblumen an den Giebelwänden in Rostock-Lichtenhagen dagegen waren sicherlich nur noch dekorative Hintergrundfolie zur realsozialistischen Privatisierung des Lebens. Und noch eins wurde klar: Je länger die DDR dauerte, desto mehr wanderte die Kunst am Bau von den Fassaden in das Innere der Häuser, während gleichzeitig die städtischen Räume immer mehr künstlerisch gestaltet wurden – bis hin zu den grandiosen Wasserspielen etwa vor dem Berliner Fernsehturm oder auf der Prager Straße in Dresden.

Der Bildersturm blieb aus

Es war die erste Tagung zum Thema, und sie zeigte: Den oft beklagten „Bildersturm“ auf die Kunst des realen Sozialismus hat es eben nicht gegeben, ganz im Gegenteil eine zunehmende Rehabilitierung selbst schwer erträglicher Propagandawerke. Selbst Investoren schätzen sie inzwischen als nette, bedeutungslos gewordene Dekoration.

Die Gefahr für die Existenz von Brunnen, Wanddekorationen oder Skulpturen geht heute von mangelnden Instandhaltungsetats, Isolierungsvorschriften und nicht zuletzt Buntmetalldieben aus, die 2017 etwa eine monumentale „Märzkämpfer“-Gruppe in Halle raubten. Um die Werke zu schützen, braucht es deswegen vor allem Forschung, darüber waren sich alle in der Akademie der Künste einig.