Deutschland streitet. Zum Beispiel über die Aussagen des Schalker Fußballfunktionärs Clemens Tönnies. Der hatte in einer Rede in Paderborn seine Weltsicht erläutert und für den Bau von Kraftwerken in Afrika plädiert, damit die Menschen dort – bei verbesserten Lichtverhältnissen – weniger Kinder zeugen. Nachdem die Äußerungen eine Welle der Empörung ausgelöst hatten, entschuldigte Tönnies sich halbherzig, als sei es bloß ein sprachlicher Lapsus gewesen.

Der Fall Tönnies zeigt, dass es in hitzigen Debatten selten um „richtig“ oder „falsch“ geht. In Fußballkreisen ist man inzwischen der Meinung, dass es nun auch einmal gut sei, als ließe sich das Hin und Her der Meinungen nach Belieben an- und abschalten. Nach dem großen Debattenfuror macht sich nicht selten auch das Bedürfnis nach Ruhe breit.

Es darf aber nicht unterschlagen werden, dass Tönnies die afrikanischen Staaten in obszöner Ignoranz auf „die Afrikaner“ reduziert und den Bewohnern des Kontinents gleichermaßen technologische Rückständigkeit und sexuelle Triebhaftigkeit unterstellt hat. Von Menschen in herausgehobenen Funktionen sollte man erwarten dürfen, dass sie auch für einen dummen Witz die Verantwortung übernehmen.

Kai Gniffke warnt vor inflationärem Gebraucht der Etikettierung "rassistisch"

Aber ergeben provozierende Worte und schiefe Vergleiche schon eine Debatte? Im weiteren Verlauf der Affäre Tönnies ging es nicht mehr um Tönnies und dessen Motive. Die Frage lautete vielmehr: Ist jemand, der rassistische Plattitüden von sich gibt, deswegen schon rassistisch? So etwa hatte der ARD-Chefredakteur Kai Gniffke in den „Tagesthemen“ gefragt und darüber hinaus vor einem inflationären Gebrauch der Etikettierung „rassistisch“ gewarnt. Mit seiner Ansicht, dass auf diese Weise gesellschaftliche Grenzen nur allzu leicht verschwimmen, hat Gniffke seinerseits einen Shitstorm ausgelöst. Eine Antwort kam umgehend vom Spiegel-Kollegen Haznain Kazim per Twitter: „Sorry, was für ein Nonsense. Nur weil leider viele Menschen rassistisch sind, soll man Rassismus nicht mehr Rassismus nennen, sondern nur noch die besonders rassistischen?“

Ein guter Punkt, gern hätte man nun gewusst, ob und wie die Sache weitergehen könnte. Doch obwohl die sozialen Medien wechselseitige Interaktionen durchaus erlauben und nicht selten geradezu herausfordern, werden sie meist als eindimensionale Meinungsmaschinen benutzt. Scharf und witzig soll sein, was per Twitter und Facebook auf Sendung geht, und wer eine gewisse Nachdenklichkeit signalisiert, hat in der Welt des ultimativen Schlagabtauschs schon verloren.

Projekt „Deutschland spricht“ will zur Diskussion anregen

Von einem schmerzhaften Experiment, das davon handelt, die Meinung eines anderen auszuhalten, hat der Journalist und Sachbuchautor Jürgen Leinemann einige Jahre vor seinem Tod im Jahr 2013 berichtet. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er sich auf das Ritual verständigt, jeweils zum Jahresende dem Partner beim Strandspaziergang eine Stunde lang oder länger ohne Unterbrechung zuzuhören. Danach war der andere an der Reihe. Es war eine Schule des Vertrauens, aber auch eine der Neugier und des Respekts. Jürgen Leinemann führte überzeugend aus, dass diese Form der praktizierten Gesprächskultur eine bindende und verbindliche Quelle für eine gute und dauerhafte Ehe ist. Sollte man daraus nicht auch für gesellschaftliche Auseinandersetzungen etwas lernen?

In spielerischer Form macht sich das medienübergreifende Projekt „Deutschland spricht“ dieses geduldige Wechselspiel von Zuhören und Sprechen zu Eigen. Viel zu selten treffen wir heute auf Menschen, die gänzlich anderer Meinung sind als wir, und wenn wir es tun, sparen wir kontroverse Themen lieber aus. Vielleicht ist das Bedürfnis nach privater Behaglichkeit auch ein Grund dafür, dass öffentliche Debatten oft so unerbittlich verlaufen. Es ist nun einmal viel angenehmer, die eigenen Argumente bestätigt zu bekommen, als sie in der Kontroverse mit anderen zu schärfen und gegebenenfalls sogar zu verwerfen.

„Deutschland spricht“: Machen Sie mit!

Die Berliner Zeitung lädt in der von der Wochenzeitung Die Zeit und Zeit online entwickelten Aktion „Deutschland spricht“ dazu ein, die eigene Meinungsfreude im Gespräch mit einem unbekannten Gegenüber zu erproben. Das bereits zum dritten Mal stattfindende Gesprächsformat ist Unterhaltung im buchstäblichen Sinn und setzt bei aller Lust am sozialen Experiment auf emphatische Weise auch darauf, dass gesellschaftlicher Fortschritt vor allem aus der Durchsetzung der besseren Argumente hervorgeht. „Deutschland spricht“ ist praktizierte Offenheit. Machen Sie mit!