Die Präsidentin der Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, hat ihre europäischen Amtskollegen nach Berlin eingeladen.
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BerlinInternationale Konferenzen neigen dazu, einen eigenen Stolz darüber zu entwickeln, in großer Zahl zusammengekommen zu sein. In schönen Worten und vornehmer Freundlichkeit wird dann das Gemeinsame betont und das Spaltende als abzuwehrende Gefahr identifiziert.

Das war auch bei der von der Berliner Akademie der Künste organisierten Zusammenkunft zur Konstituierung einer Europäischen Allianz der Akademien nicht anders, an der sich vom Donnerstag bis zu diesem Sonnabend mehr als 60 europäische Kultureinrichtungen beteiligt haben. Es war nicht ohne eine gewisse Rührung zu beobachten, wie sich unter der Moderation der Akademiepräsidentin Jeanine Meerapfel die Vertreter von tschechischen, österreichischen, belgischen, niederländischen und französischen Institutionen – um nur einige zu nennen – einander vorstellten und sich gegenseitig versicherten, gemeinsam etwas erreichen zu wollen, was ihnen allein in ihren Ländern immer weniger zu gelingen scheint.

Tatsächlich fühlten sich zuletzt nicht wenige Kultureinrichtungen, z. B. in Ungarn und Polen, im Kampf gegen die national-dirigistische Politik ihrer Regierungen auf sich allein gestellt. Kunst und Kultur laufen in vielen europäischen Gesellschaften immer stärker Gefahr, von einer sich abgrenzenden Identitätspolitik bedrängt zu werden. Nicht immer erfolgt die Einflussnahme in ausdrücklich ideologischer Rhetorik, mitunter führt schon der Entzug oder die Reduzierung finanzieller Unterstützung zur Austrocknung kultureller Pflanzen, erst recht in einem Europa der Regionen, das nicht nur Vielfalt bedeutet, sondern auch knallharten Wettbewerb.

Das Manifest der Akademien

Der in Berlin aufgerufene Netzwerkgedanke will dagegen eine Art solidarischen Schutzraum auf der Basis transnational geltender Werte bieten. In den Worten des Manifests, das die Konferenzteilnehmer am Sonnabend gemeinsam verabschiedeten, liest sich das so: „Wir stehen für die kulturelle Vielfalt in Europa und in unseren Gesellschaften. Wir wollen an die blinden Flecken erinnern, die die europäischen Eroberungskriege in der Welt hinterlassen haben, an die kolonialen Machtstrukturen, die bis heute in vielen Ländern nachwirken. Wir stehen mit den Künsten für einen Humanismus, der sich gegen jede Form von Rassismus, Diskriminierung und Gewalt stellt. Wir verteidigen die Menschenrechte auch für diejenigen, die nicht in Europa geboren wurden, aber hier eine Chance für das Überleben und ein friedliches Zusammenleben suchen.“

Das markiert die geschichtspolitische Grundlage, von der aus man nach vorn schauen will in einem Europa, das immer stärker von rechtsnationalen Tendenzen bedroht sei, wie der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in einem eindrucksvollen Statement betonte.

Das vorgetragene Manifest formuliert es weniger konkret als es viele der Teilnehmer in ihren Wortbeiträgen artikulierten. „Wir fordern den solidarischen Schulterschluss zwischen den Institutionen für Kunst und Kultur in Europa. Nur über Grenzen hinweg können sich Kunst, Kultur und Wissenschaften im Sinne der Aufklärung entfalten. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, diesen Freiraum für die Zukunft zu behaupten und zu verteidigen.“

Auftrittsfreiheit von Autoren und Wissenschaftlern

Entscheidender als der wohlfeile Jargon des Manifests dürfte indes die Belastbarkeit der frisch geknüpften Kontakte sein, die insbesondere dann aktiviert werden sollen, wenn etwa die Auftrittsfreiheit von Autoren und Wissenschaftlern bedroht erscheinen.

Ein bisschen reibt man sich angesichts der wechselseitigen Bekräftigungen der Konferenzteilnehmer die Augen darüber, dass die kulturpolitischen Verbindungen in den zurückliegenden Jahren zum Erliegen gekommen zu sein scheinen. War man nicht schon einmal neugieriger aufeinander? Hatte die Akademie der Künste nicht schon einmal einen ungarischen Präsidenten?

Die Initiative der Akademie der Künste ist bemerkenswert und verdient alle Unterstützung. Sie macht aber auch deutlich, dass die europäische Idee im Kern ihrer kulturpolitischen Aktivitäten nicht vor Abkühlung und Ermattung gefeit ist.

Das Manifest ist nachzulesen unter: https://allianceofacademies.eu