Alles geschieht auf der Straße, sagt Akinbode Akinbiyi. Doch was geschieht da? Irrer Verkehr, Menschen, die ihrer alltäglichen Lebensbewältigung nachgehen, nichts Außergewöhnliches, das eine Nachricht wert wär. Keine aufsehenerregenden Ereignisse sind zu sehen, kein Unglück, kein Fest, kein anklagendes Elend, kein dramatisches Licht-und-Schatten-Theater, nichts, das nach einer fotografischen Verewigung verlangen würde. Nirgends ein entscheidender Moment. Das Spektakel dieser Bilder ist das Abwesende. Das in ihnen Aufgehobene. Einzelne Passanten von hinten, niemand schaut, kein gebannter Augenblick.

Selbst Lagos, dieses von keinem Plan gebändigte Chaos aus über 20 Millionen Bewohnern, ist weder Ort des Schreckens noch des Versprechens. Die Essenz der Stadt erscheint pur, bar jeder subjektiven Interpretation des Abbildenden.

Akinbiyi bleibt im Hintergrund

Wer ist das Auge hinter dem Sucher? Der 1946 in Oxford als Kind exilierter nigerianischer Intellektueller geborene Akinbode studierte in den 1970er-Jahren in Heidelberg und München, zog dann nach West-Berlin. Als Wanderer und Mittler zwischen den Welten initiierte er mit dem Goethe-Institut eine Kunstschule in Nigeria. Daraus entwickelte sich ein Projekt zur Vernetzung von Fotografie-Schulen in Afrika. Der Kurator und Mediator selbst bleibt im Hintergrund.

Als könne er sich durchsichtig machen, taucht Akinbode Akinbiyi ein in die Ströme der Stadt; wie Treibholz lässt er sich mitreißen und an die Ränder spülen, bleibt hängen an Brückenpfeilern und Widerständen. Hält inne. An einer rostigen Werbetafel, abgerissenen Zetteln, überklebten Hinweisen, verblichenen Botschaften: Die Stadt ist ihm eine flüssige Struktur beiläufiger Zeichen.

Akinbode durchstreift eine Weltbühne, die ohne Zuschauer existiert, sein Studio sind die unentwegt bespielten Straßen. Nur einmal, im sudanesische Khartum, geriet der diskrete Flaneur selbst ins Visier bewaffneter Straßenbanden und wurde seiner Fotoausrüstung beraubt. Aber wer braucht in einer vom Bürgerkrieg zerrissenen Stadt schon eine altmodische Analogkamera? Am nächsten Tag kaufte Akinbode seine zweiäugige Rollei-Flex auf dem Schwarzmarkt zurück.

Als unsichtbarer Beobachter gelingt ihm das Wunder, noch im brutalsten Toben der Megastädte, in Lagos, Kairo, Kinshasa, Johannesburg, kostbare Momente der Stille einzufangen. Ein Schrein für ungeborene Gottheiten, Denkmale für die Flüchtigkeit von allem. Mit seiner Demut bringt er Nichtigstes zum Schillern. Er hebt es in Bildern auf.

Wanderungen in urbanen Zeiträumen
Ausstellung Akinbode Akinbiyi,
Galerie Eigenheim im Gärtnerhaus des Weimarhallenparks,
bis 4. 9.