Al Pacino.
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BerlinEr kann die Rampensau sein. Er spielt dann laut und überdeutlich für eine Galerie, die nicht da ist. Vor ihm öffnet sich kein Theaterraum, der die großgestische Projektion auffangen und abmildern könnte. Vor ihm steht lediglich eine Filmkamera, die noch die feinsten Nuancen verzeichnet und die vor dem immensen Ausdruck, der da auf sie eindringt, erzitternd zu weichen scheint; fast hat man Angst, die Linse könnte zerspringen.

Andererseits sind eben dies auch jene Momente, für die man Al Pacino liebt. Für seine Leidenschaft und für seine Hemmungslosigkeit und für seine Hingabe an die Schauspielerei: Mimik, Gestik, Artikulation. Wie auch sollte sich sein enthusiastischer Charakter nicht widerspiegeln in seinen Figuren? Figuren, die Pacino spielt mit je unterschiedlichen, aber immer wild gewagten Mischungen aus viriler Energie und affektivem Aktionismus, Machismo und Sensibilität, (Un-)Vernunft und Gefühl. Nicht aber Hysterie.

Die Hysterie ist ein emotionaler Aggregatzustand, den eine Pacino-Figur nicht kennt. Alle Arten von Verzweiflung, die ja, Zustände der Rat- und der Hoffnungslosigkeit, auch die, Wut, Zorn und Trauer sowieso, nicht aber die Entgleisung und Auflösung der Persönlichkeit ins Selbstzerstörerische.

Al Pacino, der Kämpfer. Geboren am 25. April 1940 in Manhattan, New York. Als Kind italienischstämmiger Einwanderer wächst Alfredo James Pacino, dessen Eltern sich früh schon scheiden lassen, bei den Großeltern in der Bronx auf. Er eckt an, er treibt sich rum, er schmeißt die Schule, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs; schließlich wählt er die darstellende Kunst, die es ihm von Kindheit an angetan hat, zur Profession und absolviert eine Ausbildung unter anderem am Actors Studio, wo man lernt, eine Figur mit dem ganzen Wesen zu durchdringen und sie eher zu leben, denn zu repräsentieren. Nach ersten Erfolgen am Off-Broadway übernimmt Pacino 1971 die Rolle des heroinsüchtigen Bobby in Jerry Schatzbergs „Panik im Needle Park“ und erregt mit seiner Darbietung die Aufmerksamkeit auch der Filmwelt.

Die Rolle des Michael Corleone in Francis Ford Coppolas "Der Pate" machte Al Pacino berühmt. 
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Im Jahr darauf besetzt Francis Ford Coppola den Newcomer gegen den Widerstand des Produzenten als Michael Corleone in seiner Verfilmung von Mario Puzos Bestseller-Roman „Der Pate“. Der Rest ist Geschichte: globaler Durchbruch über Nacht, Weltruhm. In den folgenden Jahren schreibt Al Pacino sich unter anderem mit Gangstern („Hundstage“, „Scarface“, „Carlito’s Way“), Gendarmen („Serpico“, „Cruising“) und Rädelsführern („City Hall“, „Im Auftrag des Teufels“) in die Filmgeschichte ein und etabliert sich als einer der ikonischen männlichen Starschauspieler seiner Zeit. Dabei hat er es immer verstanden, seine Leinwand-Persona als unmissverständlicher Hetero und Platzhirsch im Zusammenspiel mit anderen nicht in die Männer-Variante eines Zickenkriegs ausgreifen zu lassen.

Pacino ist großzügig genug, seinem Schauspielpartner jenen Raum zu lassen, in dem der zur Geltung kommen kann. Also sieht man ihn neben Kalibern wie Robert De Niro („Heat“), Russell Crowe („The Insider“) oder Johnny Depp („Donnie Brasco“) – die ja allesamt   keine   Minimalmimen sind – nur umso lieber.

Und wird zum Augenzeugen eines Gipfeltreffens schauspielender Giganten, die sich in Gegenwart des respektierten Schauspielpartners in der Handhabung des darstellerischen Bestecks üben. Im Laufe seiner langen   Karriere erhält Pacino etliche Preise – unter anderem wird er acht Mal für den Oscar nominiert (erstmals für „Der Pate“, zuletzt in diesem Jahr für Martin Scorseses „The Irishman“) und bekommt ihn schließlich 1993 für seine Rolle des zänkischen blinden Säufers Frank Slade in „Der Duft der Frauen“.

Durch Höhen und Tiefen, die es bei ihm im Kino auch gab, blieb er immer dem Theater treu; Pacino war lange Mitglied der David Wheelers Experimental Theatre Company in Boston, er gehört dem Präsidium des Actors Studio an; und sein Regiedebüt „Looking for Richard“ (1996), bei dem er auch die Produktion übernahm, das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielte, war eine theatrale Reflexion über Shakespeares Königsdrama „Richard III“, den Charakter des Stücks wie auch der Titelfigur. Pacino, der mit und vor der Kamera groß geworden ist, weiß genau, was er tut, wenn er mit seinem Method-Actor-Ego die Hellhörigkeit der filmischen Apparatur herausfordert. Er ist kein Bühnenschauspieler, der sich vor die Kamera verirrt und dort dann die Mittel falsch abmisst.

Vielmehr spielt er mit ihr ein Spiel zwischen Grenzverletzung und Bestrafung: Wie weit lässt sich die Übergriffigkeit treiben und dabei noch der Sanktion entgehen? Wie schmal ist der Grat zwischen Ausdrucksstärke und Lächerlichkeit? Und lässt er sich womöglich noch schmaler schleifen? Also wartet man auf die Ausraster der Pacino-Figur, denn man hat sie lieben gelernt als Reaktion auf die existenzielle Zumutung des Lebens. Die Contenance wahren angesichts der Kapriolen des Daseins? Nicht mit ihm!