Verunsicherte Jugend: Jaecki Schwarz (links) in Konrad Wolfs Film „Ich war neunzehn“.
Foto: Defa-Stiftung/Werner Bergmann

BerlinEs war dies ein lang gehegter Wunsch von Konrad Wolf: Sein „Ich war neunzehn“ sollte gemeinsam mit Heiner Carows „Die Russen kommen“ gezeigt werden. Beide Filme waren 1968 gedreht worden. Zum geplanten Doppelprogramm kam es aber erst im Dezember 1987 – da war Wolf schon fünf Jahre lang tot. Während sein Film in den Kinos der DDR lief und auch international viel Würdigung erfuhr, verschwand Carows Arbeit in den Regalen. Genauer gesagt überstand nur eine Rohschnitt-Fassung: Sie lagerte fast 20 Jahre lang in einer Ecke des Arbeitsraums von Evelyn Carow, der Ehefrau des Regisseurs. Als Schnittmeisterin hatte sie die Montage beider Filme verantwortet.

Konrad Wolf hatte einiges gewagt

Dieser Umstand bildet nicht die einzige Brücke zwischen den beiden Werken. Sowohl „Ich war neunzehn“ als auch „Die Russen kommen“ waren autobiografisch intendiert. Sie spielen im Frühjahr 1945 im östlichen Teil Deutschlands; der eine aus russischer Sicht erzählend, der andere aus deutscher. Wolf hatte Einiges gewagt. Er zeigte die tiefe Verunsicherung eines jungen Mannes (Jaecki Schwarz), der als Offizier der Roten Armee in eine ihm fremd gewordene Heimat zurückkehrt. Seine Landleute waren eben noch Hitler hinterhergelaufen und hatten den Tod von Millionen Menschen verantwortet oder billigend in Kauf genommen.

Wahrheit überlebt als Schönheit.

Der Regisseur Wolfgang Kohlhaase in der Diskussion in der Akademie der Künste

Auch die Familie von Konrad Wolf stand auf den Todeslisten. Er verzichtete im Film auf jedes Befreiungspathos, zeichnete ein individuelles Schicksal nach, deutete sogar die tabuisierten Massenvergewaltigungen durch sowjetische Soldaten an. Die Risiken wurden durch seine hohe staatliche Reputation abgefedert; man ließ die heiklen Darstellungen passieren. Anders bei Carow, der bis dahin nur mit Kinderfilmen und der propagandistischen Beziehungsgeschichte „Das Leben beginnt“ (1960) zum Zug gekommen war. Ihm wurde nach einer Mustervorführung von der Defa-Studioleitung künstlerisches und vor allem politisches Totalversagen attestiert. Als finales Totschlagargument fungierte der Vorwurf einer „Psychologisierung des Faschismus“ – was immer dies sein sollte. In der unmittelbaren Gegenüberstellung beider Filme hätten 1968 womöglich Gespräche in Gang gesetzt werden können: über Schuld und Unschuld, Verantwortung und Hoffnung, Vergangenheit und Zukunft. Es war nicht gewollt. Die DDR wähnte den Fortschritt auf ihrer Seite. Die Nazis hingegen waren alle im Westen.

Dialog mit deutsch-deutscher Dimension

Die Akademie der Künste (AdK) hat den Wunsch von Konrad Wolf noch einmal aufgegriffen. Das jetzt aufgeführte Double Feature kann gleichzeitig als eine Art Prolog zum im nächsten Jahr anstehenden Jubiläum des Kriegsendes vor 75 Jahren gesehen werden. In der Pause zwischen den Filmen gab es eine Gesprächsrunde, an der unter der Moderation durch Bert Rebhandl neben Thomas Heise (Direktor Film- und Medienkunst der AdK) und Ralf Dittrich (Filmrestaurator bei der Deutschen Kinemathek) auch Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Ich war neunzehn“) und Historiker Götz Aly teilnahmen. Damit erlebte der damals nicht stattgefundene DDR-interne Dialog seine Erweiterung um eine deutsch-deutsche Dimension.

Auch nach 1989 keine gemeinsame Perspektive

Die wechseleitige Neugierde war riesengroß, sowohl auf dem Podium als auch im Publikum. Nach durchaus persönlichen Statements von Kohlhaase und Aly kam der Austausch allerdings etwas ins Stocken. Es zeigte sich, dass hier zu viele Perspektiven auf einmal versammelt waren. Die Erfahrungswerte und sogar das Vokabular erwiesen sich teilweise als inkompatibel. Was wissen die West- und Ostdeutschen voneinander – nicht aus Büchern, sondern durch einen intensiven Austausch? Gibt es eine gemeinsame Erinnerung an 1968? Sicher nicht. Sowohl Aly als auch Kohlhaase wiesen darauf hin, dass nach 1945 durch das Einsetzen des Kalten Krieges eine gesamtdeutsche Auseinandersetzung mit den gemeinsamen Traumata verunmöglicht wurde. Frappierend, dass auch nach 1989 kaum Versuche unternommen wurden, die Entwicklungsstränge wieder zusammenzuführen. Selbst auf dem Gebiet der Kunst allgemein und des Kinos speziell hat dies kaum stattgefunden.

Götz Aly konstatierte dieses Dilemma und richtete seine Frage direkt an Kohlhaase: „Wie lässt sich die ganze Geschichte erzählen?“ Dieser erwiderte nach einer langen Pause: „Wahrheit überlebt als Schönheit.“ Ein besseres Schlusswort hätte sich kaum finden lassen.